Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

"… dann wurde ich zum Hitlerverehrer": Ein Ex-Neonazi erzählt | BR24

© BR

Felix Benneckenstein, Neonazi-Aussteiger

28
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

"… dann wurde ich zum Hitlerverehrer": Ein Ex-Neonazi erzählt

Felix Benneckenstein hat zwei Leben: Da ist einmal der Mann von heute, der sich gegen Rechtsextremismus einsetzt. Und da ist der Jugendliche, der antisemitische Musik produzierte. Warum gelang ihm, woran viele scheitern: der Bruch mit der Szene?

28
Per Mail sharen
Teilen

Felix Benneckenstein sieht man seine Vergangenheit nicht an: lockerer Kapuzenpulli, aufmerksame Augen, freundliche Ausstrahlung. Vor einigen Jahren war das noch anders. Als Teenager schloss sich Felix der Neonazi-Szene in Erding an. Er produzierte rechtsradikale Musik, leugnete den Holocaust und verbreite rechtsradikale Propaganda. Wenn er heute darüber spricht, dann erschrickt er über sich selbst:

"Ich habe jeden Tag versucht, Leute zu erreichen, die man für Volksgenossen hält - und bei anderen habe ich versucht, sie einzuschüchtern: Jugendliche, die man für links hielt, oder auch Lokaljournalisten." Felix Benneckenstein, Neonazi-Aussteiger

"Wir haben in Bayern leider all das da, was man als Neonazi braucht."

Felix war 14, als er anfing, mit der rechten Szene zu sympathisieren. Die Strukturen waren da: Er beschreibt, wie es mitten in der Innenstadt in Erding ein Geschäft gab, in dem man Nazi-Klamotten kaufen konnte. "Wir haben in Bayern leider all das, was man als Neonazi braucht." Für einen Jugendlichen, der gern Grenzen austestet, war das damals verführerisch. Gerade weil Felix' Familie offen, liberal und erklärt gegen Rechtsextremismus war, funktionierte die maximale Provokation: Als Felix das erste Mal mit Nazi-T-Shirts nach Hause kam, waren seine Eltern geschockt. Sein kleiner Bruder hat das Downsyndrom - auch das hielt Felix nicht davon ab, der menschenverachtenden Nazi-Ideologie immer mehr zu glauben.

Rebellion gegen die Eltern

Zum Bruch mit seiner Familie kam es, als Felix seine Eltern davon überzeugen wollte, dass es in Deutschland keine Gaskammern gegeben hätte. "Ab da war kein normales Gespräch mehr möglich", sagt er. Heute analysiert er die Dynamik von damals sehr präzise:

"Je mehr ich mich von meiner eigenen Familie entfremdet hab, desto mehr wurde die rechten Szene zur neuen Familie." Felix Benneckenstein, Neonazi-Aussteiger

Im Rechtsrock und in der lokalen NPD fand er ein neues Zuhause: "… und dann wurde ich zum Hitlerverehrer." Der Nationalsozialismus als Lebensentwurf. Heute bereut er zwei Dinge: Neonazi geworden zu sein, und: jeden Tag aufs Neue Neonazi geblieben zu sein.

Zweifel an der Neonazi-Ideologie wachsen

In den zehn Jahren, in denen Felix Beneckenstein in der rechten Szene war, wurden ihm immer wieder Risse in der Neonazi-Ideologie bewusst. Es dauerte aber Jahre, bis er daraus Konsequenzen zog. Auch aus Angst, sein komplettes soziales Umfeld zu verlieren. Ausschlaggebend war seine Begegnung mit seiner Freundin Heidi. Sie war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in der rechten Szene, entstammte einer Familie, die ein nationalsozialistisches Weltbild hat.

© BR.de

Ein ehemaliger Neonazi erzählt, wie er den Ausstieg aus der rechten Szene geschafft hat.

Der Ausstieg aus der rechten Szene

Gemeinsam wagten sie den Ausstieg. Sie heiraten, seine Frau wird später eine Autobiographie schreiben: "Ein deutsches Mädchen." Der Ausstieg gelang nur, weil sich beide Hilfe holten. Felix erinnert sich: "Ich habe dann irgendwann nachts, sicherlich nicht mehr nüchtern, eine Mail an "Exit" geschrieben." Seit 19 Jahren bietet Exit Deutschland Aussteigern aus der rechten Szene Hilfe an. Ohne deren Hilfe sagt Felix, hätte er es nicht geschafft:

"Es ging dann relativ schnell, dass mein damaliger Ausbildungsbetrieb mich als Nazi gegoogelt hat - und ohne die Vermittlung von Exit wäre ich da sofort wieder rausgeflogen."

Außerdem half das Programm ihm dabei, seine neue Wohnadresse zu schützen.

De-Radikalisierung vor Finanzierungsaus

750 Aussteiger hat "Exit"-Deutschland betreut. Felix arbeitet mittlerweile selbst dort. Doch derzeit ist ungewiss, wie es weitergeht: Das Familienministerium hat die Finanzierungskriterien ab 2020 geändert. Ausstiegsberatung kommt in der neuen Ausschreibung nicht mehr vor. Felix sieht im Ende des Deradikaliserungs-Programms eine große Gefahr: Menschen wie er, die aus der rechten Szene raus wollen, würden dann allein gelassen. Er will den Weg weitergehen - und Menschen helfen, die den Schritt in ein neues Leben wagen wollen. Der Bedarf dafür ist da.

© BR

Seit 2015 wird Exit als einziger Träger im Themenfeld "Ausstiegsberatung" vom Bundesfamilienministerium gefördert. Im neuen Programm ab 2020 komme die "Ausstiegsberatung" nicht mehr vor. Bis Jahresende müssen deshalb 115 Fälle "abgewickelt" werden.