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Daimler-Diesel und das Thermofenster – alles nur vorgeschoben? | BR24

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Streit ums "Thermofenster": Bei etwa 20 Grad filtern die Fahrzeuge Abgase voll. Diese Bedingungen herrschen auch auf den Prüfständen. Liegt die Temperatur darunter- wie hierzulande meistens - wird die Abgasreinigung gedrosselt oder abgeschaltet.

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Daimler-Diesel und das Thermofenster – alles nur vorgeschoben?

Dass die Abgasreinigung bei Diesel-Fahrzeugen der Schadstoffklasse Euro 5 nur bei bestimmten Außentemperaturen funktioniert, wurde im Zuge des VW-Skandals bekannt. Ist das "Thermofenster" echt notwendig, wie die Autoindustrie sagt? Es gibt Zweifel.

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20 bis 30 Grad – bei dieser Außentemperatur ist die Abgasreinigung bei Diesel-Fahrzeugen der Schadstoffklasse Euro 5 am effektivsten. Und nicht nur das: Diese Bedingungen herrschen in der Regel auch auf Abgas-Prüfständen. Die Berliner Anwaltskanzlei Gansel hat sich auf Diesel-Fälle spezialisiert und bearbeitet inzwischen fast 30.000 Verfahren.

Die Kanzlei hat kürzlich Messungen an einem Daimler C250 der Schadstoffklasse Euro 5 in Auftrag gegeben, um zu überprüfen, ob das zentrale Argument der Hersteller schlüssig ist – die Notwendigkeit der temperaturabhängigen Abgasreinigung aus Motorschutzgründen. Die Hersteller verwenden dafür den Begriff "Thermofenster", sie berufen sich dabei auf die EU-Verordnung 715/2007. Die Verwendung einer solchen Funktion zum Schutz von Bauteilen sei "grundsätzlich zulässig", so die Auffassung von Volkswagen und anderen Autobauern wie Daimler, Opel oder Volvo.

Die aktuellen Daimler-Messungen stammen von der Dr Pley GmbH, die auch Hardware-Nachrüstsysteme für Diesel-PKW konstruiert hat. Ihrer Meinung nach ist bei diesen Messungen der Nachweis gelungen, "dass zum Herstellungszeitpunkt des Fahrzeugs (2011) die technischen Möglichkeiten vorhanden waren, um zuverlässig niedrige NOx-Emissionen auch bei Außentemperaturen unter 20 Grad Celsius zu garantieren", so der Messbericht. Danach hätten die Kosten für die notwendigen zusätzlichen Bauteile bei 50 bis 100 Euro gelegen.

Jurist: "Demaskierung des Thermofensters"

Zudem hätten die Messungen gezeigt, "dass es nicht möglich ist, die wenig effektive Abgasreinigung mittels Software-Anpassung zu verbessern, ohne die Beschädigung des Motors oder anderer Teile zu riskieren".

Rechtsanwalt Timo Gansel spricht vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse von der "Demaskierung des Thermofensters". Daimler verschleiere damit die Rechtswidrigkeit der Abschaltung der Abgasreinigung, indem auf dem Prüfstand die Stickoxidgrenzwerte nur deshalb eingehalten worden seien, weil dort Außentemperaturen von 22 bis 27 Grad Celsius herrschen. Seine Kanzlei will deswegen Daimler und weitere Automobilhersteller in insgesamt acht Verfahren auf Kostenübernahme für eine Hardware-Nachrüstung verklagen.

Daimler: Gerichte urteilen zu unseren Gunsten

Daimler weist die aufgrund der Messungen erhobenen Vorwürfe zurück, ohne die Ergebnisse im Detail zu bewerten. Auf Anfrage teilte ein Unternehmenssprecher mit, Landgerichte hätten "in über 95 Prozent der Fälle zu Gunsten des Unternehmens geurteilt, bei den Oberlandesgerichten gibt es mittlerweile 40 Entscheidungen zu unseren Gunsten, keine gegen uns".

Für mehr Klarheit bei diesem Thema dürfte in wenigen Wochen der Europäische Gerichtshof sorgen. Ein für Ende Januar geplanter Termin soll nach jetzigem Stand im März nachgeholt werden. Dann will Generalanwältin Eleanor Sharpston eine erste Einschätzung vorlegen, ob eine temperaturgesteuerte Abgasreinigung grundsätzlich überhaupt zulässig ist.