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Dachlawinen und Schnee auf Flachdächern: Risiken und Rechtslage | BR24

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Mit einem Legostein hat BR-Korrespondent Hans Häuser gestern markiert, wo die Schneedecke endet. Heute ist der Stein zentimetertief unter dem Neuschnee verschwunden. Und vom Dach her droht langsam Gefahr. Eine Lagebericht aus Inzell.

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Dachlawinen und Schnee auf Flachdächern: Risiken und Rechtslage

Nach Straßen und Schienen gerät jetzt ein weiterer winterlicher Problembereich in den Fokus: Unter der Schneelast ächzende Hausdächer. Einstürze, Gebäudeschäden und vor allem Dachlawinen drohen. Was zu tun ist, wer im Zweifel haftet - ein Überblick.

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Der Winter hat Süddeutschland und die Alpenregionen fest im Griff, auch in den kommenden Tagen warnt der Deutsche Wetterdienst vor teilweise sehr ergiebigen Schneefällen. Herausforderungen bringt dies nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch für Haus- und Immobilienbesitzer. Denn der Schnee belastet Dachkonstruktionen teilweise erheblich.

Vorsicht bei Schrägdächern

Bei Schrägdächern kann die Schneelast sehr gefährlich werden, wenn ein Gemisch aus Eisplatten und Schnee in Bewegung gerät. Solche Dachlawinen sind für Passanten potenziell lebensgefährlich. Problematisch sind auch die sogenannten Sheddächer, die von der Seite aussehen wie Sägezähne. Fallen große Schneemassen, rutschen sie nach unten und sammeln sich wie in einem Trichter, was die Schneelast enorm verstärken kann.

Nasser Schnee wiegt erheblich mehr als Pulverschnee

Je nach Menge und abhängig von der Witterung kann sich auch eine zunächst unkritische Schneedecke in eine tonnenschwere Belastung verwandeln. So wiegt Pulverschnee weitaus weniger als nasser und gesättigter Schnee. Wechseln sich Frost- und Tauperioden ab, können kritische Überlasten entstehen. Große Hallen mit Flachdächern oder leicht geneigten Dächern sind besonders gefährdet, warnt der TÜV Rheinland.

Aufbauten auf dem Hallendach können das Problem noch verschärfen. Ragt beispielsweise ein Treppenhaus aus dem Hallendach hervor, bilden sich an dessen Seitenwänden durch Verwehungen dreieckige Schneekeile, die zusätzlich aufs Dach drücken.

Zehn Zentimeter Pulverschnee wiegen pro Quadratmeter etwa 10 Kilogramm, die gleiche Menge Nassschnee bereits bis zu 40 Kilogramm. Gefriert der Schnee zu Eis, erhöht sich das Gewicht schnell auf 90 Kilogramm - und das pro Quadratmeter.

Rechtslage im Schadensfall

Kommt es durch eine hohe Schneelast zu Schäden an der Immobilie und dem Inventar, so greift die Wohngebäude- oder Hausratversicherung erst einmal nicht. Stattdessen springt - soweit vorhanden - die Naturgefahrenversicherung ein", erklärt Peter Meier, Vorstandsmitglied bei der Nürnberger Versicherung. "Eine bestehende Wohngebäude- oder Hausratversicherung kann jedoch in der Regel problemlos um den Baustein "Weitere Naturgefahren" ergänzt werden. Die Versicherung leistet dann auch bei Schäden durch Erdrutsch und Erdfall, Lawinen, Hochwasser sowie Überschwemmungen nach Starkregen."

Ab dem 1. Juli 2019 wird die Bayerische Staatsregierung keine staatliche Soforthilfe mehr zahlen, wenn die Schäden versicherbar gewesen wären. Daher sollten Hausbesitzer ihr Heim auf jeden Fall vor den Folgekosten einer Naturkatastrophe absichern.

Bei Dachlawinen hängt es vom konkreten Einzelfall ab, wer die entstandenen Schäden übernehmen muss. Prinzipiell gilt: Beschädigt eine Dachlawine das Auto, kommt die Vollkaskoversicherung für die entstandenen Kosten auf. Werden dagegen Fußgänger verletzt, muss unter Umständen auch der Hausbesitzer beziehungsweise dessen Haftpflichtversicherung zahlen.

Schneelast selbst bestimmen - so geht's

In München etwa seien die Hausdächer meist bereits darauf ausgelegt, etwa 100 bis 110 Kilogramm pro Quadratmeter zu tragen, weiß Norbert Gebbeken, Professor für Baustatik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. Im Voralpenland sind die vorgesehenen Schneelasten zum Teil noch deutlich höher angesetzt. Welcher Schneelastansatz aber genau für das Gebäude gilt, stehe in den Statikpapieren des Hauses.

Wie schwer der Schnee nun wirklich ist, kann man im Zweifelsfall selbst feststellen: Dabei sticht man eine Fläche von 10 mal 10 Zentimeter aus, gibt den Schnee in einen Topf und wiegt ihn. Das Gewicht des Topfes muss dabei natürlich abgezogen werden. Das Ergebnis nimmt man mal 100 und dann bekommt man die Kilogramm pro Quadratmeter.

Vorsichtsmaßnahmen treffen

Wer kleinere Flachdächer selber vom Schnee befreien möchte, sollte äußerst vorsichtig vorgehen. Bei einer dicken Schneedecke sieht man nicht, wo man hintritt. Dacheinbauten wie Oberlichter unbedingt kenntlich machen, um Unfälle zu vermeiden, empfiehlt der TÜV Rheinland. Arbeitende Personen sollten abgesichert sein und den Schnee von verschiedenen Seiten abtragen, um einseitige Belastungen zu vermeiden. Bei Flachdächern großer Hallen gilt: Ist die Schneelastgrenze erreicht, sollte professionelle Hilfe angefordert werden, um das Dach zu räumen.

Erinnerungen an die Katastrophe von Bad Reichenhall

Anfang 2006 waren bei einer Schneekatastrophe in Bayern etliche Gebäude zusammengefallen, weil sie nach meterhohen Schneefällen die enorme Dachlast nicht mehr tragen konnten. Beim Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall starben damals 15 Menschen.

Einzelne Hallen bereits geschlossen

In Oberbayern mussten gestern unter anderem die Turnhalle des Gymnasiums in Tegernsee und die Berufsschule in Miesbach abgeräumt werden. Die Stadt Bad Wörishofen hat die Eissporthalle seit gestern vorsichtshalber aufgrund der hohen Schneelast gesperrt. Wegen des starken Winds kann das Dach nicht geräumt werden. Auch die Gemeinde Pullach im Isartal hat auf die hohe Schneebelastung reagiert und ihr Hallenbad geschlossen. Die Messung gestern habe ergeben, dass etwa dreiviertel der erlaubten Schneemenge pro Quadratmeter erreicht waren. Das Bad werde wieder geöffnet, sobald das Dach geräumt ist, heißt es. Außerdem hat die Gemeinde Pullach den Friedhof heute bis auf Weiteres komplett gesperrt. Es könne bei den Bäumen jederzeit zu Schneebruch kommen.