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D-Day in Ichenhausen: Der Adlerwirt kapituliert | BR24

© dpa

Symbolbild: Ichenhausen

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    D-Day in Ichenhausen: Der Adlerwirt kapituliert

    Als am 27.April die Amis kommen, eilt er ihnen auf eigene Faust mit weißer Fahne entgegen. Josef Demharter, Wirt in Schwaben, ist ein unerschrockener Mann, seine Briefe sind ein Zeitzeugnis. Sie zeigen eine in dieser Zeit beachtliche Qualität: Humor.

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    Ichenhausen an der Günz: Ein idyllischer Ort in Schwaben, etwas größer als das nahe Legoland, aber weniger Besucher. 5.327 Einwohner - vor 1945 sind es knapp halb so viele. Ein Schulmuseum, eine Storch-Webcam. Weltgeschichte erwartet man hier eher nicht.

    Aber Geschichte passiert, überall. In Ichenhausen zum Beispiel gibt von 1687 an eine Synagoge, der Neubau von 1781 zählt zu den schönsten Gebäuden im Ort. Doch ab 1943 gibt es in Ichenhausen keine Juden mehr. Wer mehr darüber wissen will, kann bei Rafael Seligman nachlesen, dessen Vater Ludwig als Mittelstürmer des FC Ichenhausen bejubelt wird, bevor er 1933 mit seinem Bruder nach Israel emigrieren muss.

    Rafael Seligmann: "Lauf, Junge Lauf"

    Zum Buch - Interview mit dem Autor - Lesung von Axel Milberg (Bayern2Podcast)

    Nach dem Krieg wird die 1938 verwüstete Synagoge lange als Feuerwehrhaus zweckentfremdet.

    © Creative Commona (Wikipedia)

    Die alte Synagoge Ichenhausen

    Josef Demharter: Wirt, Braumeister, Briefschreiber

    Inzwischen ist sie ein Haus der Begegnung. Eine andere Begegnungsstätte in Ichenhausen: der Gasthof Adler, erbaut 80 Jahre vor der Synagoge. Wie oft in kleinen Orten ist der Wirt neben Pfarrer, Lehrer und Bürgermeister eine bestimmende Figur; manchmal ist er in Personalunion selbst Bürgermeister. Auch der Adlerwirt übt ab Juni 1945 das Bürgermeisteramt aus - auf Befehl der Besatzungsmacht, die ihn mit vorgehaltener Waffe zwangsverpflichtet. Die Amerikaner können sich keinen Besseren denken.

    Von 1919 an saß Demharter, dessen beide Brüder im Ersten Weltkrieg gefallen waren, für die Bayerische Volkspartei im Stadtrat und weigerte sich 1933 beharrlich, in die NSDAP einzutreten. Lieber schenkte er fortan nur noch Bier aus, an Freund und Feind, und in Notzeiten Freibier. Er beherbergte Nonnen, die von den Nazis ihrer Lehrpflichten entbunden wurden und plötzlich ohne Unterkunft dastanden. Und er trat dafür ein, dass die Synagoge in Ichenhausen nicht abgefackelt wurde. Demharter war es auch, der als erster mit der weißen Fahne auf die Amerikaner zuging.

    Fast täglich schreibt Demharter in gedrängter Schrift und Diktion Briefe an seinen Schwager. Heute sind sie im Besitz seiner Enkel; Gabriele Walter, Kulturreferentin der Stadt, hat sie ausgewertet. Sie zeigen, wie schleichend der Krieg in der schwäbischen Provinz Einzug hält: Einberufungen, Truppendurchmärsche, Rationierungen, Einquartierung - die Küche des Adlerwirts wird Feldküche. Mitte April 1945 wird Ichenhausen Kriegsschauplatz.

    14. April 1945: "Ich bin jünger geworden, vom Landsturm II zu Landsturm I, von garnisionsverwendungsfähig zu bedingt kriegsverwendungsfähig. …. Der Oberstabsarzt (Mayer) war sehr nett. Er meinte u.a., ich hätte wohl ein gutes Fass Vollbier mitbringen können. Meine Antwort: der Akt erscheint mir nicht feierlich, dass derselbe besonders begossen werden müsste.
    17. April: Heute war ein Andrang zum Bier holen, dass die Leute von 17 – 19 Uhr, wohl andauernd 30 Personen an der Schenke anstanden. … In 3 Wochen habe ich keines mehr zum Abgeben. ... Sonst verlief der Tag ohne besondere Vorkommnisse. Menschen und Möbeltransporte füllen die Straßen.
    18. April: "(Der Knecht) Peter hat sich wegen meines Weckens ¾ 6 Uhr krank gemeldet. Also bin ich Knecht, wieder einmal einen Posten mehr. Es geht alles vorüber. Heute war ich den ganzen Tag im Feld. … Einmal zählte unsere Lady sechs Wellen 240 Flugzeuge! Dann einzelne und dann ein ganz schwerer Viermotorer allein auf weiter Flur. Der Pole meinte: 'Chef, jetzt ist der Krieg bald aus, der fliegt allein umeinander und keine Jäger.' In Günzburg sind die Leute im Keller und können nicht herausgeholt werden. Ölwagen wurden auch getroffen, der Rauch und Qualm dringt bis zu uns herauf, Nordwestwind.
    19. April: Günzburg wird angegriffen, Ulm ebenfalls. In Ichenhausen zeigen sich auch Spuren. ... Beim Gärtner Müller Xaver fiel im Garten eine kleine Brisanzbombe. Die Schwägerin, eine Schwester der Frau Müller, hatte dort Wäsche aufgehängt. Die Wäsche wurde durchlöchert, besonders Einschlagtücher ...
    20. April: Die Panzerspitzen seien auf 7 km an Ulm herangerückt. Ein herrlicher Tag bricht an, den Menschen zum Spott. Alles grünt und die Hunnen, sie vernichten alles. Alles ist in Aufregung, als käme das Ende, derweilen geschieht nichts weiteres, als das, was die Deutschen anderen Völkern schon vorher antaten.
    21. April: Flugblätter wurden heute Nacht von fahrenden Autos geworfen. Aufforderung zum letzten Widerstand. Die Leute sagen: "die Herren sollen nur selber kämpfen."
    22. April: Mit gewaltiger Erschütterung wird eine Detonation hörbar. Die Leute schreien, alles stiebt auseinander. ... Die Küche sieht so viel Menschen wie noch nie. Den Köchen wird alles gegeben, was sie brauchen. Auch sie sind großzügig. Wir können kaum mehr an den Herd. Kolonnen und immer wieder Kolonnen. Alles auf Flucht und in Flucht. Unsere Köche mangeln einen ihrer Leute. Der hat abgehaut, sagen sie. Am Abend gab es Schweinsschnitzel. Sie sagen: "Das Schwein haben wir aus amerikanischer Gefangenschaft befreit.“ ... Die Erschütterung kam durch die Sprengung der Autobahnbrücke bei Leipheim – ein Meisterwerk.

    Die Amis rücken vor - die SS wütet

    Vom 23. bis zum 30. April schweigt der Briefschreiber. Aus dem Berichterstatter wird ein Hauptakteur. Am 27. April schreibt Demharters Tochter Wilhelmine in ihr Tagebuch: "Dies alles geschah ohne das Dabeisein meines Vaters, wo steckt der?" Amerikanische Panzer rollen durch die Stadt - "die Neger, wir getrauten sie uns nicht anzuschauen." Ein Angestellter des Magistrats fordert "Weiße Fahnen raus!" - zugleich laufen Gerüchte, die SS setze zur Kapitulation beflaggte Gebäude unter Artilleriefeuer. Vorm Bräuhaus hängt ein Kissenbezug, die weiße Flagge auf dem Kirchturm holt Wilhelmine vorsichtshalber wieder ein. Dann sucht sie zusammen mit ihrer Freundin Roswitha den Vater:

    "Wir kamen bis zur Günzbrücke, wo uns erst ein Toter überraschte, der an der linken Seite der Straße lag. Ein kleines Blutbächlein ist ihm über das Gesicht gelaufen. Jedenfalls ein Soldat, der durchbrennen wollte in Zivil. Mein Vater hatte ihn in der letzten Nacht noch angerufen, er solle sich von der Straße entfernen, sonst sei er ein Opfer des Todes, worauf er nichts zur Antwort gab und weiter ging." Wilhelmine Demharter

    Die SS, berichtet ein weiterer Zeuge, ist gnadenlos auch in der Stunde ihres Untergangs.

    "Die SS-Soldaten ließen dahier kein gutes Andenken zurück, es waren besiegte, fliehende Leute. Sie nahmen, um sich zu sichern und schnell fortzukommen, den Leuten, auch Frauen und Kindern, die Fahrräder wahllos hinweg, auch Wagen, Autos und Pferd (Adlerwirt), requirierten Lebensmittel." Aufzeichnungen von Heinrich Sinz

    Als Wilhelmine den Vater endlich findet, scheucht der sie nach Hause. Wo er gesteckt hat? Aus mehrere Quellen formt sich dieses Bild: Als im Morgengrauen die Amerikaner anrückten, beschwor Demharter auf der Straße die Ichenhausener, ja nicht zu schießen. Dann schnappte er sich eine weiße Fahne und lief den Panzern entgegen. Alles auf eigene Faust - der damalige Bürgermeister hatte sich in seinem Keller versteckt.

    Notizen aus der Niemandszeit

    "Niemandszeit" nennt Demharter die Tage Anfang Mai. Er berichtet wieder selbst: dass Hitler in der Reichskanzlei "gefallen" sei; vom Ansturm befreiter "Ostarbeiter" auf die Kaufhäuser der Stadt; der Einquartierung der rückflutenden Soldaten in die Synagoge und das zum Lazarett umfunktionierte Untere Schloss.

    "Des Kampfes müde, durchziehen sie in allen möglichen Kleidungen vom Gassenhauer bis zum Gentleman die Stadt. Der Amerikaner nimmt keine Notiz, obwohl er bestimmt annehmen muss, dass es Soldaten in Zivil sind." Brief Josef Demharter

    Dazu kommen immer mehr Flüchtlinge und Evakuierte - bald werden es ähnlich viele sein, wie es angestammte Ichenhausener gibt.

    Die Besatzer laden auf

    Und auch dies: "Der Ami ist schon wieder am Schnaps". Die Besatzer laden "tüchtig auf", konfiszieren Möbel, Operngläser, auch Eier; manchmal gibt es Zigaretten dafür. Dafür haben schon am 5. Mai - drei Tage vor der "Gesamtkapitulation" - die Straßen ihre alten Namen zurück - die "Straße der SA" heißt jetzt wieder Sankt-Anna-Straße.

    Der Wirt wird Bürgermeister

    Dass er ab dem Sommer mit all diesen Dingen beruflich zu tun haben wird, weiß Demharter da noch nicht. Im Juni ernennen die Amerikaner ihn gegen seinen Willen zum Bürgermeister seiner Stadt. Was er - mehrfach mit breiter Mehrheit wiedergewählt - für 19 Jahre bleiben wird. Erst drei Jahre vor seinem Tod tritt er mit 74 Jahren vom Amt zurück.

    Auch am Tag, als die NS-Herrschaft endgültig Geschichte ist, berichtet Josef Demharter aus Ichenhausen - mit für ihn ungewohntem Pathos:

    "[Montag, 7. Mai] Der erste Sud Bier wird heute unter der amerikanischen Besatzung, allerdings ohne ihr Zutun oder Wissen, gemacht, um der Masse etwas für den Durst geben zu können. Ob ich es erlebe, zu brauen, ohne dass fremde Mächte den deutschen Boden besetzt halten? Gegen Spätnachmittag hört man am Radio von einer Gesamtkapitulation, die den Ernst der Dinge dem Volke näher bringt. Furchtbar haben die deutschen Nichtskönner und Alleswisser ihr Volk in die Wüste hineingeführt. ... Der Schweizer Sender gibt eben die Meldung durch, dass von den alliierten Mächten der morgige Tag als Friedenstag 8.5.1945 begangen wird und für uns Beginn und Fortsetzung der schon in so großer Fülle vorhandenen Leiden und Kümmernisse. Gebe uns der Schöpfer Kraft, dies alles zu tragen. Gott sei gedankt, dass diese Tyrannen von Nazi weg sind."

    Archivauswertung: Gabriele Walter