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Covid-19-Patient: Es geht ganz langsam aufwärts | BR24

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Behandlung von Corona-Spätfolgen in Reha-Kliniken

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Covid-19-Patient: Es geht ganz langsam aufwärts

Im August hat BR24 erstmals Erich Altmann in der Reha besucht. Der 52-jährige hatte einen schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung. Drei Monate später besuchte ihn das BR-Team wieder. Es geht ganz langsam aufwärts - im wahrsten Sinne des Wortes.

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Von
  • Claudia Grimmer

Erich Altmann winkt uns vom Rollstuhl aus zu. Mitte März erwischte es den Journalisten aus Straubing mit einer schweren Erkältung. Die Testung ergab das Ergebnis "positiv SARS-CoV-2". Wenig später musste er für 14 Wochen ins künstliche Koma versetzt werden. Seitdem kämpft er sich langsam ins Leben zurück.

Erfolg nach drei Monaten: die ersten Schritte

Nach der Intensivbehandlung kam Altmann in die neurologische Reha-Klinik des Bezirkskrankenhauses in Erlangen. Von dort wurde er nach Mainkofen und vor einer Woche nach Schaufling in die Reha verlegt. Die Symptome des Sportreporters des Straubinger Tagblattes erinnern an einen Schlaganfall. Doch er hatte keinen. Immer mehr wird klar: Corona kann vielfältige Krankheitsbilder aufweisen. Die Mediziner sprechen von einer Kombi-Erkrankung, weil oft nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz oder Gefäße betroffen sind. Zunehmend wird klar, dass auch schwere neurologische Schäden aus der Krankheit resultieren können, wie Gedächtnisverlust.

Altmann ist ein Kämpfer. Er trainiert abends für sich, tagsüber mit Physiotherapeuten, Logo- und Ergotherapeuten. Mittlerweile kann er vom Bett alleine in den Rollstuhl. Seine Sprachfähigkeiten haben sich verbessert. Lukas Maurer hält seinen Patienten an Bauch und Rücken fest. Die Aufgabe, die ihm der Physiotherapeut heute stellt: zum ersten Mal Treppensteigen. Ganz langsam versucht Erich Altmann seine Füße parallel aufzustellen und sich mit zwei Händen am Geländer hochzuziehen. Langsam und noch unsicher erklimmt er die ersten Stufen. Oben muss er pausieren. Die Luft geht ihm noch immer schnell aus. Laufen oder gar Treppensteigen sind mit unglaublichen Kraftanstrengungen verbunden.

"Ich habe sehr großen Rückhalt von der Familie, von den Kollegen und von den vielen Freunden. Ich bekomme täglich Nachrichten. Die bauen mich auf und geben mir positive Energie." Erich Altmann, Covid-19-Patient

Was ihn antreibt, ist seine Familie: seine Frau und die vier Kinder. Niemand weiß, ob er sich vollständig von der Krankheit erholen wird. Andere Patienten zeigen starke Schädigungen an Leber, Herz und Verdauungsorganen. Altmann hat noch einen langen Weg bis zu einer relativen Genesung vor sich. Wie lange es dauern wird, weiß niemand.

"Ich weiß, ich habe noch einen langen Weg vor mir, aber es geht voran. Das ist sehr positiv." Erich Altmann, Covid-19-Patient
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Vor drei Monaten hat ein BR-Team Erich Altmann, zum ersten Mal besucht: Er ist einer von den zehn Prozent der Covid-19-Patienten, die schwer erkranken. Vom Uniklinikum Regensburg aus begann der lange Weg der Genesung...

Neurologische Langzeitfolgen bei Corona-Patienten

Primär ist in der Regel bei Covid-19-Patienten die Lunge betroffen, oft aber auch das Herz und neurologische Bereiche. Eine im Fachjournal "Neurology" veröffentlichte Studie unter 4.500 Patienten in New York hat gezeigt, dass bei 13 Prozent der Corona-Patienten, die im Krankenhaus behandelt wurden, "ernsthafte neurologische Komplikationen" festgestellt wurden.

Die Zahl an Schlaganfällen bei Covid-19 Patienten sei nicht verwunderlich, so Frank Erbguth, ärztlicher Direktor der Neurologie im Klinikum Nürnberg. "Wir wissen, dass das Virus Veränderungen in den Gefäßwänden machen kann und auch die Gerinnung verändert, so dass Durchblutungsprobleme, Schlaganfälle und auch Herzinfarkte vermehrt auftreten können", so der Neurologe.

Langzeitfolgen auch bei leicht Erkrankten

Beunruhigender sei, erklärt Erbguth, dass auch immer mehr Patienten mit leichten Krankheitsverläufen über verlangsamte Denkabläufe berichten. Problematisch sei derzeit, dass viele Patienten dies nicht bei Hausärzten angeben oder dies nicht weiter gesammelt werde, um die Phänomene dann besser zu sammeln und auswerten zu können, so Erbguth.

"Ob daran psychische Verarbeitungsmechanismen, depressive Mechanismen oder tatsächlich Entzündungsmechanismen im Gehirn eine Rolle spielen, ist noch unklar." Frank Erbguth, Ärztlicher Direktor Neurologie, Klinikum Nürnberg

Ganz neu ist bei Covid-19-Patienten ein sogenanntes Undine-Syndrom feststellbar. Es handelt sich dabei um eine Störung der Atemregulation. Das sei so eine Art Atemblockade oder Atemangst - und zwar nicht von Patienten, die beatmet wurden, sondern von Menschen, die eigentlich von ihrer Atmung in der Akuterkrankung kein Problem hätten, erklärt der Neurologe Erbguth.

"Die Patienten haben Angst, dass sie nachts das Atmen aufhören, aber das wissen wir nicht, warum das jetzt so ist. Sind da Viren im Hirnstamm aktiv gewesen, ist das autoimmun oder ist es psychisch? Wir wissen es nicht." Frank Erbguth, Ärztlicher Direktor Neurologie, Klinikum Nürnberg

Patienten bringen ganz unterschiedliche Beschwerden in die Reha mit

Nach den Akutbehandlungen müssen Schwererkrankte, wie auch Erich Altmann, zur Reha. Wie viele Covid-19-Patienten derzeit in Reha-Kliniken behandelt werden, ist nicht erfasst. Kostenträger sind in der Regel die Krankenkassen oder die Deutsche Rentenversicherung DRV.

Eine Erhebung sei schwierig, so die DRV, da "Patienten nicht mit der Diagnose 'Covid-19' in der Klinik aufgenommen werden, sondern wegen der Begleiterscheinungen". "Eine konkrete Aussage zur möglichen Anzahl von Rehabilitanden infolge einer Covid-19-Erkrankung sei demnach nicht möglich", erklärt die DRV. Die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation Degemed geht von einigen Hundert aus und die Zahl steige weiter an.

"Im Augenblick sind die Fallzahlen mit Covid-Patienten in der medizinischen Reha noch relativ gering, aber wir rechnen fest damit, dass die Anzahl der Rehabilitanden stark ansteigen wird in den nächsten Wochen, und ob wir dann irgendwann an eine Kapazitätsgrenze stoßen, darüber kann man jetzt seriöserweise noch keine Prognose abgeben." Christof Lawall, Geschäftsführer Degemed

Interdisziplinäre Behandlung in Reha-Einrichtungen erforderlich

Klar ist aber, dass Covid-19-Patienten fachübergreifend behandelt werden müssen, das heißt, Ärzte aus verschiedenen Fachgebieten, aber auch Therapeuten aus unterschiedlichen Fachrichtungen müssen die Patienten weiterbehandeln. Auffallend sei, so beschreibt es Erich Altmanns behandelnder Arzt Dr. Dirk Czauderna, dass die Erkrankung wie ein Chamäleon sei, da sie ganz unterschiedliche Beschwerden verursache. Sie könnten manchmal alle Bereiche wie Neurologie, Orthopädie, Kardiologie und Pulmologie betreffen, so der Traumatologe.

"Das heißt, es müsste auch eine interdisziplinäre Behandlung erfolgen. Es wird begonnen, im ambulanten Bereich das zu machen: Über spezielle Zentren, besonders in Uni-Kliniken, also Corona-Nachsorgezentren. In den Rehakliniken fehlt das noch diese Interdisziplinarität und die müssten wir noch besser herstellen und über den Kostenträger abdecken können." Dr. Dirk Czauderna, Traumatologe, Reha-Klinik Schaufling

Kostenträger müssen umdenken

So unterschiedlich wie SARS-CoV-2 im Körper der Menschen wirkt, so unterschiedlich sind die Beschwerden, die sie in eine Reha mitbringen. Hier müssen nun Versicherungsträger wie auch Rehabilitationskliniken umdenken.

Die Reha-Kostenträger reagieren auf die neue Situation. Die DRV hat deshalb jetzt mehrere Studien in Auftrag gegeben. Unter anderem geht es auch darum, wie in Zukunft eine Behandlung für Covid-19-Patienten aussehen sollte. In der Studienerklärung heißt es dazu: Ziel der Erhebung sei, "Erkenntnisse gemeinsam für eine zukünftige Ausgestaltung der Rehabilitation nutzbar zu machen".

"Derzeit werden von unterschiedlicher Seite zwei- bis dreijährige Forschungsprojekte initiiert, um herauszufinden, inwiefern eine spezielle Versorgung für Covid-Patienten nötig werden kann, insbesondere, wenn es nähere Erkenntnisse zu Langzeitfolgen gibt." Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen

Die Deutsche Rentenversicherung will dazu einen Handlungskatalog erstellen lassen, um so auch beispielsweise den möglichen Qualifizierungsbedarf der Klinik-Mitarbeiter festzustellen.

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