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Coronavirus: Erneute Vorwürfe gegen Langenzenner Seniorenheim | BR24

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Vor allem Pflegeheime waren von der Corona-Pandemie betroffen. Das AWO-Seniorenheim in Langenzenn zum Beispiel: Mehr als die Hälfte der Bewohner war infiziert, 26 Menschen starben. Nun erhebt eine ehemalige Mitarbeiterin des Hauses schwere Vorwürfe.

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Coronavirus: Erneute Vorwürfe gegen Langenzenner Seniorenheim

Zu Beginn der Corona-Pandemie waren vor allem Pflegeheime stark betroffen. In Langenzenn starben 26 Bewohner eines Seniorenzentrums. Eine ehemalige Pflegekraft berichtet nun: Die Hygiene wurde schon vor Corona oft nicht eingehalten.

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Im AWO-Seniorenheim in Langenzenn (Lkr. Fürth) haben sich zum Beginn der Pandemie etliche Mitarbeiter und Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. 26 Bewohner des Pflegeheimes sind gestorben. Mitarbeiter berichteten dem BR schon im Mai von groben Mängeln im Umgang mit der Schutzausrüstung und auch davon, dass infizierte und nicht-infizierte Bewohner zusammen in einem Zimmer untergebracht waren. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth leitete daraufhin ein Vorermittlungsverfahren ein. Mittlerweile wurde es eingestellt.

Volle Windeln im Bett der Bewohner vergessen

Nun werden neue Vorwürfe gegen das Heim laut. Sie betreffen die Zeit vor der Corona-Pandemie. Eine ehemalige Pflegekraft berichtet dem BR, dass sie immer wieder Verstöße gegen Hygienestandards erlebt habe.

"Wenn ein Patient aus dem Krankenhaus kam und den MRSA-Keim hatte, war keine Schutzausrüstung vorhanden. Keine sterilen Handschuhe und kein Schutzkittel. Dann lagen teilweise die vollen Einlagen auf den Matratzen von den Bewohnern oder unter den Betten, weil einfach die Kollegin sie nicht zur Seite getan hat." Ehemalige Mitarbeiterin des Pflegeheims

Vorwurf: Gravierende Fehler

Auch beim Wechsel von Schutzausrüstung seien teils gravierende Fehler gemacht worden. Vorschrift sei eigentlich, dass Pflegekräfte, die das Zimmer eines infizierten Bewohners verlassen, ihre Schutzkleidung noch im Zimmer oder direkt davor ausziehen und entsorgen. Im Langenzenner AWO-Seniorenheim hingegen hätten die Mitarbeiter in ihrer Schutzausrüstung erst lange durch die Einrichtung laufen müssen, bis sie die Kleidung entsorgen konnten. Das Problem: Auf dem Weg dorthin ist es möglich, dass der MRSA-Keim oder Noro-Virus weiter verbreitet werden. Die Pflegekraft will diese Vorfälle gemeldet haben, auch der Heimleitung. Passiert sei aber nichts.

Reinigungskräfte halfen bei der Essensausgabe

Die ehemalige Pflegekraft berichtet weiter, dass Reinigungskräfte regelmäßig bei der Essensausgabe geholfen hätten. Auch habe sie immer wieder in den Zimmern der Bewohner nachputzen müssen.

"Wenn man in einem Zimmer einfach nur schnell, was ich jahrelang beobachtet habe, den Boden wischt und dann das Bad, das Klo manchmal nach dem Putzen noch dreckig ist, dann fehlt es bei der Hygiene." Ehemalige Mitarbeiterin des Pflegeheims

Während der Corona-Krise sei sie zwar nicht mehr im Heim beschäftigt gewesen, könne sich aber gut vorstellen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim Umgang mit der Schutzausrüstung überfordert waren. "Sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollen", so die ehemalige Pflegekraft im BR-Interview.

Heimleitung widerspricht vehement

Robert Schneider, Geschäftsführer des AWO-Seniorenheims, weist die Vorwürfe zurück. Diese seien dem Heim weder von Pflegern, noch von Angehörigen bekannt. Auch bei externen Kontrollen des Medizinischen Dienstes seien in den vergangenen Jahren keine derartigen Mängel festgestellt worden. Er könne die pauschalen Vorwürfe aufgrund täglicher Kontrollen durch Heimleitung, Pflegedienstleitung, Wohnbereichsleitung und Hauswirtschaftsleitung nicht nachvollziehen, so Schneider in einer schriftlichen Stellungnahme. Der Heimbeirat des Seniorenheims pflichtet dem bei.

Zu wenig Schutzmaterialien in Pflegeeinrichtungen

Dass zu Beginn der Corona-Pandemie zu wenig Schutzkleidung vorhanden war, beklagten viele Pflegeheime in Bayern. Der Präsident der Diakonie Bayern, Michael Bammessel, berichtete, die Diakonie habe viel Geld ausgeben müssen, um an Schutzausrüstung zu kommen. In den Pflegeeinrichtungen der Diakonie sei zwar stets ein Vorrat an Schutzausrüstung vorhanden. Der habe aber nicht ausgereicht.

"Ein großes Problem war von Anfang an, dass es keine Vorräte gab für Schutzkleidung - im geringen Umfang schon in unseren Häusern. Während einer Pandemie aber braucht es Millionen von Schutzmaterialien und die waren leider nicht vorhanden. Das hat es auch unseren Häusern sehr schwer gemacht. Aus unserer Sicht hätte es eine zentrale Bevorratung geben müssen. Wir haben uns sehr schwer getan, geeignete Schutzmaterialien zu bekommen." Michael Bammessel, Präsident der Diakonie Bayern

Die Hälfte der Corona-Opfer in Deutschland lebte in Pflegeheimen

Obwohl nur ein Prozent der Bevölkerung in Pflegeheimen lebt, sind die Hälfte aller Covid-19 bedingten Todesfälle in Pflegeheimen gezählt worden. Das zeigt eine Studie der Universität Bremen. Diakonie-Präsident Bammessel formuliert es vorsichtig: Es hänge auch am Pflegestandard, ob das Coronavirus in ein Heim gelange. Auch gut geführte Häusern seien nicht zu 100 Prozent geschützt. "Wenn einmal ein Keim in einem Heim ist, dann kann es leider Kettenreaktionen geben, die erst nach Tagen und Wochen beherrschbar sind", so Bammessel. Dennoch sei alle Anstrengung nötig, um die Bewohner vor dem Virus zu schützen.

"Fast jeder Mensch hat irgendeine Vorerkrankung. Aber das ist ja kein Grund, dass man sagt, da macht es nichts aus, wenn der stirbt, im Gegenteil: Man kann mit vielen Erkrankungen noch lange, auch glücklich leben und ein schönes Alter verbringen". Michael Bammessel, Präsident der Diakonie Bayern

Pflegeheime und Politik bereiten sich auf zweite Corona-Welle vor

Aktuell bereiten sich viele Pflegeheime in Bayern auf eine mögliche zweite Welle des Coronavirus vor. Die Bayerische Staatsregierung will ein Pandemie-Zentrallager einrichten. VdK-Präsidentin Verena Bentele appelliert in dem Zusammenhang an die Staatsregierung, die Bedürfnisse der Menschen in den Heimen nicht zu vergessen. Ihnen müsse auch in der Pandemie der Austausch mit ihren Familien und soziale Teilhabe ermöglicht werden. Und Diakonie-Präsident Bammessel fordert von der Politik mehr Besonnenheit und bessere Vorbereitung. Maßnahmen sollten nicht, wie während der ersten Welle, "Knall auf Fall" bekanntgegeben werden. Vielmehr sei eine ruhige Hand und eine klare Politik gefordert, wenn es wieder ernst werde.

© BR/Jonas Miller

Zu Beginn der Corona-Pandemie starben in Langenzenn 26 Bewohner eines Seniorenzentrums. Eine ehemalige Pflegekraft berichtet nun: Die Hygiene wurde schon vor Corona oft nicht eingehalten.

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