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Corona-Krise: Bayerns Krankenhauspersonal am Limit | BR24

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Die zweite Corona-Welle ist im vollen Gange. Wir haben Krankenhäuser und Mitarbeiter*innen zu aktuellen Situation befragt.

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Corona-Krise: Bayerns Krankenhauspersonal am Limit

Die Krankenhäuser im Freistaat sehen sich in der zweiten Pandemie-Welle gut aufgestellt, das geht aus einer Umfrage des BR hervor. Das Klinikpersonal widerspricht: In Hintergrundgesprächen ist die Rede von Überlastung, Überstunden und Testlücken.

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"Es ist jetzt schon kaum zu packen. Wie wir das schaffen sollen, wenn noch mehr Corona-Patienten zu uns kommen? Ich weiß es nicht" - Sylvia (Name geändert) ist eine erfahrene Pflegefachkraft, aber als sie diese Sätze sagt, klingt sie erschüttert. Sylvia arbeitet in einem Krankenhaus in Oberbayern. Die Arbeit, erzählt sie, sei durch Corona deutlich mehr geworden: Verdachtsfälle isolieren, Covid-Patienten in Schutzmontur sicher versorgen, An- und Auskleiden, Desinfizieren.

Das kostet nicht nur mehr Zeit, es macht auch Stress, weil auf ihrer Station extreme Personalnot herrscht. Sie erzählt: "Wenn wir sagen, wir schaffen es nicht mehr, es geht in Richtung gefährliche Pflege, dann heißt es, wir sollten uns besser organisieren." Sylvias Arbeitgeber schreibt auf BR-Anfrage, meistens handle es sich um ein "subjektiv empfundenes Gefühl" der Überlastung und sehr selten um ein "systematisches Problem". Überlastungsanzeigen würden aber sehr ernst genommen.

"Wir gehen alle auf dem Zahnfleisch"

BR Recherche hat eine Umfrage zur aktuellen Situation in der Pandemie an 50 Krankenhäuser mit verschiedenen Trägern, vor allem in Bayern, verschickt - 20 antworteten: Man gehe gut aufgestellt in die zweite Welle, geben die meisten an.

Das Personal sieht das anders: Das geht aus zahlreichen Hintergrundgesprächen hervor, die BR Recherche mit Ärztinnen und Ärzten und Pflegekräften geführt hat. Viele klagen über hunderte Überstunden, Doppelschichten, unterbesetzte Schichten und den Einsatz von Hilfskräften. Das gehe auch zu Lasten der Patienten. Krankenhausbeschäftigte sagen: "Wir gehen alle ziemlich auf dem Zahnfleisch" oder sie seien jetzt schon "am Ende".

In der BR-Umfrage geben viele Kliniken an, dass Pflegepersonal fehlt, auch wegen Krankheit oder Quarantänemaßnahmen. Siegfried Hasenbein von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft gibt sich dennoch optimistisch und hofft, "dass Beschäftigte bereit sind, Überstunden zu machen und auf Freizeit zu verzichten." Die bayerischen Krankenhäuser versuchten aktuell, ausgeschiedenes Personal zurückzubekommen sowie Medizinstudenten aus späteren Semestern zu mobilisieren.

Keine einheitlichen Testverfahren für Klinikpersonal

Laut der BR-Umfrage reicht das Corona-Schutzmaterial aktuell zwar noch. Dennoch fühlen sich Beschäftigte teils schlecht geschützt, weil es keine einheitlichen Corona-Testungen für das Klinikpersonal gebe. Die Fragebögen zeigen, es hängt vom Krankenhaus ab, wie getestet wird: Sieben der 20 Kliniken testen nach eigenen Angaben bei Symptomen. Etwa ein Viertel der Häuser gibt an, sie testeten im ein- oder zwei-Wochen-Rhythmus regelmäßig das gesamte medizinische Personal. In Hintergrundgesprächen berichten Pflegefachkräfte und Mediziner von Testlücken:

"Personal wird nur getestet, wenn das Gesundheitsamt es anordnet." / "Corona-Tests sind bei uns nicht regelmäßig, aber man kann sich freiwillig testen lassen." / "Wir wurden an Tag drei nach dem überraschend positiven Patienten getestet, das war witzlos. Der Test konnte ja nur negativ sein." / "Wer Schutzkleidung anhatte beim Kontakt mit Covid-Positiven, wird nicht getestet." Pflegekräfte und Mediziner

Experten mahnen strategisches Testen an

Professor Gerd Antes, Medizinstatistiker und früherer Direktor des deutschen Cochrane-Instituts, zeigt sich im BR-Interview erstaunt: "Nach acht Monaten Pandemie sollte man eigentlich erwarten, dass das Testgeschehen zielstrebig und rational erfolgt – dem ist leider nicht so." Antes fordert eine möglichst einheitliche Teststrategie und empfiehlt, Antigen-Schnelltests zu verwenden und bei positivem Ergebnis mit einem PCR-Test nachzuarbeiten.

Corona-positives medizinisches Personal im Einsatz

In der BR-Umfrage gibt eine bayerische Uniklinik an, positiv getestete Beschäftigte einzusetzen, die für die Patientenbehandlung unentbehrlich seien. Die Bayerische Krankenhausgesellschaft spricht im BR-Interview von "wenigen besonderen Ausnahmefällen". Klinikbeschäftigte dagegen sagen dem BR:

"Mündlich kam dann die Ansage, man soll weiterarbeiten, auch wenn man positiv getestet wurde und keine Symptomatik hat. Man soll nur eine FFP2 Maske tragen. Das ist absolut unverantwortlich." / "Wo leichte Symptome vorliegen, wird häufig weitergearbeitet, wenn die nicht deutlich auf Corona hinweisen." / "Die Priorität ist, keine von uns darf ausfallen. Es ist nicht gewünscht. Sind unsere Leben weniger wert?" Klinikbeschäftigte

Auch Professor Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln bekommt solche Berichte regelmäßig. Die betroffenen Corona-positiven Pflegefachkräfte sind zwar als Privatperson in Quarantäne, sollen aber trotzdem zum Dienst antreten. Der Pflegewissenschaftler sagt: "Das ist das Verheizen einer Berufsgruppe, wie ich es in Deutschland noch nie erlebt habe."

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, nur im absoluten Ausnahmefall, bei gravierendem Personalmangel, positiv getestetes medizinisches Personal im Krankenhaus arbeiten zu lassen. Wenn kaum Symptome vorliegen, ist die Arbeit mit Schutzausrüstung und lediglich bei Corona-positiven Patienten möglich.

Viele Krankenhäuser melden extremen Personalmangel

Etliche Kliniken haben offene Stellen in der Pflege, bei den meisten sind es mehr als zehn. Laut Umfrage kompensieren sieben von 20 Krankenhäusern unbesetzte Stellen mit Hilfskräften. Das deckt sich unter anderem mit Schilderungen von Pflegefachkräften aus Unterfranken: "Die Personaldecke ist so dünn, dass bei uns Hilfskräfte und Schüler als Vollzeitpflegekraft mit eingerechnet werden." Der Arbeitgeber weist auf Nachfrage den Vorwurf zurück: Hilfskräfte würden nur assistieren.

Auch Martina Hasseler kennt Fälle, in denen Praktikanten, Auszubildende oder Hilfskräfte Patienten pflegen. Die Pflegewissenschaftlerin von der Ostfalia-Hochschule in Niedersachsen kritisiert das unter Verweis auf eine ganze Reihe internationaler Studien. Diese hätten gezeigt, dass die Patientenversorgung leide, es zu Pflegefehlern und einer höheren Sterblichkeit komme, wenn Hilfskräfte Fachkräfte ersetzen würden.

Normalbetrieb trotz zweiter Welle

Aktuell, so berichten viele Mediziner und Pflegefachkräfte, werde operiert, als ob es keine Pandemie gebe. Die Schilderungen reichen von übervollen OP-Plänen bis hin zu Patienten, die auf Fluren "zwischengelagert" werden. In der BR-Umfrage gibt mehr als die Hälfte der befragten Kliniken an, einen Rückstau an verschobenen Operationen zu haben. Von einem "Patientenansturm" berichtet auch Manfred Wagner, ärztlicher Direktor am Klinikum Fürth:

"Die Krankenhäuser fahren fast Volllast und beginnen jetzt gerade nach und nach in die Knie zu gehen und in der Überlastungssituation zu reagieren. Und das halte ich für extrem gefährlich." Dr. Manfred Wagner, Klinikum Fürth

Die Bayerische Krankenhausgesellschaft hat auf BR-Anfrage angekündigt, dass die Krankenhäuser bald wieder vermehrt Stationen schließen und planbare Eingriffe verschieben werden. Dabei können Krankenhäuser in besonders betroffenen Städten und Landkreisen laut Bayerischem Gesundheitsministerium ab heute gestaffelte Pauschalen beantragen, wenn Corona-bedingt Betten leer stehen. Doch die Krankenhäuser kämpfen noch mit den Defiziten vom Frühjahr: Alle an der BR-Umfrage teilnehmenden Häuser sind mit finanziellen Ausfällen aus der ersten Pandemiewelle gegangen – teils sogar existenzgefährdend.

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Die Krankenhäuser im Freistaat sehen sich in der zweiten Pandemie-Welle gut aufgestellt, das geht aus einer Umfrage des BR hervor. Das Klinikpersonal widerspricht: In Hintergrundgesprächen ist die Rede von Überlastung, Überstunden und Testlücken.