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EM als Pandemietreiber: Die Schutzmaßnahmen und Regelungen für Stadien und Fanmeilen wurden vielfach kritisiert.

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    Corona: War die Fußball-EM ein Pandemietreiber in Bayern?

    Vielfach wurde gewarnt, in einigen Ländern ist es passiert: Die Corona-Fallzahlen stiegen aufgrund der Fußballeuropameisterschaft. Für Deutschland sind erst wenige Fälle bekannt. In Bayern soll es eine ausführliche wissenschaftliche Analyse geben.

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    Von
    • Claudia Kohler

    Am Sonntag endete die Fußball-Europameisterschaft 2020 mit dem Finale in London – das letzte Spiel der Münchner Allianz-Arena fand am 2. Juli statt. Zeit für eine erst Bilanz, welche Rolle die EM in Bayern, Deutschland und in den europäischen Nachbarländern hinsichtlich der Corona-Pandemie gespielt hat.

    Kritik im Vorfeld der EM: Lockere Regeln an vielen Austragungsorten

    Zahlreiche Politiker und Wissenschaftlerinnen hatten vor, während und nach dem Turnier die Austragung kritisiert und vor den möglichen Folgen gewarnt. Darunter etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und die zuständige Direktorin des Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), Vicky Lefevre. Ein großer Kritikpunkt: Nicht der veranstaltende Dachverband UEFA, sondern die Länder oder die örtlichen Behörden bestimmten die Beschränkungen für Stadien und Fanmeilen. So standen etwa im Budapester Puskás-Stadion mehr als 50.000 Fans dicht an dicht, ohne die Verpflichtung, eine Maske zu tragen.

    Für die Spiele in Deutschland hatte der DFB strengere Regeln verordnet. Daher ist es in Bayern eher außerhalb der Stadien zu Massenansammlungen gekommen – zum Beispiel im Münchner Univiertel und der Augsburger Maximilianstraße.

    "Die EM hat uns gezeigt, dass ein emotionales Thema wie Fußball und wichtige Hygiene-Regeln wie Maske tragen nur bedingt von den Fans in Einklang gebracht werden." Klaus Holetschek, bayerischer Gesundheitsminister

    Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wäre mit einem Anstieg der Fallzahlen nach etwa zehn bis 14 Tagen zu rechnen, wenn man Ansteckungsfähigkeit und Inkubationszeit berücksichtige. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der 7-Tage-Inzidenz in den drei größten Städten Bayerns und in den Landkreisen, in denen die Fallzahlen im betreffenden Zeitraum am stärksten angestiegen sind:

    Grafik: Die Corona-Inzidenz in Bayern während der EM

    Der Anstieg in diesen und einigen weiteren Landkreise fällt in den vom Gesundheitsministerium genannten Zeitraum. Jedoch kann aus dieser Korrelation nicht sicher das Infektionsumfeld EM geschlossen werden – lokale Infektionsgeschehen werden von zahlreichen Faktoren beeinflusst. In vielen Landkreisen und Städten gehen die Infektionszahlen außerdem weiter zurück. Im Austragungsort München selbst gibt es bisher nur einen leichten Anstieg. Ein Zusammenhang mit der EM lässt sich nicht eindeutig erkennen.

    Wer kommt von wo und reist wohin?

    Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums erklärt gegenüber dem BR, dass die zugrundeliegende Inzidenz vor Ort und vor allem das Reiseverhalten einen großen Einfluss darauf habe, ob es zu einem Anstieg der Fallzahlen komme: Wer kommt von wo nach München zu den Spielen und wer ist wohin ins Ausland zu den Spielen gereist? Woher kommen die Besucher von Public Viewing-Veranstaltungen und Feierstätten?

    Außerdem betonte der Ministeriumssprecher: "Da die EM europaweit ausgetragen wird, ist davon auszugehen, dass wenn die EM einen Beitrag zu steigenden Infektionszahlen leistet, dies natürlich nicht nur regional zum Tragen kommt." Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der 7-Tage-Inzidenz für ganz Bayern und Deutschland:

    Grafik: Veränderungen der Inzidenz in Bayern und Deutschland

    Zwar lässt sich auch hier in den vergangenen Tagen ein leichter Anstieg der Fallzahlen erkennen. Und obwohl gerade für diese Tage noch einige Nachmeldungen eingehen werden, ist auch auf dieser Ebene kein eindeutiger Zusammenhang mit den EM-Spielen erkennbar.

    Holetschek sah Bemühungen der deutschen EM-Fans

    Eine große Rolle, dass es (noch) nicht zu einem starken Anstieg gekommen ist, könnte gespielt haben, wie strikt sich Besucher an die vorgegebenen Infektionsschutzmaßnahmen gehalten haben. Hier zeigt sich der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) durchaus zufrieden: "Der DFB und die Landeshauptstadt München haben viel dafür getan, dass das Hygienekonzept im Stadion umgesetzt wird. Dafür mein Dank für die gute Zusammenarbeit."

    Er habe besonders beim dritten Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn den Eindruck gehabt, dass sich viele Fans bemühten und die Masken-Disziplin besser geworden sei. Ein deutliches Defizit habe es aber bei den ungarischen Fans gegeben.

    LGL hat Spiele wissenschaftlich begleitet

    Alles in allem sei die EM ein "Modellprojekt" gewesen, so Holetschek. Das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) habe, in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern und dem RKI, eine wissenschaftliche Begleitung der Spiele in München durchgeführt.

    Das Ziel: Die Auswirkungen auf die Infektionszahlen nachvollziehbar machen und neu Erkenntnisse über den Verlauf der Infektionsketten gewinnen. Die Daten werden aktuell noch ausgewertet und sind noch nicht öffentlich.

    18 Corona-Infektionen aus Deutschland im Zusammenhang mit der EM

    Auf europäischer Ebene beobachten Experten des ECDC das Infektionsgeschehen im Zusammenhang mit der EM. Die erweiterte Überwachung begann eine Woche vor Beginn des Turniers und wird noch bis zum 16. Juli weitergeführt. Einmal wöchentlich (freitags) veröffentlicht die Behörde die Ergebnisse in einem Bericht.

    In der aktuellen Version vom 9. Juli ist zu lesen, dass 18 Sars-CoV-2-Infektionen aus Deutschland eindeutig dem Infektionsumfeld Europameisterschaft zugeordnet werden können. Zu weiteren Informationen bezüglich dieser Fälle und zur Herkunft der Daten hat das RKI sich auf BR-Anfrage bisher nicht geäußert.

    In Schottland fast 2.000 Corona-Infektionen im Rahmen der EM

    Insgesamt wurden dem ECDC bisher rund 2.500 Corona-Infektionen gemeldet, die eindeutig in Zusammenhang mit der EM stehen - die meisten davon aus Schottland (1.991) und Finnland (481). Viele der finnischen Fälle wurden laut ECDC-Bericht bei der Wiedereinreise von Fans festgestellt, die Spiele der finnischen Mannschaft in St. Petersburg besucht hatten. In der Kalenderwoche 25 standen 40 Prozent der gesamten Corona-Neuinfektionen in Finnland in Zusammenhand mit der EM.

    In Schottland und ganz Großbritannien gab es aufgrund der Delta-Variante bereits vor dem Turnier einen Anstieg der Fallzahlen. Die EM hat diese Entwicklung vermutlich beschleunigt, wie die folgende Grafik für Schottland zeigt:

    Grafik: Corona-Inzidenz in Schottland

    Gegenüber der Deutschen Presseagentur kritisierte ECDC-Direktorin Vicky Lefevre die unzureichende Reaktion innerhalb des Turniers auf die neue Infektionslage. Die Delta-Variante sei noch nicht "auf der Bildfläche" gewesen sei, als die Planungen für die EM-Spiele mit Zehntausenden Zuschauern festgezurrt worden waren.

    Über die Daten

    Die Fallzahlen der europäischen Länder in Zusammenhang mit der Fußballeuropameisterschaft entstammen dem aktuellsten Bericht des Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

    Die täglichen Covid-19-Fallzahlen für Deutschland und Bayern werden vom Robert Koch-Institut (RKI) bereitgestellt.

    Achtung: Die gezeigten Inzidenzwerte der Landkreise wurden mit dem aktuellsten Datenstand (14. Juli 2021) berechnet, Nachmeldungen für die zurückliegenden Tage und Wochen wurden demnach berücksichtigt. Daher können die Zahlen sich von den Inzidenzwerten unterschieden, die das RKI täglich für alle deutschen Landkreise festhält ("einfriert").

    Die täglichen Fallzahlen für Schottland werden von der nationalen Behörde Public Health Scotland bereitgestellt. Zur Berechnung der 7-Tage-Inzidenzen wurde die aktuellste Bevölkerungseinschätzung der schottischen Regierung verwendet.

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