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Helene Köck mit einer Umfrage aus München

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Corona verändert Mode und Einkaufsverhalten

In der Pandemie gibt es große Veränderungen in der Mode: Anlässe für festliche Kleidung fehlen und im Homeoffice ersetzt die Jogginghose Anzug und Kostüm. Modehäuser bleiben auf viel Ware sitzen. Die Branche beklagt Milliarden-Verluste.

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Von
  • Helene Köck
  • B5 aktuell
  • Regina Wallner

Die Pandemie hat auch die Mode verändert. Die einst verpönte Jogginghose ist fast schon ein modisches "Must" für alle, die zu Hause arbeiten und lernen müssen. Früher einmal sagte der Modedesigner Karl Lagerfeld: "Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Ein Satz, der aus einer Zeit vor Corona stammt. Die Lust, sich neu einzukleiden, hält sich bei vielen zu Pandemie-Zeiten in Grenzen. Wofür auch? Immer noch sind die Geschäfte geschlossen und es gibt keine festlichen Anlässe oder Partys.

Lockdown setzt den Modeläden zu

Aber was bedeutet Mode und Corona für die ganz normalen Ladenbesitzer und die ganz normalen Leute? Ein Streifzug durch eine Einkaufsstraße in München macht die aktuellen Nöte der Ladenbesitzer deutlich.

Die Schaufenster in der Sendlinger Straße schauen noch ziemlich nach Winter aus: In den Läden gibts noch Daunenjacken und Skibrillen, die Schaufensterpuppen tragen Wollpullis und Mützen. Auch im Modehaus Konen ist es nicht richtig frühlingshaft. Im Laden ist alles dunkel, die Türen sind seit Mitte Dezember zu: Lockdown - auch in München.

In den Geschäften liegt noch Weihnachtsdeko

Gabriele Castegnaro ist Geschäftsführerin bei Konen. Das Traditionsgeschäft verkauft normalerweise auf mehreren Stockwerken Mode. Jetzt sind die Kleiderständer unberührt und die Rolltreppen stehen still.

"Es ist Gott sei Dank im Moment ziemlich dunkel, weil wir auch Licht sparen. In den letzten Wochen setzt so langsam ein gewisser Abstumpfungseffekt ein. Die ganzen Weihnachtsmarkt-Artikel liegen noch in den Regalen." sagt Gabriele Castegnaro, "Mit den Aufräumarbeiten werden wir ungefähr eine Woche vor Wiedereröffnung anfangen. Ich hoffe schon, dass wir etwa eine Woche vor Wiedereröffnung erfahren, dass wir wieder öffnen dürfen."

Online-Shop kann Verluste nicht ausgleichen

Wann genau das sein wird, weiß man aktuell noch nicht. Und das belastet nicht nur die Stimmung, sondern auch die Bilanz. Bei Konen ist zwar der Online-Shop sehr gewachsen, das gleicht aber nur etwa ein Viertel der Verluste aus. Es bleibt also viel Kleidung übrig. Der Laden kauft die Sachen ein und verkauft sie dann an die Kunden weiter. Für überschüssige Wintermode müssen sich die Geschäfte selbst etwas überlegen. An die Labels zurückgeben ist nicht möglich. Normalerweise wird am Ende der Saison die übrige Ware an einen Aufkäufer gegeben oder gespendet. Aber die Aufkäufer haben momentan genug Ware.

Jede Saison neue Modetrends

Mode wird für jede Saison neu entworfen, neu produziert, neu verkauft. Die Branche lebt davon, dass Trends wechseln. Kleidung hat also quasi ein Verfallsdatum. Nur in Ausnahmefällen können Kleidungsstücke nächstes Jahr noch einmal angeboten werden: Wenn es klassisch und zeitlos ist.

"Wenn wir am 7. oder am 15. März öffnen, dann werden wir auch eine frühlingshafte Optik haben. Stände mit reduzierten Ständern wird es nicht geben. Auch Winterware, wie Jacken und Mäntel wird nicht mehr groß angeboten", sagt Gabriele Castegnaro.

Jetzt sind die Läden in der Innenstadt erstmal noch zu. Click und Collect ist zwar eine Möglichkeit, neue Sachen zu kaufen. Aber viele wollen die Sachen natürlich anprobieren und es fehlt die Gelegenheit, die neue Kleidung auszuführen.

Winterware wird eingelagert

Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels bestätigt, dass es für Kleidungsgeschäfte immer noch wichtig ist, dass Kunden in die Läden kommen. Deshalb bleibt ein Großteil der Winterware übrig. Was passiert mit der ganzen Winterkleidung, die nicht verkauft werden konnte?

"Es gibt natürlich keine kompletten Übersichten dazu. Aber wir gehen davon aus, dass wirklich ein Großteil eingelagert wird für den nächsten Herbst-Winter. Und im Moment versuchen immer noch viele Geschäfte, so viel wie möglich auf anderen Wegen zu verkaufen, zum Beispiel online oder durch Click und Collect", sagt Axel Augustin.

Jede Woche 1 Milliarde Verlust

Was dann noch übrig bleibt, nehmen Aufkäufer ab. Containerweise Kleidung wird günstig in Outlet Märkten verkauft oder ins Ausland gebracht. Zu billig soll die Kleidung hier in Deutschland nämlich nicht angeboten werden. Das schadet sonst dem Image der Marken. Mit jeder Woche im Lockdown wachsen die Verluste der Branche. Ungefähr eine Milliarde Euro verliert der stationäre Einzelhandel pro Woche. Das beinhaltet den gesamten Modebereich mit Schuhen und Accessoires.

Deshalb kämpft der Handelsverband Textil dafür, dass die Läden bald wieder aufmachen dürfen. Augustin ist überzeugt, dass im Einzelhandel keine große Ansteckungsgefahr droht. Für die kommenden Monate zeichnet sich ab, dass viele Firmen weniger Kleidung produzieren lassen. Damit hat der deutsche Lockdown auch Auswirkungen auf die ganze Produktionskette. Textilfirmen in Bangladesch wissen nicht, wie sie überleben sollen.

Pandemie ändert Einkaufsverhalten

Corona beeinflusst, wie wir uns kleiden. Adidas zum Beispiel bestätigt, dass die Leute seit Beginn der Pandemie mehr sportliche Freizeitkleidung kaufen. Und auch Hugo Boss setzt jetzt mehr auf Freizeitkleidung als auf den klassischen Anzug.

Diana Weiß beschäftigt sich mit der Soziologie von Mode und unterrichtet unter anderem an der Business School Berlin. Sie erforscht Modephänomene und beobachtet in der Pandemie neue Entwicklungen:

"Es gibt weniger Events, wo man sich klassisch 'schick macht', um hinzugehen und Leute zu sehen. Vieles passiert ja gerade über Social Media und über Zoom-Konferenzen. Dort sieht man natürlich immer nur fragmentarisch und einen Ausschnitt davon, wie die Leute sich kleiden. Aber nach allem, was man hört, kleiden die sich jetzt vor allem bequem. Vor allem gerne untenrum bequem. Jogginghose war ein wichtiges Kleidungsstück im vergangenen Jahr. Obenrum vielleicht ein bisschen schicker, eben weil man den Oberkörper sehen kann, wenn man in einer Konferenz ist."

Sehnsucht nach festlicher Kleidung

Da man sich überwiegend nur digital präsentiert, ist der Wunsch nach festlicher Kleidung gewachsen. "Wenn man jetzt auf Instagram schaut, gibt es auch immer wieder Leute, die eben jetzt besonders Wert darauf legen, sich auch einfach mal zu Hause ihre schönsten Kleider anzuziehen und Fotos davon zu machen.

Ich glaube, es gibt eine große Sehnsucht auch danach, sich wieder schön anzuziehen. Diana Weiß, Modeexpertin

Trend zu mehr Nachhaltigkeit

Gleichzeitig verstärkt Corona den Trend zu mehr Nachhaltigkeit. Firmen beginnen darüber nachzudenken, ob sie wirklich so oft neue Kollektionen auf den Markt bringen müssen. Der Lockdown verleitet die Menschen auch nicht so oft zu Spontankäufen.

Und man merkt in diesen Zeiten auch erst, was man alles im Schrank hat: teilweise vergessene Kleidungsstücke. Plattformen wie Kleiderkreisel und eBay boomen. Leute versuchen ihre Sachen loszuwerden und und erstmal durchzuschauen, was sich an Klamotten angesammelt hat. Man überlegt in diesen Zeiten genauer, was man wirklich braucht.

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