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Corona-Tests: Kluft zwischen Bayern und Bund wächst | BR24

© pa/dpa/Lino Mirgeler

Ein Mitarbeiter testet per Stäbchen in einem Testzentrum eine Familie in einem Auto auf das Coronavirus.

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    Corona-Tests: Kluft zwischen Bayern und Bund wächst

    Die Unterschiede zwischen der nationalen und der bayerischen Corona-Teststrategie werden ab heute noch größer - in puncto kostenloser Test-Angebote. Ministerpräsident Söder hält an seiner Linie fest, Mediziner kritisieren Bayerns Alleingang scharf.

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    Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nutzt in diesen Tagen so ziemlich jede Gelegenheit, die Corona-Teststrategie des Freistaats zu loben: "Unsere Teststrategie insgesamt ist aus unserer Sicht richtig und hat sich bewährt", betonte er beispielsweise nach der Kabinettssitzung am Montag. Der Freistaat bietet als einziges Bundesland kostenlose Tests für jeden Bürger an - auch ohne Anlass und Symptome. Daran will die Staatsregierung auch weiter festhalten.

    Die Kluft zur nationalen Teststrategie ist damit von heute an noch größer als bisher: Denn jenseits des Freistaats wird das Angebot kostenloser Corona-Tests reduziert: Wer sich nach der Rückkehr aus einem Nicht-Risikogebiet einen Abstrich machen lassen will, muss jetzt wieder selber zahlen, wie das Bundesgesundheitsministerium am Montag in den sozialen Netzwerken bekräftigte. Nur für Einreisende aus Risikogebieten gelte vorerst weiterhin eine kostenfreie Testpflicht. "Die Pandemie zwingt uns, unsere Strategie ständig der dynamischen Lage anzupassen", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

    Bund sieht Bayerns Alleingang bei Corona-Tests kritisch

    Bundesgesundheitsministerium und Robert-Koch-Institut halten beim Testen "ein zielgerichtetes Vorgehen" für wichtig und lehnen kostenlose Tests für jedermann ab. Die nationale Strategie sieht nur für bestimmte Personengruppen kostenlose Abstriche vor: Menschen mit Symptomen, Kontaktpersonen von Covid-19-Patienten, aber auch Personal und Bewohner in Pflegeheimen, Kliniken und Gemeinschaftsunterkünften.

    "Testen ohne Anlass führt zu einem falschen Sicherheitsgefühl. Denn auch ein negativer Coronatest ist nur eine Momentaufnahme und entbindet nicht von Hygiene- und Schutzmaßnahmen", heißt es auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums. Testen ohne einen begründeten Verdacht erhöhe außerdem das Risiko falsch-positiver Ergebnisse und belaste die vorhandene Testkapazität.

    Bundesärztekammer: Bayerns Strategie "völlig falsch"

    Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, erneuerte am Morgen seine Kritik an den Tests für jedermann in Bayern mit deutlichen Worten. "Das halte ich für völlig falsch, weil ich glaube, dass das eine Verschwendung von Laborressourcen ist", sagte Reinhardt der radioWelt auf Bayern 2.

    Es müsse mehr Kraft darauf verwendet werden, dort zu testen, "wo wirklich erhebliche Gefahr besteht" - also in Altenheimen, Pflege- und Reha-Einrichtungen sowie Krankenhäusern. "Das sind Punkte, wo man tatsächlich weiter eine relativ flächendeckende Teststrategie fahren sollte." Ansonsten sollte laut Reinhardt "viel stärker anlassbezogen" getestet werden.

    "Rückstau" in den Laboren von 32.400 Tests

    Auch Evangelos Kotsopoulos vom Verband der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) kritisierte die anlasslosen Tests erneut. Mehr zu testen, bringe de facto nicht mehr Sicherheit, betonte er. "Denn jeder Test für sich gesehen ist nur eine Momentaufnahme im Augenblick der Abstrichentnahme, besonders dann, wenn keine Symptome vorliegen und auch kein weiterer Anlass für diese Untersuchung besteht."

    Die Labore ächzen laut ALM unter der Vielzahl der Abstriche. "Die Teams in den Laboren arbeiten unvermindert am Anschlag, damit alle Proben so schnell wie möglich bearbeitet und die Ergebnisse übermittelt werden können", sagte der ALM-Vorstandsvorsitzende Michael Müller. Der Auslastungsgrad der Labore liegt nach Angaben des Verbands bundesweit bei nahezu 90 Prozent, in vielen Regionen deutlich darüber. Dies führe dazu, dass die Zahl der am Montag noch offenen Befunde, der sogenannte "Rückstau", mit rund 32.400 Tests um etwa neun Prozent höher sei als in der Vorwoche.

    Kassenärztliche Vereinigung: "Zu einer Strategie gehört mehr"

    Bereits am Freitag hatte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, bei der KBV-Vertreterversammlung seinen Unmut über "immer noch nicht vernünftig koordinierte Testaktivität in Bayern" geäußert. "Planvolles Vorgehen ist in der Regel immer besser als das Prinzip 'viel hilft viel'. Und ich habe schon mal gesagt: Zu einer Strategie gehört mehr, als möglichst vielen Menschen Wattestäbchen in die Nase zu stecken."

    Die verantwortlichen Politiker wären laut Gassen daher gut beraten, politische Entscheidungen "nicht an einzelne Wissenschaftler zu delegieren". Stattdessen sollten sie in Dialog mit denen treten, die die Versorgung vor Ort organisiert und gewährleistet hätten.

    Markus Söder hält intensives Testen für nötig

    Söder betonte am Montag, seine Teststrategie sei mit den bayerischen Spitzen-Virologen besprochen worden: "Die begrüßen das." Kostenlose Tests für alle seien "die beste Chance, ein niedrigschwelliges Angebot zu machen". Nach Meinung des Ministerpräsidenten ist es wichtig, "intensiv zu testen". Nur so könne festgestellt werden, ob es regional ein Infektionsgeschehen gebe oder nicht. Daher will Söder, der derzeit Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist, bei seinem Alleingang bleiben.

    Söder weist Kritik zurück: Freistaat wie der FC Bayern

    Die diversen Pannen bei der Zustellung der Testergebnisse sind laut Söder zwar "ärgerlich", liegen aber in der Natur der Sache. "Kein Land testet so viel, so schnell und so günstig wie Bayern", sagte Söder in einem Interview mit der "Augsburger Allgemeinen". Bei insgesamt mehr als drei Millionen Tests passierten eben auch Fehler.

    Die Kritik an der Staatsregierung in diesem Punkt hält der Ministerpräsident für ungerecht: "Wenn in anderen Bundesländern ähnliche Fehler passieren, ist das anscheinend bereits vorher eingepreist", sagte der CSU-Chef. Der Freistaat werde wie der FC Bayern gesehen: "Wenn die Bayern einmal unentschieden spielen, ist das gleich eine absolute Katastrophe und alle diskutieren wochenlang, ob der Verein in einer Krise steckt. So ähnlich ist das auch mit uns."

    Mehrere Testpannen innerhalb weniger Wochen

    In Bayern war es in den vergangenen Wochen zu mehreren Testpannen gekommen. Mitte August war bekannt geworden, dass Zehntausende Menschen tagelang auf das Ergebnis ihrer Corona-Tests gewartet hatten, die sie zum Beispiel an den bayerischen Teststationen an Autobahnen gemacht hatten. Mehr als tausend Infizierte wurden deutlich verspätet informiert, einige konnten überhaupt nicht mehr nachermittelt werden.

    Anfang des Monats teilten die bayerischen Behörden mit, dass die Resultate der Tests an bayerischen Flughäfen vorübergehend nur mit Verzögerung zugestellt wurden - wegen einer EDV-Panne beim Dienstleister Ecolog. Demnach bekamen rund 10.000 Getestete ihre Ergebnisse später als nach den angestrebten 48 Stunden. Nach Klagen zahlreicher Menschen, die sich an Autobahnen testen ließen, dass sie bis zu sieben Tage auf ihr Ergebnis warten mussten, räumte das Gesundheitsministerium schließlich auch "vereinzelte" Probleme dort ein. Vergangene Woche kam dann noch die Nachricht über infizierte Corona-Tester an den bayerischen Flughäfen dazu.

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