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Corona-Tests für Reisende: Was anfangs schief lief | BR24

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Es kann ganz schnell gehen: Man sitzt am Strand und plötzlich wird das Urlaubsland zum Corona-Risikogebiet. Das bedeutet: Pflichttest und 14 Tage Quarantäne - es sei denn, das Testergebnis ist negativ.

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Corona-Tests für Reisende: Was anfangs schief lief

Händisch ausgefüllte Formulare und keine Ausweis-Pflicht - auch deshalb kam es bei der Übermittlung der Corona-Testergebnisse an Reiserückkehrer zu massiven Verspätungen. Der Versuch einer Rekonstruktion - nach der Aufregung der vergangenen Tage.

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Nicht jede Handschrift ist gut lesbar - diese eher triviale Erkenntnis ist einer der Hauptgründe für das Chaos bei der Benachrichtigung der Reisenden, die sich an einem der bayerischen Corona-Testzentren in den vergangenen Wochen auf das neuartige Coronavirus testen ließen. Dass überhaupt händische Formulare zum Einsatz kamen, lag dabei nicht zuletzt am enormen Zeitdruck, unter dem die Stationen auf den Weg gebracht wurden.

"Wir haben am 29. Juli erfahren, dass wir am nächsten Tag die Teststationen an den Hauptbahnhöfen und Autobahnen in Betrieb nehmen sollen", erläutert Sohrab Taheri-Sohi, Sprecher des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), auf BR-Anfrage. "Unsere Ehrenamtlichen haben die Stationen über Nacht gemeinsam mit dem Technischen Hilfswerk aufgebaut - zu dem Zeitpunkt wirkte es so, als wären die lokalen Gesundheitsämter noch nicht informiert, dass es diese Stationen geben soll."

BRK-Sprecher: keine Ausweis-Pflicht

Ab dem 30. Juli kamen dann die ersten Reisenden an die Stationen an drei Autobahn-Rastanlagen und den Hauptbahnhöfen München und Nürnberg, um sich freiwillig testen zu lassen. Laut Taheri-Sohi gab es dabei keine Vorgabe, den Ausweis vorlegen zu müssen. "Viele Helfer haben sich das Dokument aber zeigen lassen, um bei der Übertragung der händisch ausgefüllten Formulare keine Fehler zu machen oder unleserlich ausgefüllte Daten gleich zu korrigieren", berichtet der BRK-Sprecher. "Trotzdem waren bewusste Täuschungen natürlich möglich - wir konnten niemanden zwingen, seinen Ausweis vorzulegen."

Gerüchte, wonach die Formulare mit Bleistift ausgefüllt wurden, weist Taheri-Sohi zurück. Ihm zufolge sind durchweg Kugelschreiber zum Einsatz gekommen. Ohnehin bleibt die Frage, warum Menschen, die sich freiwillig testen lassen, bewusst falsche Kontaktdaten angeben sollten. Aber auch so gab es verschiedene Fehlerquellen: vergessene oder verdrehte Zahlen in Mail-Adressen oder Telefonnummern, falsch notierte Namen - oder gar zunächst vergessene Bögen wie in Passau.

Helfer: Auch "Pseudo-Mail-Adressen" denkbar

Auch ein ehrenamtlicher Helfer, der an der Teststation am Münchner Hauptbahnhof mitgeholfen hat, berichtet von teils schwer leserlich oder falsch ausgefüllten Formularen. Gerade am Anfang seien die Formulare "mehr oder weniger ungefiltert an das zuständige Amt" weitergegangen, sagte er dem BR. Bewusste Täuschungen schließt er nicht aus - auch "Pseudo-Mail-Adressen" kämen in Betracht. Die später eingeführte digitale Abwicklung funktioniere dagegen "sehr intuitiv" - zuletzt hätten die Getesteten am Münchner Hauptbahnhof ihr Ergebnis innerhalb eines Tages erhalten.

Zu den Problemen durch die händische Erfassung der Kontaktdaten kam dann die schiere Masse an Tests. BRK-Sprecher Taheri-Sohi betont dabei allerdings, dass es an den Stationen bei der Durchführung der Tests keine Probleme gab. Selbst zu Stoßzeiten habe man alle Tests durchführen können. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er am 13. August, man sei an den Stationen sogar "auf einen noch viel größeren Ansturm vorbereitet" gewesen.

Brisante Mail am 10. August

Beim zweiten Baustein im Testungs-Prozess - der Auswertung in den Laboren und der Ergebnis-Übermittlung - haperte es dagegen von Anfang an. Zuletzt wurde bekannt, dass der Labordienstleister Eurofins in einer Mail bereits am 10. August vor einem enormen Rückstau bei der Übermittlung warnte. Über die genauen Abläufe in den Laboren und bei den Gesundheitsämtern zu dieser Zeit gab es auch in der gestrigen Sondersitzung des Gesundheitsausschusses im Landtag kaum Erkenntnisse.

Besagte Mail ging auch an das bayerische Gesundheitsministerium - weshalb die Opposition Ministerin Melanie Huml (CSU) vorwirft, die Öffentlichkeit zu spät informiert zu haben. Am 12. August berichtete Huml über massive Verzögerungen bei der Übermittlung der Testergebnisse - zu diesem Zeitpunkt wussten 44.000 Menschen noch nichts von ihrem Ergebnis, darunter mehr als 900 positiv Getestete. Rund 50 positive Tests konnten wohl bis heute nicht zugeordnet werden.

"Nur wer nichts macht, macht keine Fehler"

Andererseits: Gäbe es die Testzentren für Urlaubsrückkehrer nicht, wären alle Infizierten zunächst einfach so eingereist. Darauf verweist die bayerische Staatsregierung seit Tagen. Zuletzt betonte etwa Staatskanzlei-Chef Florian Herrmann (CSU): "Nur wer nichts macht, macht keine Fehler." Herrmann kritisierte im Zuge dessen andere Bundesländer mit Außengrenzen, etwa Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, die in der Urlaubszeit keinerlei Tests für Heimkehrer angeboten hätten.

Ministerin Huml betonte gestern im Landtag: "Wir haben die Fehler erkannt, kommuniziert und abgestellt." Seit gut einer Woche werden die Kontaktdaten an den Testzentren für Urlaubsrückkehrer an Autobahnen und Hauptbahnhöfen laut der Staatsregierung vollständig digital erfasst. Am Münchner Flughafen werden die Daten bereits seit rund zwei Wochen digital erfasst - allerdings gab es auch danach Berichte, wonach die Ergebnisse erst verspätet übermittelt wurden.

Auch für die Stationen an den Hauptbahnhöfen und Autobahnen sind inzwischen private Betreiber zuständig. "Zwischen 10. und 13. August haben wir die Stationen nach und nach übergeben", sagt BRK-Sprecher Taheri-Sohi. "Während wir für den Abstrich zuständig waren, übernimmt der neue Dienstleister nun den gesamten Prozess inklusive der Befundübermittlung. Dies soll nun auch digital laufen."

Huml: "Im Austausch" über mögliche Ausweis-Pflicht

Bereits am Montag hatte der BR beim bayerischen Gesundheitsministerium nachgefragt, warum an den Testzentren für Reisende nicht in jedem Fall kontrolliert wurde, ob die Menschen ihre richtigen Daten angaben. Bisher gab es auf diese und andere Nachfragen - etwa wie lange es aktuell dauert, bis man nach dem Test an einer der Stationen das Ergebnis erfährt - keine Antwort. Gesundheitsministerin Huml erklärte gestern allerdings im Landtag, derzeit werde geprüft, ob man sich den Ausweis an den Autobahn-Testzentren vorzeigen lassen kann. Man sei darüber "im Austausch" mit dem bayerischen Innenministerium.

Die Verantwortung für die anfänglichen Schwierigkeiten weist BRK-Sprecher Taheri-Sohi seit Tagen deutlich zurück. "Wir haben von Anfang an darauf gepocht, ein digitales Verfahren für die Erfassung der Daten zu bekommen", betont er. "Ideal wäre ein Lesegerät gewesen, das den Personalausweis oder die Versichertenkarte einliest und alle Daten fehlerfrei überträgt. Stattdessen mussten wir mit den händisch auszufüllenden Formularen arbeiten - diese kamen von der Landesgesundheitsbehörde."

Inzwischen sind die Wogen zwischen den Hilfsorganisationen und der Staatsregierung aber offenbar wieder etwas geglättet. Die Ehrenamtlichen hätten "Unwahrscheinliches geleistet", betonte Gesundheitsministerin Huml gestern im Landtag. "Ein herzliches Dankeschön", sagte Huml - und fügte hinzu: "Bitte sagen Sie’s entsprechend weiter."

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