BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© pa/dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Bildrechte: pa/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Schüler einer neunten Klasse in Bayern sitzen mit Mundschutz im Klassenzimmer, aufgenommen am 08.09.20.

38
Per Mail sharen

    Corona-Schulalltag: Scharfe Kritik von Eltern und Schülern

    Eltern- und Schülervertreter in Bayern kritisieren die Corona-Bedingungen an den Schulen – und haben jeweils offene Briefe an Kultusminister Piazolo geschickt. Dieser hält das Vorgehen für "befremdlich" und verweist auf ein Treffen am Mittwoch.

    38
    Per Mail sharen
    Von
    • Maximilian Heim

    "Digitales Chaos", "Notenjagd", "überfüllte öffentliche Verkehrsmittel": Mit deutlichen Worten fordern Eltern- und Schülervertreter in Bayern Verbesserungen im Corona-geprägten Schulalltag. Der Landesschülerrat kritisiert in einem offenen Brief an Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) unter anderem, dass in den Schulen bislang kaum Luftfilteranlagen zum Einsatz kommen. In den Wintermonaten könne es angesichts des Stoßlüftens mindestens alle 45 Minuten nicht sein, "dass Schülerinnen und Schüler sich ausrüsten müssen, als gingen sie auf eine Polarexpedition".

    Zudem kritisieren die Schülervertreter volle Busse und Züge auf dem Schulweg. Hier müsse der versprochene Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs endlich umgesetzt werden. Die Schüler monieren auch, dass die Abgeordneten im Bayerischen Landtag dank Trennwänden am Platz keinen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. In den Schulen müsse man dagegen, bei entsprechender Anordnung der Behörden vor Ort, grundsätzlich und auch trotz Trennwand eine Maske am Platz tragen. Es sei schwer zu vermitteln, weshalb hier zwei verschiedene Regeln gelten - nicht zuletzt "in Anbetracht der Vorbildfunktion" der Landtagsabgeordneten.

    Auch Elternverbände üben heftige Kritik

    Auch von Elternseite gibt es aktuell einen offenen Brief an Kultusminister Piazolo - ebenfalls mit heftiger Kritik. "Wir Eltern werden nicht hinnehmen, dass unsere Kinder durch die Pandemie zu Verlierern werden", heißt es in dem am Montag veröffentlichten gemeinsamen Schreiben der Landeselternvereinigung der Gymnasien (LEV) und des Bayerischen Elternverbands (BEV). Von einer "gelungenen Erziehungspartnerschaft" könne nicht die Rede sein, weil Eltern zu Ersatzlehrern werden müssten und keine Chancengleichheit gegeben sei.

    "Der Leistungs- und Bildungsstand des einzelnen Schülers hängt in der Pandemie mehr denn je von elterlicher Unterstützung und Förderung ab", schreiben die Elternvertreter. Mit Blick auf die Lehrpläne fordern sie: Was mangels Präsenzunterricht nicht mehr behandelt werden könne, müsse "in dieser Situation aus dem Lehrplan fallen". Und auch beim sogenannten Distanzunterricht sehen sie teils große Schwächen: Arbeitsblätter zu verschicken, verdiene die Bezeichnung "Unterricht" nicht.

    Schüler: Scharfe Kritik an "Notenjagd"

    Sowohl Eltern- als auch Schülervertreter kritisieren, dass es aktuell viele Leistungsnachweise gebe. Laut den beiden Elternverbänden sind die Schulen wegen der Gefahr, jederzeit wieder auf Distanzunterricht umstellen zu müssen, auf schnelle Notengebung bedacht. Das setze Schüler und Lehrer massiv unter Druck. Dass oftmals Lernstoff noch nachgeholt werden müsse, werde dabei nicht berücksichtigt.

    Der Landesschülerrat spricht sogar von einer "Notenjagd" mit bis zu vier Leistungsnachweisen pro Woche. Das setze die Schülerinnen und Schüler "einem ungeheuren Leistungsdruck aus, der in keinem Verhältnis zur aktuellen Lage steht".

    Piazolo befremdet über offenen Brief

    Auf diesen Kritikpunkt hat Kultusminister Piazolo heute reagiert. Unverhältnismäßige Leistungserhebungen an Schulen seien unnötig und kontraproduktiv, teilt er am Montagmittag mit. "Kinder sollten gerade in diesen schwierigen Zeiten in der Schule aufgefangen werden und eventuell bestehende Lücken schließen können."

    Gleichzeitig kritisiert der Minister den offenen Brief der Elternverbände. Ein solches Vorgehen sei "befremdlich - zumal wir in zwei Tagen ohnehin ein Gipfelgespräch abhalten, zu dem auch der Elternverband eingeladen ist". Zudem hätten die Eltern laut Piazolo bei direkter Nachfrage im Ministerium erfahren, dass die Schulaufsicht nach einigen Klagen über zu viele Prüfungen gebeten wurde, die Situation an den Schulen genau zu beobachten und gegenzusteuern.

    Eltern monieren auch "digitales Chaos"

    Allerdings haben Schüler und Eltern etliche Kritikpunkte. So sehen sie auch mit Blick auf die digitale Ausstattung weiter Verbesserungsbedarf. Während die beiden Elternverbände noch immer "digitales Chaos" sehen, drängen die Schülervertreter darauf, die Ende des Jahres auslaufende Lizenz einer virtuellen Besprechungsplattform zu verlängern, die viele Schulen demnach bisher mit großer Zufriedenheit für den Distanzunterricht nutzen. Es handelt sich dabei nicht um die vom Kultusministerium entwickelte Plattform "mebis", sondern um die Software eines großen Technologie-Konzerns.

    Tatsächlich wollen die Eltern- und Schülervertreter vor dem Treffen am Mittwoch mit ihren offenen Briefen offenkundig den Druck auf das Kultusministerium erhöhen. Dann kommen alle Beteiligten, inklusive Kultusminister Piazolo und Ministerpräsident Markus Söder (CSU), erneut zu einem Schulgipfel zusammen.

    Intern sind die Schüler nach eigenem Eindruck mit ihren Anliegen bisher nicht entscheidend vorangekommen: Die jüngste Sitzung des Landesschulbeirats sei "aus unserer Sicht leider äußerst unbefriedigend" verlaufen, teilte der Landesschülerrat mit. Allerdings wolle man auch nicht alles schlecht reden: Die bisherigen Hygienevorgaben des Ministeriums seien in den Schulen "teilweise gut umgesetzt worden".

    (mit Informationen von dpa)

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!