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Bildrechte: picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Der verschärfte Teil-Lockdown trifft die Bayerischen Volkshochschulen bis ins Mark. Vor allem bei den Sprachkursen für viele tausend Migranten herrscht Unsicherheit. Ab sofort dürfen sie nicht mehr im Präsenzbetrieb stattfinden.

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Corona-Schließung: Bayerische Volkshochschulen schlagen Alarm

Der verschärfte Teil-Lockdown trifft die Bayerischen Volkshochschulen bis ins Mark. Vor allem bei den Sprachkursen für viele tausend Migranten herrscht Unsicherheit. Ab sofort dürfen sie nicht mehr im Präsenzbetrieb stattfinden.

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Von
  • Michael Franz

Bei vielen Volkshochschulen in Bayern herrscht Unsicherheit. 90 von 197 Volkshochschulen führen nach Angaben des Bayerischen Volkshochschulverbandes Integrationskurse durch. Nun stehen diese Kurse auf der Kippe. Der Bayerische Volkshochschulverband befürchtet gravierende Auswirkungen.

Präsenzunterricht für Migranten besonders wichtig

Denn im Zuge der weiteren Corona-Verschärfungen in Bayern darf bei außerschulischen Bildungsangeboten kein Präsenzbetrieb mehr stattfinden. Das macht laut Bayerischem Volkshochschulverband die Umsetzung der Integrationskurse nur noch schwer möglich. Viele Volkshochschulen bieten mindestens zwei Kurse gleichzeitig an. Die großen Volkshochschulen sogar noch weitaus mehr, zum Beispiel in München, Nürnberg und Augsburg.

Präsenzbetrieb für Erfolg der Integrationskurse entscheiden

Für Personen, die es nicht gewohnt sind, zu lernen oder die über ein niedriges Sprachniveau verfügen, sei der Präsenzbetrieb von großer Bedeutung, sagt Verbands-Pressesprecherin Lena Pirzer. Viele verfügten über wenig mediale Kompetenz und hätten auch nicht die technische Ausstattung für einen Online-Kursbetrieb. Dazu kämen noch die familiären und häuslichen Verhältnisse, die ein konzentriertes Lernen oftmals nicht möglich machen würden, sagt Pirzer.

Verbandspräsident: "Durcheinander ärgert mich"

Christian Hörmann, Vorstand des Bayerischen Volkshochschulverbandes, zeigt sich im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk verärgert. In anderen Bundesländern, wie zum Beispiel in Hessen oder Niedersachsen, blieben die Volkshochschulen weiterhin offen. Ausgenommen davon seien nur die Gesundheits- und Bewegungskurse. Und nicht einmal in Bayern sei die Regelung einheitlich: In Augsburg zum Beispiel gebe es eine Allgemeinverfügung, nach der Präsenzunterricht für Integrationskurse ausdrücklich erlaubt ist. "Dieses Durcheinander ärgert mich und ist inakzeptabel", sagt Hörmann.

Prüfungen stehen auf der Kippe

An den örtlichen Volkshochschulen zeichnen sich derweil schon Konsequenzen ab, die die Verantwortlichen bis an ihre Belastungsgrenze bringen. Susanne Duckstein, Leiterin der VHS Lohr-Gemünden im Landkreis Main-Spessart, berichtet von zwei Kursen, die unmittelbar vor der Prüfung stehen. Die Prüfungen dürften eigentlich zwar stattfinden, sie sind von dem Verbot ausgenommen. Eventuell könnten sie nun aber nicht abgehalten werden, weil den Teilnehmern durch die Schließung die letzten paar Unterrichtsstunden fehlen, die offiziell gefordert sind. "Man fühlt sich wie vor den Kopf gestoßen", sagt Druckstein. Viele Migranten hätten monatelang auf diese für sie notwendigen Prüfungen hingearbeitet und seien nun vollkommen entnervt.

Integrationskurse oft Voraussetzung für Ausbildung

Was Duckstein auch nicht versteht: Es wird zwischen berufsbezogenen Sprachkursen auf der einen Seite und Integrations- und Alphabetisierungskursen auf der anderen Seite unterschieden. Erstere dürfen weiterhin stattfinden, letztere nicht. Die bayerische Infektionsmaßnahmenschutzverordnung untersagt nämlich "außerschulische Bildungsangebote" in Präsenzform. Das hält Duckstein für Unsinn. Zum einen zielen die Integrationskurse auf eine Prüfung ab, zum anderen seien diese Kurse oft die Voraussetzung für den Berufseinstieg oder für eine Ausbildung. Man habe Hygienemaßnahmen ergriffen und sei für den Unterricht auf größere Säle ausgewichen, um die Abstandsregeln einzuhalten, sagt Druckstein.

Verband sieht VHS-Struktur gefährdet

Der Volkshochschulverband fordert nun nachdrücklich, auch Alphabetisierungs- und Integrationskurse weiterhin in Präsenzform abhalten zu dürfen. Außerdem fehle dem Verband eine mittelfristige Perspektive von der Politik. Laut Pirzer gehe es nämlich nicht nur um die Kurse für Migranten alleine: "Es droht eine zunehmende Gefährdung der flächendeckenden VHS-Struktur und der Erwachsenenbildungsstruktur in Bayern." Den Volkshochschulen würden Kursleiterinnen und Kursleiter wegbrechen, die sich wegen der unsicheren Perspektiven beruflich umorientieren. Dies gefährde "Strukturen, die über Jahre entstanden sind und die sich nicht mal eben wiederaufbauen lassen", sagt Pirzer. Allein in Bayern arbeiten an den Volkshochschulen 30.000 Kursleiter auf Honorarbasis. Viele davon verdienen damit ihren Lebensunterhalt.

Jährlich verzeichnen die bayerischen Volkshochschulen nach eigenen Angaben rund 2,5 Millionen Kursteilnehmer: Aufgrund der Unsicherheiten und Kursabsagen fürchtet der Verband auch auf Teilnehmerseite Einbrüche und einen Vertrauensverlust.

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