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Auch Kinder im Vorschulalter spielen eine Rolle im Infektionsgeschehen, flächendeckende Testkonzepte für sie fehlen aber noch. Forscher sehen Handlungsbedarf und fordern im BR-Politikmagazin Kontrovers, mehr zu testen und Eltern schneller zu impfen.

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Corona-Risiko in Kitas: Was Experten jetzt fordern

Auch Kinder im Vorschulalter spielen eine Rolle im Infektionsgeschehen, flächendeckende Testkonzepte für sie fehlen aber noch. Forscher sehen Handlungsbedarf und fordern im BR-Politikmagazin Kontrovers, mehr zu testen und Eltern schneller zu impfen.

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Von
  • Thomas Kiessling
  • Anna Feininger

Sybille Zavala macht sich Sorgen. Wie viele Eltern ist die junge Mutter von Kindern im Vorschulalter bislang nicht geimpft. Eine Impfung mit dem inzwischen in Bayern freigegebenen Impfstoff Astrazeneca scheut sie. Denn die Ständige Impfkommission empfiehlt den Impfstoff weiterhin nur für über 60-Jährige und sieht bislang von einer Ausweitung der Empfehlung für insbesondere junge Frauen ab. Jeden Tag begleitet sie deswegen die Sorge, dass ihre Kinder trotz aller Vorsichtsmaßnahmen das Virus aus der Kita mitbringen könnten.

"Wir wissen einfach nicht, was gerade ist und ob sie vielleicht infiziert sein könnte und ob wir dann - die Kinder und ich, mein Mann - im Endeffekt ein Risiko darstellen für zum Beispiel die Großeltern." Sybille Zavala, Mutter

Infektionsrisiko Kindertagesstätten

Ein flächendeckendes und regelmäßiges Testkonzept wie an den Schulen gibt es für Kinder in Kindertagesstätten und Kindergärten bislang nicht. Allein vergangenen Freitag waren etwa 150.000 Kinder in Bayerns Kitas. Vielerorts müssen Eltern trotz hoher Infektionsraten in den Landkreisen die Notbetreuung in Anspruch nehmen.

Die Leiterin der Kita in Bobingen, Claudia Lautenbacher, weiß um den Zwiespalt der Eltern: Einerseits sind viele aufgrund ihrer Arbeit auf die Kinderbetreuung angewiesen. Andererseits wisse sie von Eltern, die ihr Kind aktuell bewusst nicht bringen, weil sie Sorge vor einer Ansteckung haben.

Virologin: Für die Elter ist es "Russisch Roulette"

Trotz rückläufiger Infektionszahlen in den Landkreisen ist die Sorge der Eltern berechtigt. Denn seit März zeigt der Trend bei der Inzidenz von Kindern im Vorschulalter bis 4 Jahre nach oben. Bei Kindern ab 5 Jahren stieg der Inzidenzwert sogar auf über 200.

Die Münchner Virologin Ulrike Protzer hält es deswegen für wichtig, Eltern schneller zu impfen. Gegenüber dem BR-Politikmagazin Kontrovers sagt sie:

"Für alle Eltern ist es im Moment schon ein bisschen Russisch Roulette. Wenn die Kinder in Kindergruppen sind, können sie sich infizieren. […] Also die Überlegung, für Eltern - gerade mit kleinen Kindern - auch bevorzugt eine Impfung anzubieten, ist schon eine sehr vernünftige." Ulrike Protzer, Virologin

Nur begrenzte Impfstoffverfügbarkeit

Der Bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek scheint dagegen zwar das Problem zu erkennen, sieht derzeit jedoch kaum Handlungsspielraum: "Wir haben natürlich ein ganzes Bündel von Gruppen, die wir möglicherweise jetzt mit impfen wollen: Familien, Schülerinnen und Schüler, Abschlussklassen. Es ist immer noch ein begrenztes Gut, der Impfstoff, auch wenn es jetzt mehr wird. Das ist immer noch der limitierende Faktor: Wie viel steht zur Verfügung?"

Testkonzepte für Kindertagesstätten fehlen

Umso drängender scheint es, ein geeignetes Testkonzept für Kitas auszuarbeiten, um Familien vor dem Virus zu schützen. Denn besonders die Entwicklung der Infektionszahlen bei Vorschulkindern ist laut Daten des Münchner Helmholtz-Zentrums besorgniserregend.

Dass in Kitas noch immer nicht getestet wird, sei deswegen ein Problem. Dabei gäbe es in Teilen Thüringens und auch in einigen Städten Nordrhein-Westfalens solche Testkonzepte etwa mit kindgerechten Lolli-Tests. In Bayern hingegen werden solche Tests nur vereinzelt angeboten.

Steigende Infektionsentwicklung bei Kindern

Während in der ersten Welle der Corona-Pandemie unter einem Prozent der Kinder im Vorschulalter von Infektionen betroffen waren, ist die Zahl bereits in der zweiten Welle auf acht Prozent gestiegen. Und: Viele Infektionen würden erst gar nicht bemerkt. Über die Hälfte der Kinder hatten Infektionsverläufe ohne jegliche Symptome, sagt Anette-Gabriele Ziegler vom Helmholtz-Zentrum dem BR-Politikmagazin Kontrovers.

Dennoch waren sie ihr zufolge wahrscheinlich hoch ansteckend: "Und das bedeutet einfach für mich, dass Vorschulkinder ganz eindeutig auch infiziert sind und in meinen Augen auch zu dem Infektionsgeschehen in Bayern beitragen."

Auch mehr als ein Jahr nach Beginn der Pandemie ist die Studienlage dazu bundesweit aber noch nicht eindeutig.

Handlungsbedarf erkannt - Zuständigkeiten weiter ungeklärt

Das Bayerische Familienministerium sieht derzeit die Eltern und andere Kontaktpersonen der Kinder noch alleine in der Verantwortung. Kontaktpersonen sollten sich laut dem Ministerium im Rahmen der Tests an ihrem Arbeitsplatz oder bei Bürgertestungen regelmäßig - idealerweise zwei Mal pro Woche - testen lassen. Für flächendeckende Testkonzepte in Kindertagesstätten seien die Laborkapazitäten nicht ausreichend und allgemeingültige Zulassungen für Kinder-Spezialtests derzeit nicht verfügbar.

Dass es so lange dauert, Zulassungen zu erhalten, ist ein Umstand, den auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) als ärgerlich beklagt. Wöchentlich würde deswegen nach Berlin geschrieben werden – mit der Hoffnung, "dass die Bürokratie dort auch ein bisschen schneller geht", so Söder. Die Bundesregierung wiederum verweist auf die Zuständigkeit der Länder.

Ungeklärte Verantwortlichkeiten auf politischer Ebene helfen Eltern wie Sybille Zavala jedoch wenig. Viele von ihnen fühlen sich in ihrer Situation im Stich gelassen. Denn sie gehen täglich ein Infektionsrisiko ein, das sie nicht einschätzen können.

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