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"Fassungslos": Kulturschaffende verärgert über Staatsregierung

Bildrechte: picture alliance/dpa | Sven Hoppe
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"Was für eine Farce": Kulturbranche sauer auf Staatsregierung

Trotz dramatischer Appelle aus dem Kulturbereich bleibt es in Bayern vorerst bei der Ungleichbehandlung von Kultur und Gastronomie: Das Kabinett hat die Entscheidung über die Corona-Regeln vertagt. Kulturschaffende und Opposition sind entsetzt.

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Petr JerabekPetr JerabekMaximilian HeimMaximilian Heim
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Die Hoffnungen im Kulturbereich waren groß - und erfüllten sich allesamt nicht: Entgegen der ursprünglichen Ankündigungen hat die bayerische Staatsregierung die Entscheidung über eine Lockerung der Corona-Auflagen für die Kultur erneut vertagt. Somit bleibt es für Kinos, Theater und Co. sowohl bei 2G plus als auch bei einer maximalen Auslastung von 25 Prozent samt weitgehender Maskenpflicht - während Restaurants und Cafés mit der 2G-Regel komplett gefüllt werden dürfen. Entsprechend tief sitzen bei vielen Verantwortlichen im Kulturbereich nun Enttäuschung und Frust.

Der Präsident des Bayerischen Musikrats (BMR), Helmut Kaltenhauser, schrieb auf Facebook: "Natürlich sind wir darüber enttäuscht." Schließlich seien im Vorfeld Erwartungen geweckt worden, die heute nicht erfüllt worden seien. "Wir warten jetzt sehr gespannt auf die kommende Kabinettssitzung, die dann hoffentlich die notwendigen klaren, transparenten und nachvollziehbaren Corona-Regelungen bringt, die Musik und Kultur zum Überleben brauchen."

Bereits in den vergangenen Tagen hatte der Musikrat Alarm geschlagen. "Es muss jetzt gehandelt werden, um der Musik nicht endgültig die Luft zu nehmen", warnte Kaltenhauser, der auch für die FDP im Landtag sitzt. Nötig seien eine Erhöhung der Auslastung auf maximal 75 Prozent sowie mehr Planungssicherheit.

"Katastrophale Entscheidung"

"Wir sind völlig entsetzt", sagte Anne Schuester vom Verband Freie Darstellende Künste Bayern dem BR und sprach von einer absolut katastrophalen Entscheidung. "Wir hatten extrem große Hoffnungen." Stattdessen stehe eine weitere Woche Unsicherheit bevor, eine Woche, in der man kaum planen könne. "Wir empfinden es als himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass wir ein Mehr an Sicherheit bieten durch 2G plus, dafür aber auch mehr Einschränkungen erleiden. Das ist einfach nicht nachzuvollziehen." Wirtschaftliches Arbeiten sei aktuell nicht möglich. Die staatlichen Hilfen deckten lediglich einen Teil der Betriebskosten, nicht die Kunst: "Wir zahlen jeden Abend drauf."

Schuester verwies darauf, dass es Studien gebe, die ein geringes Infektionsrisiko in Kultureinrichtungen belegten. Diese Fakten würden einfach weggewischt. "Wir sind wirklich fassungslos, dass da nicht datenbasiert entschieden wird." Aktuell stelle sich die Frage: "Wie oft steht man nach solchen Nackenschlägen wieder auf als Künstlerin oder Künstler?"

"Zuerst das Fressen, dann die Moral"

Der Intendant der Nürnberger Symphoniker, Lucius Hemmer, reagierte auf BR-Anfrage mit Sarkasmus: "Wenn man weiterhin jeden Restaurant-Besuch besser stellt, bleibt uns nur noch, während unserer Konzerte auch Schäufele zu servieren." Unzufrieden reagierte auch der Intendant des Nürnberger Staatstheaters, Jens-Daniel Herzog. Kulturbetriebe bräuchten in Bayern eine Perspektive, betonte er. "Aber es hilft nichts, wir hoffen dann eben auf die nächste Woche."

Der Theatermacher Michael Stacheder twitterte: "Was für eine Farce." In Bayern gelte weiterhin: "Zuerst das Fressen, dann die Moral." Der Sprecher der bayerischen Kinobetreiber, Florian Mäteling, beklagte: "Es ist wieder ein Vertrösten, es ist wieder ein Warten." Das ist zu wenig, um zu überleben.

Runder Tisch ohne Ergebnisse

In den vergangenen Tagen hatten zahlreiche Vertreter des Kulturbereichs schnelle Änderungen der Regeln angemahnt - und fühlten sich durch mehrere Signale aus der Staatsregierung ermutigt. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) stellte vergangenen Dienstag in Aussicht, dass das Kabinett in dieser Woche Lockerungen für die Kultur beschließen könnte - oder das voraussichtlich tun werde. Bei der Kultur sei "das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagte Aiwanger damals. Aktuell würden aber noch Erkenntnisse fehlen, wie mit Omikron umzugehen sei. Kritiker sagen allerdings: Für die Gastronomie müssten diese fehlenden Erkenntnisse auch gelten, trotzdem sind Restaurants und Cafés in Bayern ohne Maskenpflicht am Platz und "nur" mit 2G offen.

Am Mittwoch fand dann ein Runder Tisch statt – die Staatsregierung tauschte sich dabei mit Vertretern aus Kultur und Kunst aus. Konkrete Ergebnisse? Fehlanzeige. Lediglich von eindrücklichen Schilderungen der bayerischen Kulturschaffenden sprach Kunstminister Bernd Sibler (CSU) im Anschluss. Ihm sei es wichtig gewesen, sich vor den Beratungen des Kabinetts noch einmal umfassend mit der Branche auszutauschen. Der Bayerische Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK) stellte nach dem Treffen dagegen klare Forderungen: keine Ungleichbehandlung von Kultur und Gastronomie, 75 Prozent Auslastung bei Kulturveranstaltungen.

Staatskanzleichef Herrmann "sehr optimistisch"

Und jetzt? Die von Sibler anvisierten Kabinettsberatungen blieben also vorerst ohne Lockerung für die bayerische Kulturbranche. Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) begründete das mit einer "etwas unklaren Lage" mit Blick auf die Corona-Hospitalisierung. Einerseits steigt demnach die Inzidenz, andererseits sinkt die Zahl der mit Covid-Patienten belegten Intensivbetten. Dazu kommt laut Herrmann eine leicht steigende Hospitalisierungsrate – zuletzt mussten also wieder etwas mehr Menschen mit einer Corona-Infektion ins Krankenhaus als in der Vorwoche.

Trotz des vorläufigen Abwartens erklärte Herrmann, er sei mit Blick auf weitere Lockerungen "sehr optimistisch". Konkret nannte er die Bereiche Kunst/Kultur/Kino, Jugendarbeit und Sport. "Wir wollen zu Lockerungen kommen, wenn es die Lage erlaubt", sagte Herrmann. Zugleich betonte er mit Blick auf Vergleiche zwischen Gastronomie und Kultur: "Mir ist immer wichtig, dass man nicht der Versuchung erliegt, die einzelnen Bereiche gegeneinander auszuspielen."

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) äußerte im Interview mit der BR24-Rundschau Verständnis für die Verärgerung vieler Kulturschaffender. Auch er verwies auf noch fehlende Daten. Es sei nicht sinnvoll, jetzt Entscheidungen zu treffen, die dann bald wieder rückgängig gemacht werden müssten. Anfang kommender Woche habe man dann eine bessere Entscheidungsgrundlage, so Holetschek.

Am Wochenende hatte auch ein Interview von Ministerpräsident Söder mit dem "Münchner Merkur" für Schlagzeilen gesorgt. Darin kündigte er für seine Corona-Politik einen "breiteren Ansatz" und mehr "als jeden Tag nur neue Verordnungen" an. Über die Zuschauerzahl bei Kulturveranstaltungen sagte Söder: "Da sind 50 Prozent denkbar, also eine Bestuhlung im Schachbrettmuster. Lassen Sie uns aber noch etwas beobachten, wie sich Omikron entwickelt und ob trotz steigender Inzidenzen die Patientenzahl weitgehend stabil bleibt." Die Ministerpräsidentenkonferenz am 24. Januar sei ein guter Zeitpunkt, um Lockerungen wie diese zu diskutieren.

AfD: "Vorgeschobene Gründe"

Scharfe Kritik an der Staatsregierung kommt auch von der Landtags-AfD. "Der Ausnahmezustand verlängert sich in einer Endlosschleife", teilte der Fraktionsvorsitzende Ulrich Singer mit. Die vorgeschobenen Gründe dafür seien epidemiologisch nicht nachvollziehbar: "Warum sollte es im Theater oder Museum mehr Ansteckungen geben als in Gaststätten? Oder glaubt die Staatsregierung, sie hätte in der Gastronomie tatsächlich noch wesentlich mehr Wähler als bei Schauspielern und Museumsdirektoren?"

Singer verweist auch auf die aus seiner Sicht "relativ harmlose Omikron-Variante". Normalisierung sei längst möglich. "Ich fordere die Staatsregierung auf, endlich wieder ein normales Leben zuzulassen! Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Reiter: "Nicht nachvollziehbar"

Wenig Verständnis für das Vorgehen der Staatsregierung hat auch der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). "Ich hielte es für absolut vertretbar, zumindest die Zuschauerkapazität unserer Kultureinrichtungen bei den strengen Hygieneauflagen entsprechend zu erhöhen, um hier wenigstens für ein wenig Entlastung zu sorgen", sagte Reiter in München. "Ich bedaure, dass es die Bayerische Staatsregierung versäumt hat, die Ungleichbehandlung von Kulturbetrieben und Gastronomie in Bezug auf die Corona-Maßnahmen zu beenden." Diese sei nicht nachvollziehbar, betonte Reiter und verwies auf sehr gute Hygienekonzepte in Kultureinrichtungen.

Von Brunn warnt vor Schaden für die Kultur

Der bayerische SPD-Fraktionschef Florian von Brunn forderte ebenfalls, die Ungleichbehandlung der Kultur umgehend zu beenden. Die "knüppelharten Auflagen" für Kinos, Theater und Kulturbühnen gefährdeten Existenzen. Von Brunn sprach sich dafür aus, die Beschränkungen bei den Besucherzahlen auf 50 Prozent hochzusetzen. "Wir müssen jetzt handeln, sonst ist massiver Schaden für die Kultur nicht mehr zu vermeiden!" SPD-Fraktionsvize Margit Wild bezeichnete das Vorgehen der Staatsregierung als armselig: "Woche für Woche wird die Kultur vertröstet und hingehalten."

Vereinzelte Zuschauer in einem Theatersaal

Bildrechte: BR

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