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Im Nürnberger Rotlicht-Viertel um das Frauentor herrscht gähnende Leere.

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    Corona: Vermehrt illegale Prostitution nach Bordell-Schließungen

    Mit der 15. Infektionsschutzverordnung der Staatsregierung von vergangener Woche mussten auch Bordelle in Bayern wieder schließen. Doch viele Prostituierte sind auf die Sexgeschäfte angewiesen – und machen illegal weiter.

    Von
    Simon BerningerSimon Berninger
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    Ein Paragraph im Strafgesetzbuch ist durch die Corona-bedingten Bordell-Schließungen wieder obenauf bei Bayerns Polizei und Justiz: Paragraph 184f. Er verbietet Prostitution "an bestimmten Orten", also etwa in so genannten Sperrbezirken.

    Frauen müssen Geld nach Hause schicken - und machen weiter

    Und genau dort, wo Sex für Geld immer verboten ist, häufen sich nun die Fälle illegaler Prostitution, sagt Kriminalhauptkommissarin Eva Pooske von der Polizei Augsburg: "Da die Frauen trotz alledem Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Viele kommen aus Osteuropa und sind darauf angewiesen, Einnahmen auch nach Hause schicken zu können. Das heißt, es werden Hotelzimmer angemietet, fast ausschließlich in Sperrbezirken der diversen Städte. Alle großen Städte – München, Augsburg, Nürnberg – haben Sperrbezirke, wo man explizit eigentlich Prostitution verboten hat.

    Dramatischer Anstieg der Prostitution im Sperrbezirk

    Laut Kreisverwaltungsreferat München etwa "liegen die aktuellen Schwerpunkte der illegalen Prostitution bei der Haus- und Hotelprostitution im Sperrbezirk". Die Zahlen der Staatsanwaltschaft München I sprechen für sich: 140 Verfahren wegen Ausübung verbotener Prostitution waren dort in den Jahren 2018 bis 2020 anhängig – allein bis Ende Juli diesen Jahres waren es 215.

    Oft haben die Frauen Schulden und kein Geld für die Heimfahrt

    Die kirchliche Beratungsstelle Jadwiga hilft in München und Nürnberg vor allem Prostituierten, die keine Alternative zum Anschaffen sehen. Juliane von Krause berät Betroffene in der Landeshauptstadt. Vor allem Frauen aus dem Ausland verschuldeten sich häufig bei den Bordellbetreibern, wodurch die Not jetzt umso größer ist: "In den Bordellen müssen sie ja sehr hohe Mieten bezahlen und vielleicht haben sie ja gar nicht so viele Kunden und schon haben sie Mietschulden beim Bordellbetreiber. Und dass die Bordelle wieder geschlossen wurden, heißt, dass die Frauen gezwungen werden, sich illegal zu prostituieren – dann riskieren sie eine Ordnungswidrigkeit und dann haben sie noch mehr Schulden. Also das ist jetzt für viele Frauen eine schwierige Situation und möglicherweise haben sie ja auch gar nicht das Geld, zurückzufahren nach Hause - das heißt, sie stehen erstmal da, und wir von Jadwiga helfen diesen Frauen zum Beispiel nach Hause zu kommen."

    Sexkäufer ohne, Prostituierte mit Corona-Tests

    Doch können es sich eben längst nicht alle Prostituierte aus dem Ausland erlauben, auf die Einnahmen aus ihrer Tätigkeit in Bayern zu verzichten. Dass sie nun illegal weitermachen, hat auch Konsequenzen für die Arbeit von Daniela Lutz von Solwodi Augsburg, einer internationalen katholischen Frauenhilfsorganisation: "Wenn sie nicht mehr im Bordell arbeiten können, ziehen sie sich mehr ins Dunkelfeld zurück und sind dadurch weniger erreichbar für Hilfsorganisationen. Und das ist eine dramatische Situation, dass die selber sich zwar testen, die Sexkäufer aber keine Belege vorlegen und in ihrer Not bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als diese Männer dann trotzdem zu akzeptieren."

    "Die wenigsten Frauen freiwillig" in Prostitution

    Daniela Lutz hätte sich erhofft, dass mit den zweiten Bordell-Schließungen wenigstens Alternativen für die Frauen in der Prostitution geschaffen worden wären: "Im Prinzip halte ich es ja für richtig, den Markt des Sexkaufes zu beschränken. Aber das ist nun das Letzte, was wir wollen, dass die Frauen dafür kriminalisiert werden, die in diese Situation gelockt werden oder gezwungen werden – wenn man es als Zwang sieht, aus wirtschaftlicher Not zu handeln oder weil die Familie einen reinschickt, dann sind sicher die wenigsten Frauen freiwillig dabei.

    Für sie hofft man bei Solwodi, dass dafür auch die Kunden der Prostituierten sensibel werden - langfristig und unabhängig von Corona.

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