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Bildrechte: Sven Hoppe/dpa

Bundesweit könnten zu niedrige Inzidenzen zu voreiligen Lockerungen führen. Das ergibt eine exklusive Datenanalyse des BR Datenteams zusammen mit BR24.

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Corona-Lockerungen: Fehlende Meldungen verzerren Inzidenzen

Die 7-Tage-Inzidenzen verändern sich durch Nachmeldungen erheblich. In die Entscheidung über Corona-Maßnahmen fließt diese Korrektur aber nicht ein - auch bayerische Landkreise lockern deshalb zu früh. Eine BR-Datenanalyse.

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Von
  • Oliver Schnuck
  • Claudia Kohler
  • Christian Basl

Raus aus der Notbremse, die Inzidenz fünf Tage unter 100 - das wünschen sich aktuell die meisten bayerischen Landkreise. Für München meldete das Robert Koch-Institut (RKI) am 9. Mai eine 7-Tage-Inzidenz von 91,2. Dieser Sonntag zählte als der fünfte Tag in Folge, an dem der offizielle Wert unter 100 liegt. Bereits gestern kehrten deshalb viele Schüler in ihre Klassenzimmer zurück. Heute werden Kinos, Theater und Biergärten unter Auflagen öffnen.

Wie eine Datenauswertung des BR zeigt, kommen die Lockerungen allerdings zu früh, denn nach aktuelleren Zahlen lag die bayerische Landeshauptstadt erst drei Tage später als vom RKI gemeldet unter dem Schwellenwert von 100. Durch verzögerte Übermittlungen fehlen in der tagesaktuellen Berechnung Fälle. Sind die Inzidenzwerte aber einmal veröffentlicht, werden sie "eingefroren". Nach diesen eingefrorenen Werten richten sich die Maßnahmen der sogenannten Bundes-Notbremse, die zum Beispiel beim Schwellenwert 100 automatisch in Kraft treten oder wieder aufgehoben werden.

Grafik: Die Entwicklung der Inzidenz für München

Für die Bundes-Notbremse maßgebliche 7-Tage-Inzidenz laut RKI und am Folgetag korrigierter Wert mit Nachmeldungen.

Eine Sprecherin des Münchner Gesundheitsreferats teilt mit, dass der Stadt die Abweichungen durch Nachmeldungen bekannt seien, "kleinere Abweichungen" könnten bei der Beurteilung der infektiologischen Situation aber "toleriert werden".

Größte Abweichung der Inzidenzen bereits nach einem Tag

Die BR-Datenauswertung der RKI-Zahlen seit dem 1. März, etwa zu Beginn der dritten Welle, zeigt, dass es in ganz Deutschland zu solchen Abweichungen kommt - und dass diese vielerorts noch deutlich größer ausfallen als in München. Demnach verändern sich die 7-Tage-Inzidenzen der Landkreise und Städte bereits einen Tag nach Veröffentlichung durch das RKI im bundesweiten Durchschnitt um 5 Prozent. Das entspricht rund 6 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Die meisten Nachmeldungen treffen am Folgetag ein, aber auch später werden Fälle nachgemeldet.

In fast allen Fällen steigt die Inzidenz dadurch nachträglich an. In einigen Landkreisen liegt diese Abweichung sogar bei gut 20 Prozent. In Bayern wirkt sich der Meldeverzug am stärksten in der Stadt Schweinfurt aus - hier verändert sich die Inzidenz am Folgetag um durchschnittlich 17 Prozent.

Statistik-Professor Küchenhoff kritisiert Umgang mit dem Inzidenzwert

Auf Anfrage des BR teilt das RKI mit, es sei bekannt, "dass sich die 7-Tage-Inzidenzen durch nachübermittelte Fälle regelmäßig erhöhen". Dass die Inzidenz in der "eingefrorenen" Form maßgeblich für die Bundes-Notbremse ist, sei eine politische Entscheidung. Die Konsequenzen daraus könnten vom RKI nicht abgeschätzt werden. Das Bundesgesundheitsministerium äußert sich auf Nachfrage nicht näher zum Gesetzgebungsverfahren.

Statistik-Professor Helmut Küchenhoff von der Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) München blickt skeptisch auf die Bundes-Notbremse und die Zuverlässigkeit der Werte:

"Das Problem ist: Wenn man statistische Werte als Grundlage von Gesetzen heranzieht, sollte man genau hinschauen, wie reliabel diese Werte sind. Und das ist hier in der Eile anscheinend nicht passiert." Helmut Küchenhoff, LMU München

Abweichungen schaffen Ungleichheit zwischen den Landkreisen

Die Datenanalyse zeigt auch, dass die nachträglichen Korrekturen für die Landkreise und Städte in Deutschland unterschiedlich stark ausfallen. Für die Hälfte der Kreise werden die durch das RKI gemeldeten Inzidenzen nach einem Tag durchschnittlich um maximal vier Prozent korrigiert.

Grafik: In welcher Größenordnung liegen die durchschnittlichen Abweichungen der deutschen Landkreise?

Jeder Punkt steht für einen Landkreis oder eine Stadt. Je höher der Punkt auf der Y-Achse liegt, desto größer ist die Abweichung vom für die Bundes-Notbremse maßgeblichen Inzidenzwert. Wählen Sie einen Punkt aus, um Details zu erfahren!

Dass Nachmeldungen die Inzidenzwerte des RKI so unterschiedlich stark beeinflussen, sieht der FDP-Bundestagsabgeordnete Andrew Ullmann kritisch: "Ich halte das für sehr schwierig, wie hier mit Zahlen umgegangen wird, denn das spiegelt wirklich nicht die Dynamik der Pandemie wider und erzeugt sehr schnell Ungerechtigkeiten zwischen den Landkreisen und zwischen den Bundesländern." Laut Ullmann habe die Bundesregierung die Abweichungen durch Nachmeldungen offenbar als nicht gravierend und ausschlaggebend eingeschätzt.

Kluft zwischen den Landkreisen in Bayern besonders groß

Betrachtet man die bayerischen Städte und Landkreise, ist die Ungleichheit besonders groß: Während es etwa in den Landkreisen Kulmbach, Coburg und Wunsiedel im Fichtelgebirge so gut wie keine Abweichungen gibt, verändern sich die Inzidenzen in Stadt und Landkreis Schweinfurt (17 und 16 Prozent) oder in Neumarkt in der Oberpfalz (14 Prozent) am Folgetag deutlich.

Auf Nachfrage erklärt das Bayerische Gesundheitsministerium, man stehe in gutem Kontakt mit den Gesundheitsämtern, sodass etwaig auftretende Ursachen für Melde- und Übermittlungsverzug rasch behoben würden. Der Meldeweg sei für ganz Deutschland einheitlich geregelt. Damit werde eine regionale Vergleichbarkeit hergestellt.

Grafik: Wie groß sind die durchschnittlichen Abweichungen der bayerischen Landkreise?

Wählen Sie den Landkreis Ihrer Wahl aus, um die genauen Werte zu erfahren!

Das Landratsamt Neumarkt antwortet auf BR-Anfrage, dass unterschiedliche Aktualisierungszeitpunkte, Nachmeldungen und Qualitätsprüfungen zu unterschiedlichen Zahlen führen könnten. Insbesondere bei schnell steigenden und etwa nach Feiertagen schwankenden Fallzahlen könnten die Werte stärker voneinander abweichen.

Unterschiede auch zwischen den Bundesländern

Dennoch gibt es in Bayern auch viele Landkreise, in denen die Meldekette offenbar gut funktioniert und es nur wenig nachträgliche Abweichungen gibt. Damit fallen die Korrekturen in Bayern im Mittel deutlich niedriger aus als in anderen Bundesländern, zum Beispiel Sachsen-Anhalt. Eine Sprecherin des dort zuständigen Sozialministeriums macht auf ein zentrales Problem aufmerksam: Die Länder würden Daten vor Tagesabschluss an das RKI übertragen. Dadurch fehlten Daten des siebten Tages bei der Berechnung der 7-Tage-Inzidenz: "Das RKI berechnet die Fallzahlen von etwa 6,5 Tagen auf 7 Tage."

Laut der Sprecherin aus Sachsen-Anhalt wurde bereits ein möglicher Lösungsansatz identifiziert: "Das RKI wurde auf fachlicher Ebene wiederholt gebeten, in die Berechnung seiner 7-Tage-Inzidenz die sieben beendeten Vortage einfließen zu lassen und nicht den jeweils aktuellen Tag. Dadurch wären auch die eingefrorenen RKI-Inzidenzen näher am tatsächlichen Geschehen und aus fachlicher Sicht eine gute Basis für Maßnahmen der bundeseinheitlichen Notbremse."

Forscher der LMU berechnen Inzidenzwert mit einem Tag Verzug

Auch Helmut Küchenhoff von der LMU München hält dieses Vorgehen für besser. In den täglichen Corona-Berechnungen seines Teams am Institut für Statistik wird die 7-Tage-Inzidenz schon seit vergangenem Jahr so berechnet. "Dieses Verfahren ist einfach und transparent. Man könnte natürlich komplizierte Modelle verwenden, aber wir haben uns dafür entschieden, da die Verzerrung so im Wesentlichen beseitigt wird", so Küchenhoff. "Und wir würden das eigentlich auch für eine bessere Methode für das Infektionsschutzgesetz halten als die, die aktuell verwendet wird."

Vom RKI heißt es auf BR-Anfrage, ob es Überlegungen für eine um einen Tag verzögerte Berechnung der 7-Tage-Inzidenz gebe: "Konkrete Pläne sind dem RKI nicht bekannt."

Ergänzung, 19.5.2021

Die Berechnung der 7-Tage-Inzidenz durch das RKI hat sich mit Einführung der Bundes-Notbremse nicht geändert. Neu ist hingegen, dass der Wert laut Infektionsschutzgesetz für bundeseinheitliche Schutzmaßnahmen maßgeblich ist.

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