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Heimalltag in Corona-Zeiten: Der wichtige Kontakt zur Außenwelt | BR24

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Claudia Semmler berichtet von ihren Erfahrungen

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Heimalltag in Corona-Zeiten: Der wichtige Kontakt zur Außenwelt

Claudia Semmler weiß ihren 78-jährigen kranken Vater gut untergebracht in einem Altenheim in Unterhaching. Dann kam Corona mit allen Schwierigkeiten. So versucht sie, ihn möglichst oft zu besuchen. Bei allen Sicherheitsmaßnahmen: wertvoller Kontakt.

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Claudia Semmler ist eine Arbeitskollegin, die in diesen Wochen nicht nur in der Arbeit stark gefordert ist. Sie arbeitet als Bildtechnikerin beim BR-Fernsehen in Freimann. Was sie auch sehr beschäftigt, ist ihr 78-jähriger kranker Vater, den sie gut untergebracht weiß in einem Alten- und Pflegeheim in Unterhaching. Im Januar hat er einziehen können. Er hat sich wohlgefühlt, als er dort hingekommen ist. Auch die Tochter war glücklich, den Vater gut versorgt zu wissen. Dann kam Corona. Weil sehr wenige Menschen aufgrund der Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen in ein Heim können, schaut sie, dass sie ihn oft besucht. Manchmal kommt die Mutter mit.

"Wir teilen uns das auf. Aber im Zimmer geht halt nicht. Wenigstens können wir raus. Mein Vater ist sehr schwer krank, Pflegegrad 5, hundert Prozent Schwerbehinderung, sitzt nur im Rollstuhl, kann eigentlich nichts selbständig; kein Glas Wasser einschenken, keine Fernbedienung benutzen, Umschalten vom Fernsehprogramm. Er kann nicht alleine essen, er kann nicht alleine auf die Toilette, viel mehr kann nicht mehr kommen, außer komplett bettlägerig." - Claudia Semmler

Claudia Semmler ist froh über die warmen Tage im Herbst. Denn dann kann sie mit ihrem Vater im Rollstuhl in den Garten gehen und Zeit verbringen, reden, zuhören, ihm die Natur zeigen. Das ist ihr sehr wichtig, denn seit Beginn der Coronapandemie und der Abschottung der Heime ist vieles an Beschäftigung und Regelmäßigkeit für die Bewohner weggefallen. Dafür nennt sie mehrere Gründe.

"Es sind erstens weniger Besuchszeiten. Die Besucher dürfen ja nicht ins Haus. Die Ehrenamtlichen sind häufig Sechzig plus, die auch Vorerkrankungen haben und sich jetzt auch nicht ins Heim trauen. Oder das Heim auch nicht die Verantwortung übernehmen will und sie ehrenamtlich engagieren. Weil sie Angst haben, dass etwas ausbrechen könnte. Deshalb minimieren sie die Anzahl der Personen allgemein im Heim. Wer da nichts verloren hat und eben nicht zwingend notwendig ist, ist eben auch nicht da." - Claudia Semmler

Also fehlen auch Leute, die Bingo spielen, oder die mal Musik machen, sagt Claudia Semmler.

Ehrenamtliche können nicht mehr kommen

Ehrenamtliche, die vielleicht nur die Hand halten oder aus der Zeitung vorlesen, die sind jetzt nicht da. Oder Jugendliche, die sich engagieren, die fehlen jetzt auch, es sind praktisch kaum noch Leute da, die sich engagieren.

So fehlt im Alltag des Alten- und Pflegeheimes Anregung und Abwechslung. Umso wichtiger sind die Besuche der Verwandten. Das Gespräch, das wir mit Claudia Semmler führen, ist auf dem Weg zur Kantine, sie hat eine Dose dabei mit Stücken einer Wassermelone und lächelt. Das würde ihrem Vater auch schmecken, so bringt sie ihm beispielsweise Popcorn oder eine Mehlspeise mit. Das mag er immer noch gern und freut sich jedesmal sehr.

Der Heimalltag ist eintönig für die Alten und stressig für das Personal

An gemeinsames Backen oder Basteln, Spielenachmittage - daran ist nicht zu denken - oder dass die alten Menschen mal gemeinsam einen Film anschauen konnten. Gleichzeitig sind die ganzen Hygienemaßnahmen einzuhalten. Also nicht nur die Beschränkung von Kontakten oder Abstandsregeln. Alles Maßnahmen wegen Corona. Manche Bewohner verstehen auch nicht, warum die Pflegerinnen und Pfleger alle Mundschutz tragen. Überhaupt die Pflegerinnen und Pfleger, das Personal des Alten- und Pflegeheims in Unterhaching, es ist sehr stark beansprucht, hat durch die Coronakrise viel mehr zu tun und erschwerte Arbeitsbedingungen. Das liegt auch daran, dass einfach andere Bezugspersonen komplett ausfallen, sodass sich die kranken Menschen voll auf die Mitarbeiter fixieren. Dadurch ist der Alltag im Heim einerseits sehr eintönig und langweilig, andererseits sehr stressig.

Jahreszeittypische Aktivitäten entfallen ersatzlos

Es ist einfach nicht viel geboten. Das ist der Grund für die Langeweile, sagt Claudia Semmler, zum Beispiel Ereignisse im Heimalltag wie kleine Feste entfallen genauso wie das große Oktoberfest in München. "Es gibt Herbstfeste, jetzt wäre ein Hendlwagen vorgefahren. Dann wäre man im Garten gesessen und jeder hätte ein Hendl bekommen, zur Wiesn-Eröffnung." Auch was Geselliges fällt aus. Man hält den Ball flach, weil man die Hygienemaßnahmen einhalten muss. Weil man sich da Gedanken machen muss, was ist noch umsetzbar und was nicht, und da fällt eben vieles unter den Tisch.

Sorge vor dem Winter

Jetzt ist es noch gut, dank des guten Wetters. So kann Claudia Semmler ihren Vater im Garten treffen, die Pfleger bringen ihn herunter. Ein Begegnungszelt ist aufgestellt.

"Das wird krass, man kann halt dann nicht mehr Spazieren fahren. Das wird dann schwierig. Wenn man jemanden im Rollstuhl schiebt, ist der in einer Viertelstunde durchgefroren. Also da müsste man dann wieder Besuchszeiten im Zimmer haben können oder in Räumen, wo sie hingebracht werden mit Heizung." - Claudia Semmler

Mit vielen Angehörigen von Pflegebedürftigen in vielen Heimen in Bayern hofft Claudia Semmler, dass für die Wintermonate ein Konzept erstellt wird. Sie sieht auch die Politik in der Verantwortung. Die Regierung, die die Maßnahmen verfügt, soll dafür sorgen, dass die Regeln klar sind. Damit Heimleitungen wissen, was sie machen dürfen. Viele sind da durchaus kreativ, sagt Claudia Semmler. Aber die Politik müsse Vorgaben machen, die ein Heim wie das ihres Vaters auch umsetzen kann.

Nähe ist wichtig bei fortschreitender Demenz

Denn der Kontakt zu ihrem Vater, der soll nicht abreißen. Die Nähe ist so wichtig für den kranken Mann, der wegen fortschreitender Demenz langsam wegdämmert. Aber er versteht die Worte und reagiert auf ihre Anwesenheit. Wenn die Menschen, die ihm nahe sind kommen, dann spürt er das.

"Also die Emotionen hat er, er empfindet Stimmungen: ob jemand fröhlich oder grantig ist. Ob es warm oder kalt ist. Auch wenn er nicht mehr zusammenzählen kann, was fünf und fünf ist. Oder den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht mehr weiß: Ob jemand ihm gut gesinnt ist, oder schlecht gesinnt ist, wie die Stimmung ist, ob aufgeheizt, ob die Pfleger nett sind, oder nicht so nett, das spürt er. Oder am Telefon, wenn er sagt: Heut bist aber ned gut drauf."

Das kann man ganz lange noch wahrnehmen, sagt Claudia Semmler, das kann man auch pflegen und soll man auch pflegen und das Beste draus machen. Dabei brauchen Angehörige Verständnis und Unterstützung, damit die alten Menschen in den Pflegeheimen nicht gänzlich vereinsamen in der Pandemie.

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