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Omikron in Bayerns Kitas: "Klar werden wir durchseucht"

Omikron in Bayerns Kitas: "Klar werden wir durchseucht"

Wohl niemand war und ist Corona so schutzlos ausgesetzt wie Kita-Kinder und Erzieherinnen. Nach zwei Jahren erleben sie nun "eine Durchseuchung". Belastend sei aber nicht nur die Omikron-Welle. Der Groll richtet sich auch gegen die Staatsregierung.

Erst am Abend ist Manuela erreichbar, die im Regierungsbezirk Schwaben eine Kita leitet. Vorher wollte sie nicht telefonieren. Zu anstrengend sei momentan der Alltag. Vor dem Telefonat wollte sie deshalb etwas Ruhe finden.

Manuela ist der Name, den wir der Kita-Leiterin gegeben haben, da sie nicht erkannt werden will. Im zweiten Jahr der Pandemie liegen die Nerven blank, gerade wenn es ums Thema Kita geht. "Absolut! Natürlich haben wir Angst vor einer Infektion", sagt Manuela. "Wir lieben es, für die Kinder da zu sein. Aber wir haben auch ein eigenes Leben und wollen nicht krank werden. Aber wir können uns nicht schützen. Wir stehen an erster Linie mit unseren Rotznäschen."

Jede 13. Kita von Schließungen betroffen

Insgesamt 10.200 Kitas zählt das bayerische Sozialministerium. Davon waren wegen der Omikron-Welle 49 Einrichtungen komplett geschlossen, 763 teilweise. Stichtag 4. Februar. Jede 13. Kita ist demnach von Schließungen betroffen. Das heißt aber nicht, dass es in den Gruppen, die geöffnet sind, auch läuft wie gewohnt.

Zum Beispiel die Kita "Im Mitteresch" in Memmingen: Die Regenbogengruppe wurde geschlossen, weil mehr als jedes fünfte Kind infiziert ist. Das ist der Wert, ab dem nun eine Schließung ansteht. Die Sonnengruppe hat dagegen weiter geöffnet, auch wenn es auch hier mehrere Corona-Fälle gibt. Nur wurde eben der Grenzwert nicht überschritten. Dennoch ist die Betreuung "nur noch eingeschränkt" möglich. Nicht wegen der infizierten Kinder. Sondern wegen Erzieherinnen, die krank ausfallen. Die Stadt spricht von einer "sehr dynamischen" Situation.

Kita-Beschäftigte vermissen Luftfilter und Pooltests

Die Folge: Immer wieder muss der Dienstplan geändert werden, täglich drohen Ausfälle, so die Stadt. "Die Anforderungen sind enorm", sagt die Gewerkschaft GEW. "Das Virus rauscht durch die Einrichtungen, den Beschäftigten bleibt zum Eigenschutz nur die Maske. Luftfilter und PCR-Pooltests wie in den Schulen hätten den Betrieb sicherer gemacht", so Mario Schwandt von der GEW Bayern.

Erzieherinnen seien am Ende ihrer Kräfte. Eine Einschätzung, die Kita-Leiterin Manuela teilt. Wenn so viel Personal ausfalle, könne man keine richtigen Pausen mehr machen. Überstunden abzubauen, sei nicht mehr möglich. "Es ist zu befürchten, dass viele den Job verlassen", warnt die Gewerkschaft.

Kitas sollen Aufgaben der Gesundheitsbehörden übernehmen

Vor diesem Hintergrund hat die Staatsregierung nun entschieden, dass die Kontaktnachverfolgung durch die überlasteten Gesundheitsämter eingestellt wird. Stattdessen werden nun die Kitas verstärkt in die Pflicht genommen, kritisieren Kita-Träger - obwohl sie kaum mehr die Ressourcen haben, um ihrem Bildungs- und Betreuungsauftrag nachzukommen.

Neben der Information der Eltern über Infektionen müsse nun garantiert werden, "dass alle übrigen Kinder einer betroffenen Gruppe an fünf aufeinanderfolgenden Betreuungstagen einen negativen Testnachweis mitbringen. Andere Kinder werden weiterhin nur dreimal in der Woche getestet. Für die zusätzlichen Testnachweise müssen gesonderte Berechtigungsscheine ausgegeben werden", kritisiert die Diakonie München und Oberbayern.

"Es kann ja wohl nicht wahr sein, dass der Staat wegen seiner Personalprobleme in den Gesundheitsämtern seine Aufgaben auf die Träger und Einrichtungsleitungen der Kitas abwälzt", erregt sich Gabriele Stark-Angermeier, Vorstand der Caritas München-Freising. "Die Beschäftigten sind am Limit und darüber hinaus." Der Staat treibe die Kitas in den Kollaps.

Die neuen Regeln sind wohl der Versuch des Sozialministeriums, den Betrieb der Kitas trotz immer höherer Inzidenzen aufrechtzuerhalten. Das Ministerium verweist darauf, dass die Tests an fünf aufeinanderfolgenden Tagen in einer Gruppe mit Corona-Fall die Sicherheit in den Kitas verbessere. Und: Bereits ein positiver Selbsttest reiche nun aus, um vom Kita-Besuch ausgeschlossen zu werden.

Kita-Leiterin: "Ich kann mein Team nicht mehr schützen"

Kita-Leiterin Manuela hält das für Wunschdenken. "Wir haben eine gute Klientel. Aber auch wir wissen von Eltern, die nicht testen, die sagen 'das machen wir nicht'. Und die dann einfach unterschreiben, ohne ihre Kinder zu testen." Deshalb sei es so gut gewesen, auch in den Kitas PCR-Pooltests einzuführen, sagt die Kita-Leiterin. "Aktuell kann ich mein Team nicht mehr schützen."

Die Durchseuchung zu verhindern, wie es das Ministerium schreibt, sei so nicht möglich. "Wenn wir bei 20 Prozent erst eine Gruppe schließen, ist es ja offensichtlich, dass wir uns alle anstecken", sagt die Kita-Leiterin. "Klar, da wird durchseucht, Ende Gelände."

Trautner äußert Verständnis für Erzieherinnen

Familienministerin Carolina Trautner (CSU) versucht den Unmut des Kita-Personals zu besänftigen. "Mir ist bewusst, dass von dem pädagogischen Personal, das Herausragendes leistet, während der Pandemie viel abverlangt wurde und wird", sagte sie am Mittwoch, verteidigte aber die neue Maßnahme: Die täglichen Tests im Falle eines Infektionsfalls erhöhten die Sicherheit in den Kitas.

Eltern und Wirtschaft fürchten neue Schließung der Einrichtungen

Denn Trautner weiß auch: Je mehr Kitas schließen müssen, umso stärker wächst der Frust bei den vielen seit zwei Jahren besonders belasteten Eltern, die dann die Betreuung übernehmen müssen. Meist übernehmen das die Mütter, so die Handwerkskammer Schwaben. Gerade in Gewerken mit einem hohen Frauenanteil wie bei Friseuren, an der Supermarktkasse oder in den Gesundheits-Handwerken wie Augenoptiker, Hörakustiker, Orthopädietechnik sei es für die Unternehmen schwierig, ihre Leistungen dann wie gewohnt anzubieten.

Eine aktuelle Umfrage der IHK Würzburg-Schweinfurt ergab, dass in der Region bereits 90 Prozent der Betriebe unter coronabedingten Ausfällen leiden. Sollten jetzt noch immer mehr Eltern zuhause bleiben müssen, würde das die Lage weiter verschärfen. Besonders betroffen: die mehrheitlich von Frauen in Gang gehaltenen Pflegeeinrichtungen, aber auch andere "systemrelevante Berufe" wie etwa Polizei und Energieversorger.

Sorge vor Ausfall von Eltern in "systemrelevanten Berufen"

Vor rund einem Jahr gab es noch Auffanglösungen für berufstätige Eltern in systemrelevanten Berufen. Und dieses Mal? "Entsprechende Pläne werden vorsorglich vorbereitet", hieß es Ende Januar aus dem Sozialministerium.

PCR-Pooltests in Augsburg

Wie sehr das Virus derzeit in den Kitas grassiert, zeigt auch ein Blick nach Augsburg. Laut dem Ministerium ist im Schnitt rund jede zehnte Kita von Infektionen betroffen. In Augsburg ist es etwa jede fünfte.

Das liegt vielleicht am Faktor Großstadt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass in Augsburg schon seit Längerem PCR-Pooltests in Kitas etabliert sind, so wie in den Schulen. Und diese PCR-Tests finden weit mehr Infektionen, als die Schnelltests, die von den Eltern gemacht werden sollen, über deren Durchführung es aber keine wirkliche Kontrolle gibt.

Jede vierte Kita-Erzieherin fällt aus

Allein in den letzten sieben Tagen gab es so an allen Augsburger Kitas 292 positive Fälle bei Kindern und Mitarbeitenden. "Aktuell befinden sich von 750 Mitarbeitenden 153 Personen im Krankenstand und 30 Personen in Quarantäne der Isolation", so Bildungsreferentin Martina Wild von den Grünen. Im Schnitt fehlt den Kitas damit jede vierte Erzieherin. Der Preis einer guten Überwachung.

Video: Kinder und Corona: Erfahrungen aus der Arztpraxis

Kind beim Impfen

Bildrechte: BR

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