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Geimpfte vs. Ungeimpfte - wen treffen die steigenden Corona-Neuinfektionen?

Geimpfte vs. Ungeimpfte - wen treffen die steigenden Corona-Neuinfektionen? Teststation in Erding in Oberbayern.

Bildrechte: picture alliance / SVEN SIMON | Frank Hoermann / SVEN SIMON
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    Analyse: Corona-Inzidenz nach Impfstatus in Bayern

    In Bayern wird einmal wöchentlich die 7-Tage-Inzidenz für die Geimpften und die Ungeimpften getrennt veröffentlicht. Erfahren Sie hier den neuesten Stand, die Hintergründe und die Schwachstellen der Daten.

    Von
    Claudia KohlerClaudia Kohler
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    Hinweis: Dieser Artikel wurde Mitte September erstmals publiziert und seitdem mehrfach mit neuen Informationen ergänzt. Deshalb gibt der aktuelle Datumsstempel nicht den Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung an. Von Anfang an haben wir in dem Artikel darauf hingewiesen, dass Fälle, für die keine Informationen zum Impfstatus vorliegen, bei der Berechnung durch das das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) als "ungeimpft" gezählt werden. An diesem Vorgehen gab es Anfang Dezember 2021 teils massive Kritik.

    "Pandemie der Ungeimpften" – so betitelte der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek Ende August das aktuelle Infektionsgeschehen. Gemeint war damit unter anderem, dass die zunehmenden Neuinfektionen zum größten Teil auf Personen entfallen, die nicht gegen das Coronavirus geimpft sind. Holetschek sagte explizit, dass die Zahlen seine Aussage belegten. Doch welche Zahlen meint er damit genau?

    Inzidenz nach Impfstatus: Kritik an Kennwert

    In Bayern stellt das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) einmal pro Woche die Inzidenz der Geimpften der Inzidenz der Ungeimpften gegenüber. Einige andere Bundesländer wie Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein handhaben das ähnlich. Zum Vorgehen des LGL bei der Berechnung gibt es scharfe Kritik - die Behörde zählt alle Fälle, bei denen der Impfstatus unbekannt ist, als "ungeimpft". Mehr dazu hier:

    Die folgende Grafik zeigt den aktuellen Stand laut LGL:

    Grafik: Inzidenz der Geimpften und der Ungeimpften

    Wie kommen die Inzidenzwerte nach Impfstatus zustande?

    Für die Berechnung der Ungeimpften-Inzidenz werden die Corona-Fallmeldungen nach Impfstatus aufgeteilt und den Bevölkerungszahlen aus dem Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM) gegenübergestellt. Die Formel sieht ähnlich aus wie bei der "normalen" 7-Tage-Inzidenz:

    Covid-19-Infektionen ohne Impfung innerhalb von 7 Tagen/Anzahl Menschen ohne Impfung *100.000

    Entsprechend findet die Berechnung für die Inzidenz bei Geimpften statt. Als "Geimpfte" zählen nur Personen, die zum Zeitpunkt der Infektion einen vollständigen Impfschutz hatten. Das bedeutet, dass seit dem Abschluss ihrer Impfserie (zwei Impfdosen Biontech, Moderna oder Astrazeneca oder eine Impfdosis Johnson) mindestens 14 Tage vergangen sind.

    Infizierte, für die keine Informationen zum Impfstatus vorliegen, werden bei der Berechnung des LGL als "ungeimpft" gezählt. Fälle, bei denen eine Impfserie begonnen, aber noch nicht abgeschlossen wurde, oder bei denen die letzte Impfung noch keine 14 Tage zurück liegt, werden in keine der beiden Gruppen eingeordnet - sie sind aus der Berechnung herausgenommen.

    Das LGL gibt als Startpunkt der Auswertungen die fünfte Kalenderwoche an – es ist der früheste Zeitpunkt für die Untersuchung "vollständig Geimpfter" nach der genannten Definition. Entscheidend für die zeitliche Zuordnung ist wie bei allen anderen Inzidenzwerten das Meldedatum. Dies ist der Tag, an dem das örtliche Gesundheitsamt erstmals von einem Corona-Fall erfährt – also wenn die Bestätigung der Infektion durch einen positiven PCR-Test dort eingeht

    Welche Schwachstellen haben die Daten?

    Das LGL entscheidet sich bei seiner Auswertung für eine leicht verständliche Form: Aufgeteilt wird bei der Inzidenz nur nach "vollständig geimpft" und "ungeimpft". Josef Eberle, Professor am Lehrstuhl für Virologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, spricht sich für eine differenzierte Betrachtung nach Alter aus, da sich vor allem die Impfquoten, aber auch das Risiko eines schweren Verlaufs und das Expositionsrisiko in den verschiedenen Altersgruppen deutlich unterscheide.

    Ein weiterer Kritikpunkt: Unterschiedliches Testverhalten. In Mails und Kommentaren fragten viele BR24-Nutzer, ob die Inzidenz der Geimpften nicht nur deshalb niedriger läge, weil diese aufgrund der aktuell geltenden 3G-Regeln weniger getestet würden. So würden Infektionen ohne Symptome, die bei Geimpften ja häufiger vorkommen sollten, unentdeckt bleiben.

    Unterschiedliches Testverhalten führt nicht zwangsweise zu Verzerrung

    Das LGL teilt mit, dass aufgrund der aktuellen 3G-Regel davon auszugehen sei, dass sich möglicherweise ungeimpfte Personen häufiger testen lassen als geimpfte Personen. Allerdings sei der Zuwachs an symptomlosen Neuinfektionen, die dadurch womöglich unentdeckt bleiben, nicht so groß, wie oftmals angenommen wird. Analysiere man die Covid-19-Fallzahlen mit Angaben zu Impfstatus UND Symptomatik, zeige sich, dass unter den ungeimpften Infizierten 19 Prozent asymptomatisch seien – unter den vollständig geimpften Infizierten 30 Prozent. Gemäß dieser Daten könne noch keine Aussage dahingehend getroffen werden, dass grundsätzlich mehr asymptomatische Infektionen bei den ungeimpften Personen vorkommen würden.

    Darüber hinaus weisen laut LGL auch Daten aus kontrollierten Studien darauf hin, dass geimpfte Personen sich tatsächlich einfach seltener infizieren als ungeimpfte Personen. Der deutliche Unterschied zwischen den Inzidenzen sollte deshalb nicht nur als Resultat unterschiedlichen Testverhaltens abgetan werden.

    Auch Virologe Josef Eberle kommt zu diesem Schluss: Aufgrund der 3G-Regeln könnte es zu einer leichten Unterschätzung der 7-Tage-Inzidenz der Geimpften kommen. Dennoch sei der Unterschied zur Inzidenz der Ungeimpften so deutlich, dass die Zahlen Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Impfungen zuließen - eben nicht nur im Hinblick auf den möglichen Krankheitsverlauf, sondern auch auf die Infektion selbst.

    Informationen zum Impfstatus sind nicht tagesaktuell

    Laut einer Sprecherin des RKI ist es möglich, dass Geimpfte weniger getestet werden als Ungeimpfte. Im Rahmen regelmäßiger Screenings, etwa in Kliniken oder Altenheimen, sollten Tests aber auch unabhängig vom Impfstatus durchgeführt werden.

    Experte Josef Eberle weist aber auch darauf hin, dass diese Kennzahlen vom üblichen Meldeverzug der Corona-Daten betroffen seien. Auch wenn sie nur wöchentlich ausgewiesen werden, handle es sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keinesfalls um wirklich tagesaktuelle Daten.

    Laut LGL sind die Angaben zum Impfstatus davon sogar besonders stark betroffen. So lägen zum Beispiel Informationen zu Impfungen möglicherweise nicht bereits zum Zeitpunkt der ersten Fallmeldung vor, sondern würden erst im Rahmen weiterer Fallermittlungen erhoben und dann nachgetragen.

    Auch die gewählte Berechnungsmethode kann die Aussagekraft der Werte limitieren: Dass die begonnen Impfserien nicht berücksichtigt werden, könnte laut Angaben des RKI etwa zu einer Unterschätzung der Geimpfen-Inzidenz führen. Auf der anderen Seite könnte dadurch, dass das LGL alle Fälle, bei denen Angaben zum Impfstatus fehlen, der Gruppe der Ungeimpften zuschlägt, deren Inzidenz deutlich zu hoch liegen. Im Zeitraum ab Kalenderwoche fünf bis zum 7. September hätten laut LGL insgesamt 67 Prozent der bayerischen Fallmeldungen Angaben zum Impfstatus enthalten.

    Fazit: Daten zeigen generellen Trend - deutlich weniger Geimpfte unter den Infizierten

    Die vom LGL veröffentlichten Inzidenzwerte nach Impfstatus unterliegen also einigen Limitationen. Die Werte sollten daher immer im Kontext der Falldefinition, der Datenerhebung, der Meldeverzögerung und auch verschiedener Altersgruppen betrachtet werden.

    Die Experten sind sich aber einig, dass dennoch Schlussfolgerungen möglich sind. "Trotz der bekannten Limitationen bietet die Auswertung die Möglichkeit, generelle Trends zum Verhältnis der Betroffenheit zwischen der vollständig geimpften und ungeimpften Bevölkerung zu analysieren", formuliert das LGL.

    Es infizieren sich also tendenziell tatsächlich weniger Geimpfte als Ungeimpfte mit dem Coronavirus. Die Angaben sind jedoch keine "Live-Daten", die das aktuelle Infektionsgeschehen abbilden können.

    +++ Korrektur: Fehler im indirekten Zitat des LGL

    (16. September 2021) - In einer früheren Version dieses Artikels wurde das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) im Absatz zum unterschiedlichen Testverhalten wie folgt wiedergegeben: "Gemäß dieser Daten könne keine grundsätzliche Aussage darüber getroffen werden, dass mehr asymptomatische Infektionen bei den geimpften Personen vorkommen." Diese Aussage des LGL bezog sich jedoch auf die ungeimpften Personen. Das indirekte Zitat wurde berichtigt, korrekt ist: "Gemäß dieser Daten könne noch keine Aussage dahingehend getroffen werden, dass grundsätzlich mehr asymptomatische Infektionen bei den ungeimpften Personen vorkommen würden."

    Über die Datenquellen

    Das LGL gibt an, dass die Grundlage der Inzidenzen nach Impfstatus die täglichen Covid-19-Fallmeldungen sind. Also die Daten, mit denen zum Beispiel auch der bekannte Verlauf der Neuinfektionen dargestellt wird. Diese enthielten Angaben zum Impfstatus und könnten damit in „geimpft“ und „ungeimpft“ unterteilt werden.

    Im Zeitraum ab Kalenderwoche fünf bis zum 7. September hätten insgesamt 67 Prozent der bayerischen Fallmeldungen Angaben zum Impfstatus enthalten. Alle Daten, die von den Gesundheitsämtern erfasst und an das LGL gemäß Infektionsschutzgesetz übermittelt werden, würden auch an das Robert Koch-Institut (RKI) weitergegeben - darunter auch die Angaben zum Impfstatus.

    Das RKI gibt für die deutschlandweiten Daten an, dass zwischen Januar und März im Schnitt knapp 50 Prozent der Meldungen Informationen zum Impfstatus enthielten. Zwischen April und August habe sich die Qualität verbessert, es seien bei 72 Prozent der Meldungen Informationen zum Impfstatus vorhanden gewesen

    Anders als etwa die Angaben zur Altersgruppe werden die Informationen zum Impfstatus auf der Ebene der einzelnen Fallmeldungen weder vom LGL noch vom RKI täglich veröffentlicht. Es gibt lediglich wöchentliche und bereits zusammengefasste Zahlen.

    Auf Anfrage des BR schrieb ein Sprecher des LGL, dass man bereits zahlreiche Informationen und Daten für die Öffentlichkeit anbiete und auch kontinuierlich die Möglichkeiten einer Erweiterung der Datenbasis bzw. der wichtigsten Kennzahlen prüfe.

    Das RKI antwortet auf die Frage, warum diese Informationen nicht in den öffentlich zugänglichen Fallmeldungen zu finden sind, folgendermaßen: „Die Daten müssen sorgfältig geprüft und ausgewertet werden. Eine epidemiogische Auswertung einmal die Woche halten wir für ausreichend. Trends zeigen sich nicht in Auswertungen einzelner Tage.“

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