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Bildrechte: pa/dpa/Florian Bachmeier

Wie steht es um die Pflege in Krankenhäusern und Altenheimen? Die "Vereinigung der Pflegenden in Bayern" hat eine detaillierte wissenschaftliche Untersuchung dazu vorgestellt. Auch die Entwicklung bis 2038 wurde untersucht.

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Corona-Intensivmedizin: Zwischen Dauerstress und Erfolgen

Durch Corona ist die Lage ist auf vielen Intensivstationen angespannt. Denn wegen deutlichen Personalmangels sind als frei angegebene Intensivbetten nicht wirklich frei. Außerdem zieht der Zulauf an Coronapatienten Personal an anderen Stationen ab.

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Von
  • Moritz Pompl

Immerhin, auf der Corona-Intensivstation am Münchner Uniklinikum Großhadern hat sich die Lage in den letzten Tagen stabilisiert, sagt der Intensivmediziner Prof. Bernhard Zwissler. Die Situation sei über die letzten Tage weitgehend unverändert. Er und sein Team hätten zwar derzeit mit 15 Patienten auf Station gut zu tun, aber es gebe noch Kapazitäten, falls noch mehr Patienten Behandlung bräuchten.

Fachpersonal kommt aus Südeuropa

Ähnlich sieht es am zweiten großen Uniklinikum in München aus: Im Klinikum rechts der Isar an der TU München werden derzeit 20 Covid-Patienten intensivmedizinisch betreut. Für weitere zehn könnten noch Kapazitäten geschaffen werden, auch wenn das Pflegepersonal immer wieder ans Limit kommt.

Ein Intensivpfleger kann sich im Schnitt um zwei Patienten kümmern. Ohne Fachpersonal aus Spanien und Italien, sagt der Anästhesiologe Prof. Gerhard Schneider von der TU, sei die Arbeit nicht zu bewältigen. Auch ohne Corona hätten die Pflegenden anstrengende Phasen, weil es nicht genügend Personal gebe, Das macht sich dann in angespannten Phasen umso mehr bemerkbar, so der Anästhesist.

Knapp ein Drittel mehr Intensivpatienten als Mitte April

Das Bild passt zur durchschnittlichen Lage an fast 1.300 deutschen Krankenhäusern: Laut Divi-Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V. werden derzeit rund 3.850 Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt. Damit liegen die Zahlen höher als zu den Hochzeiten der ersten Welle, als es Mitte April maximal knapp 3.000 Patienten waren.

Laut Register sind derzeit noch rund 4.000 Intensiv-Betten für eine künstliche Beatmung frei – das heißt: nicht nur ausgestattet mit Bett und Geräten, sondern auch mit entsprechendem Fachpersonal. In den letzten Tagen hat die Auslastung allerdings stark zugenommen.

Personaldecke in der Intensivpflege ist viel zu kurz

Mancherorts sind Mediziner und Pflegekräfte besorgt. Das zeigen mehr als 20 Interviews und Hintergrundgespräche mit dem Team von “BR Recherche”. Die Zahl der Intensivbetten spiegle eine falsche Sicherheit vor. Denn teilweise müssten Intensivbetten gesperrt werden, weil zu wenig Personal da sei.

Man sei jetzt schon an der Belastungsgrenze, sagt etwa der Intensivmediziner Prof. Patrick Meybohm vom Uniklinikum Würzburg. In den nächsten Tagen und Wochen wird es seiner Ansicht nach "noch schlimmer" kommen. Man könne zwar übergangsweise aus anderen Bereichen Pflegepersonal abziehen und in Hauruckaktionen schulen, aber damit reiße man in anderen Bereichen auch wieder Löcher.

"Das Tischtuch ist klein, und wenn man an einer Ecke zieht, dann fehlt es woanders." Prof. Patrick Meybohm, Intensivmedizin am Uniklinikum Würzburg

Bayern: Intensivstationen in einigen Landkreisen voll

Einige Eingriffe wie ein künstliches Kniegelenk können verschoben werden, andere aber nicht - zum Beispiel bei Krebspatienten oder Herzkranken. So kann es schnell zu Engpässen bei den Intensivbetten kommen. In einigen bayerischen Landkreisen sind die Betten laut Intensivregister derzeit voll - etwa in Altötting, Mühldorf oder Forchheim.

Ein Medikament ist so gut wie raus

Bei der Behandlung der Covid-Patienten gibt es allerdings durchaus Fortschritte. Schwerkranke bekommen das Kortison-Präparat Dexamethason. Das kann die Sterblichkeit senken, weil es eine übertriebene Reaktion des Immunsystems verhindert. Zugelassen ist auch das Ebola-Mittel Remdesivir. Ob es wirklich hilft, ist aber umstritten, und die Weltgesundheitsorganisation hat dem Medikament bei Corona seinen Nutzen weitgehend aberkannt.

In den Leitlinien der deutschen Fachgesellschaften steht Remdesivir noch als "Kann-Option". Während das Mittel am Münchner Klinikum rechts der Isar noch eingesetzt wird, haben die Ärzte am Uniklinikum Großhadern es von ihrer Liste gestrichen. Der Grund: Das Risiko sei dem Nutzen gegenüber ungewiss, sagt der Intensivmediziner Prof. Bernhard Zwissler.

Angegebene Kapazitäten des Intensivregisters teilweise trügerisch

Wichtig ist bei Intensivpatienten eine Blutverdünnung, weil sich häufig Thrombosen und Lungenembolien bilden. Oft versagen vorübergehend die Nieren und die Patienten müssen an die Dialyse. Doch es ist nicht gesagt, dass alle freien Intensivbetten des Intensivregisters auch über Dialyse-Geräte verfügen - eine weitere Kritik am Intensivregister.

Großhadern: 70 Prozent der Intensivpatienten überleben

Die Ärzte betrachten Covid-19 nicht mehr nur als Lungenerkrankung, sondern als ein Infektionsgeschehen, das den ganzen Körper betrifft. Schwerkranke werden so lange wie möglich über eine Maske mit Sauerstoff versorgt und weniger schnell intubiert als zu Beginn der Pandemie – sprich: mit künstlichem Koma und Schlauch in die Luftröhre.

Viele Patienten müssen aber immer noch künstlich beatmet werden, im Schnitt für zwei Wochen - oder die Lungenfunktion wird vorübergehend komplett maschinell ersetzt. In Großhadern und auch am Klinikum rechts der Isar sind seit dem Frühjahr rund 30 Prozent der Intensivpatienten verstorben. Die gute Nachricht ist: Die anderen konnten geheilt entlassen werden.

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