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Bildrechte: Sarah Scheel/Stadt Augsburg

Sozial benachteiligte Menschen erreichen Informationen zum Thema Corona oft nur spärlich: Das hat vielfach auch mit Sprachebarrieren zu tun. Wie man diese Menschen erfolgreich mit Gesundheits-Infos erreichen kann, zeigt Augsburg.

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Corona-Infomobil: Wie Augsburg über die Pandemie aufklären will

Gesellschaftlich benachteiligte Menschen fühlen sich oft abgehängt von Informationen rund um Corona. Sie trauen den Behörden nicht, häufig es gibt eine Sprachbarriere. Wie also erreicht man sie? Die Stadt Augsburg zeigt, wie es geht.

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Von
  • Katrin Bohlmann

Es sieht ein bisschen aus wie ein fröhliches Sommerfest, ist aber mühsame Aufklärungsarbeit. Bunte Luftballons schmücken die Bistrotische vor dem Corona-Infomobil. Farbenfrohe Flyer liegen auf den Tischen. Es wird geratscht. Der grün-weiße Sprinter steht vor dem SOS-Familienzentrum im Augsburger Stadtteil Hochfeld, nicht unweit der Uni, mitten in einem Wohngebiet mit Mehrfamilienhäusern. Das Team vom Corona-Infomobil unterhält sich mit Anwohnern und anderen Interessierten, verteilt Flyer.

Stadtviertel mit besonderen Herausforderungen

Seit gut zwei Monaten ist das Corona-Infomobil in Augsburg im Einsatz. Das Ziel laut Stadtverwaltung: Viertel mit besonderen Herausforderungen ansteuern, um über Corona, das Testen und Impfen aufzuklären. "Wir wollen vor allem mit den Menschen ins Gespräch kommen, hören, was die Leute bewegt. Das geben wir dann in die Stadtverwaltung zurück, um auf die Sorgen und Ängste zu reagieren", berichtet Carolin Raab vom Büro für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg.

So ist auch der neue Flyer zu Impfmythen in sieben Sprachen entstanden. Kurz und prägnant wird wissenschaftlich fundiert über kursierende Irrtümer rund um Corona aufgeklärt.

Das größte Problem in der Coronazeit: Die Verunsicherung

Die Augsburger Strategie: Vor Ort sein, mit den Menschen reden, zuhören, mehrsprachige Informationen anbieten und dabei das vielfältige Netzwerk mit Vereinen, Kirchen, Institutionen sowie Ehrenamtlichen nutzen. Dazu gehören unter anderem der Integrationsbeirat, die Moschee und die Augsburger Tafel. Auch Hamdiye Cakmak ist Teil des Netzwerkes. Sie leitet das Projekt "Stadtteilmütter" des Kinderschutzbundes in Augsburg. Für ihre Arbeit sei das Corona-Infomobil sehr wichtig, sagt die 58-Jährige. Seit Jahren hilft sie Familien mit und ohne Migrationshintergrund.

  • Informationen zum Coronavirus in Bayern in verschiedenen Sprachen finden Sie hier.

Das Hauptproblem sei die Verunsicherung, erzählt Hamdiye Cakmak. Viele Eltern seien misstrauisch, hätten schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht. "In dieser Pandemiezeit waren wir für sehr viele Eltern die einzige Informationsquelle, auf die sie sich verlassen konnten. Wir haben sie anfangs über Telefon, später über Messenger und Online permanent betreut. Wir waren Tag und Nacht immer für sie ansprechbar, weil wir einfach diese Unsicherheit mitbekommen haben." Beim Corona-Infomobil sammelt sie nun Informationen, die sie dann an die Familien weitergibt.

Kreativ und flexibel möglichst viele Menschen in Augsburg erreichen

Augsburg geht andere Wege. Die Stadt versucht mit kreativen und flexiblen Mitteln, alle Menschen in der Stadt zu erreichen. Neben dem Corona-Infomobil ist die Idee entstanden, dass Imame in ihrer Freitagspredigt zum Impfen und Testen aufrufen, teilt die Zweite Bürgermeisterin Martina Wild mit, die auch zuständig ist für den Bereich Bildung und Migration. Netzwerken wird großgeschrieben. "Wir machen runde Tische mit Migranten-Vereinen, Videokonferenzen mit Stadtschülervertretungen und Elternbeiräten. Wir wollen wissen, wo der Schuh drückt. Dafür ist ein Austausch wichtig."

Augsburger Impfangebote für Ärmere

Aber nicht immer klappt die Augsburger Aufklärungsarbeit. So sollten vor einigen Wochen Kunden der Tafel gegen Corona geimpft werden. Aber es kamen weniger als erhofft. Manche hatten sich registriert, waren dann aber nicht gekommen. Andere konnten wegen Vorerkrankungen nicht geimpft werden. Auch jetzt würde das Corona-Infomobil-Team gerne Impftermine vermitteln. Das geht aber nicht, weil kein Impfstoff da ist. Außerdem ist der Plan, in den kommenden Monaten vor Kitas, Schulen und Supermärkten impfen zu lassen.

Integrationsexpertin warnt: Menschen keine Vorwürfe machen

Gezielte Test- und Impfangebote in sozial benachteiligten Stadtteilen rät auch Politikwissenschaftlerin Petra Bendel von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist bayern- und bundesweit Expertin für Migration, Flucht und Integration. Die 55-Jährige warnt: "Man sollte den betroffenen Personen nicht vorwerfen, sie würden sich fahrlässiger verhalten, sondern man sollte gesellschaftspolitisch die Ungleichheiten, die sich mit der sozialen Herkunft und zum Teil auch mit der Zuwanderungsgeschichte überlappt, erkennen und den Ungleichheiten entsprechend entgegensteuern."

Aufklärungsaktion zum Impfen in mehreren Sprachen

Unterdessen hat die bayerische Staatsregierung erkannt, dass mehr getan werden muss, um gesellschaftlich benachteiligte Menschen besser zu erreichen. So gibt es seit Kurzem eine Plakataktion und Videos mit Impfbotschaftern in mehreren Sprachen. Auch über Social Media soll viel passieren. "Speziell bei den Menschen mit Migrationshintergrund und insbesondere mit Fluchtvergangenheit ist es so, dass jeder und jede ein Smartphone besitzt und von daher ist jeder Flyer, jedes Papier nichts wert. Wir müssen da digital arbeiten und mit möglichst vielen Bildern und natürlich auch in der entsprechenden Herkunftssprache", sagt Bayerns Integrationsbeauftragte Gudrun Brendel-Fischer. Die Playlist mit den Videos ist abrufbar auf dem YouTube-Kanal der Integrationsbeauftragten.

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