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Corona in Flüchtlingsunterkünften: Dem Virus ausgeliefert | BR24

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Auch in Flüchtlingsunterkünften gab und gibt es Todes- und Infektionsfälle im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie. Umstritten ist unter anderem, ob Bewohner von bayerischen Ankerzentren und Unterkünften ausreichend getestet und geschützt werden.

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Corona in Flüchtlingsunterkünften: Dem Virus ausgeliefert

Rosenheim zählt zu den Corona-Hotspots. Besonders betroffen waren dort Flüchtlingsunterkünfte. Aber warum konnte sich das Virus ausgerechnet dort so sehr verbreiten? Und wie kann man solche Ausbrüche in Zukunft verhindern?

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Von
  • Lisa Weiß
  • Johannes Reichart

Rosenheim ist in der Corona-Krise immer wieder wegen hoher Fallzahlen in den Schlagzeilen. Zeitweise waren dort so viele Menschen infiziert, dass dort Lockerungen eigentlich hätten zurückgenommen werden müssen.

Aber die Stadt hat ein Schlupfloch gefunden: Lokale, begrenzte Hotspots dürfen aus der 7-Tage-Inzidenz herausgerechnet werden. Im Fall Rosenheims waren das Asylbewerberunterkünfte.

Corona-Hotspot Asylbewerberunterkünfte

Wochenlang waren die Bewohner von Rosenheimer Flüchtlingsunterkünften in Quarantäne, und die wurde immer wieder verlängert.

Ein Besuch im Büro von Claudia Hinz, der Fachdienstleiterin für Asyl und Migration der Caritas in Rosenheim. Sie und ihre Kollegen beraten die Bewohner vieler Rosenheimer Unterkünfte, auch in Zeiten von Corona. Ihre Einschätzung: Nicht alles sei optimal gelaufen, vor allem in der Unterkunft an der Äußeren Oberaustraße.

"Also anfangs wurde nicht entzerrt, wurde nicht verlegt. Das heißt, es waren zum Teil Infizierte und Nicht-Infizierte in einem Raum. Was natürlich schwierig war und was natürlich für die Verbreitung gesorgt hat." Claudia Hinz, Caritas Rosenheim

Infizierte und Nicht-Infizierte im gleichen Gebäude

Nachfrage bei der zuständigen Regierung von Oberbayern: Ein Interview ist nicht möglich. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, sobald die Regierung Kenntnisse über positive Testergebnisse hatte, sei eine schnellstmögliche Isolierung der Infizierten veranlasst worden.

Auch in den Unterkünften der Stadt Rosenheim waren Infizierte und Nicht-Infizierte zeitweise in den selben Gebäuden untergebracht. Die Stadt habe anfangs versucht, positiv Getestete in einer eigenen Unterkunft unterzubringen, sagt Sprecher Thomas Bugl.

"Das Virus hat aber relativ schnell um sich gegriffen und dann ist über die Zeit hinweg diese Ersatzeinrichtung, die wir verfügbar hatten, schlicht vollgelaufen." Thomas Bugl, Stadt Rosenheim

Die Infizierten anderweitig unterzubringen, sei nicht möglich gewesen, sagt Thomas Bugl von der Stadtverwaltung. Der Wohnungsmarkt in Rosenheim sei angespannt. Deswegen habe man die betroffenen Unterkünfte unter Quarantäne gestellt – und in Kauf genommen, dass es dort mehr Infektionen geben könnte.

Auf dem Weg zur Herdenimmunität – vorteilhaft oder fragwürdig?

Was würde die Stadt bei einer zweiten Pandemiewelle anders machen? Der Sprecher sagt, Rosenheim habe da sowieso einen großen Vorteil: In den Unterkünften hätten sich schon so viele Menschen angesteckt, dass es unwahrscheinlich sei, dass es unter den Asylbewerbern nochmal große Ausbrüche gebe.

Kann es ein Vorbild sein zuzulassen, dass sich so viele Menschen anstecken, dass eine Herdenimmunität entsteht? Nein, meint Kinderarzt Thomas Nowotny, der sich im Landkreis Rosenheim für Flüchtlinge engagiert. Er findet, Stadt und Regierung hätten die Menschen in Einzelzimmern unterbringen müssen.

Ärzteappell an Staatsregierung: Bewohner schützen und testen

Gemeinsam mit anderen Ärztinnen und Ärzten hat Thomas Nowotny wegen der Pandemie einen Appell an den bayerischen Innenminister geschickt. Die Unterzeichner fordern, die Belegung der Unterkünfte zu entzerren und alle Bewohner zu testen, sobald in einer Unterkunft ein Infektionsfall auftritt.

Außerdem fordert der Arzt: Positiv Getestete müssten verlegt werden, negativ Getestete in Quarantäne bleiben und nach zwei Wochen wieder getestet werden. So könne man es schaffen, dass sich weniger Leute anstecken. Und verhindern, dass wieder Dutzende Menschen möglicherweise monatelang in einer Unterkunft eingesperrt sind.

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