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Bildrechte: pa/dpa/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt

Während der ersten Corona-Welle hatten die Behörden große Schwierigkeiten, Corona-Ausbrüche in Flüchtlingsunterkünften zu verhindern. Haben sie daraus gelernt? Wie gut sind die Menschen in Flüchtlingsheimen geschützt?

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Corona in Flüchtlingsheimen: Sind die Menschen gut geschützt?

Das Bayerische Innenministerium spricht von unterdurchschnittlichen Infektionsraten und entzerrten Wohnverhältnissen in Flüchtlingsunterkünften. Recherchen des BR zeigen: Beim Schutz der Geflüchteten vor der Pandemie gibt es noch immer Lücken.

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Von
  • Michael Olmer
  • Lisa Weiß

Am 9. Dezember 2020 stellt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann in Bayern den Katastrophenfall fest. Zum zweiten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie. Dass gerade auch Flüchtlingsunterkünfte wegen der oft vorhandenen räumliche Enge besonderen Infektionsrisiken ausgeliefert sind, ist da längst bekannt.

Das Robert-Koch-Institut warnt bereits im Frühsommer 2020 mit Handlungsempfehlungen an die Gesundheitsämter: möglichst kleinere Wohneinheiten schaffen und Quarantänen ganzer Unterkünfte verhindern. Das sollten zwei wesentliche Ziele sein.

"Wir haben die Mehrzahl der Flüchtlinge in dezentraler Unterbringung, wir haben insgesamt das Coronageschehen deutlich im Griff. Und wir waren die ersten, die mit einer konsequenten Testung jedes neuankommenden Asylbewerbers begonnen haben und das hat sich sehr bewährt." Joachim Herrmann, Bayerischer Innenminister

Innenministerium: Entzerrung wichtig

Das Bayerische Innenministerium will die Lage in den Unterkünften bereits seit Beginn der Pandemie entzerren. "In Pandemiezeiten ist uns zum Infektionsschutz die Entzerrung der Belegung in den Asylunterkünften in Bayern wichtig. Deswegen haben wir die Auslastung auch der ANKER deutlich gesenkt", heißt es auf Nachfrage an den BR.

Doch die Zahlen, die den BR aus dem Haus des Innenministers erreichen, weisen auf ein deutlich komplexeres Bild der Lage. Gemessen am Stand Anfang Januar 2020 sind die Gesamtbelegungszahlen zwar von rund 6.700 Personen am 1.1.2020 auf einen Tiefstand von etwas mehr als 5.000 am 31.8.2020 gesunken. Doch dies hängt auch mit dem Rückgang Asylsuchender wegen der Pandemie zusammen.

Steigende Tendenz in zweiter Corona-Welle

In der weiteren Entwicklung zwischen der ersten und der zweiten Corona-Welle zeigt sich zudem ein steigender Trend in der Belegung der Ankerzentren. Am 1. Januar 2021 befinden sich in diesen 5.700 Menschen. An manchen Standorten fällt der Anstieg deutlich höher aus.

Betroffen ist hiervon auch das Ankerzentrum Bamberg, wo sich die Belegungszahlen seit Sommer 2020 wieder mehr als verdoppeln, von einem Stand von etwa 500 Ende August auf fast 1.100 Bewohnerinnen und Bewohner Ende Januar 2021. Eine Entzerrung hätte auch heißen müssen, den Stand auf niedrigem Niveau zu halten, sagt Martin Jansen, der seit 20 Jahren als Krankenpfleger in Bamberg lebt und als Flüchtlingshelfer aktiv ist.

Doch mitten in der zweiten Welle erreichen kontinuierlich starke Neuzugänge das Zentrum, das Anfang dieses Jahres mit einer ähnlichen Belegungsstruktur wie in Normalzeiten zu tun hat - aber mit den Risiken, denen Flüchtlingsunterkünfte zu Zeiten der Pandemie begegnen. Jansen spricht von einem "Skandal".

"Es ist für mich schon ein Skandal. Weil man sich die Frage stellt: Genießen Geflüchtete weniger Rechte? Vor allen Dingen das Recht auf Unversehrtheit, ihre Gesundheit." Martin Jansen, Krankenpfleger

Ankerzentrum Bamberg: Rund 200 enge Kontaktpersonen nach Corona-Ausbruch

Die zuständige Bezirksregierung von Oberfranken verweist auf Anfrage auf über 10.000 Testungen im Ankerzentrum seit Beginn der Pandemie. Alle 14 verfügbaren Wohngebäude des Ankerzentrums, betont sie, würden genutzt, "da die Regierung von Oberfranken die Belegung aus Gründen der Prävention vor dem Corona-Virus entzerrt."

Doch als am 25. Januar dieses Jahres bei einer Reihentestung des örtlichen Gesundheitsamtes zunächst 55 und mit weiteren Testungen mehr als 70 Neuinfektionen binnen weniger Tage festgestellt werden, wird die Auslastung der Wohngebäude zum Problem. Es zeigt sich: Für eine Prävention durch entzerrte Wohnverhältnisse ist es zu spät, das Krisenmanagement begegnet der Realität von Wohnverhältnissen, die für den Fall eines Ausbruchs solchen Ausmaßes nur bedingt gewappnet sind.

Neben den bereits positiv auf Corona Getesteten sollen rund 200 enge Kontaktpersonen auf Anhieb in Quarantäne: in zwei Gebäude, die bereits teilbelegt sind. Ein Bewohner, der anonym bleiben will, schildert, er habe sein Gebäude verlassen müssen, obwohl er kein Quarantänefall gewesen sei. Im anderen Gebäude, in das er gehen sollte, hätten sich zu dem Zeitpunkt noch Infizierte befunden.

"Ich kam da rein, und da waren positiv Getestete. Die Security fragte mich: Was tust du hier? Ich sagte: Was? Warum ist das hier so chaotisch, das kann man doch nicht machen." Bewohner Ankerzentrum Bamberg

Die Regierung von Oberfranken äußert sich auf Nachfrage nicht konkret zu einem solchen Vorfall. Dass Nichtinfizierte die Zimmer von eben erst Infizierten beziehen sollten, schließt sie aus. Der Ausbruch sei schnell eingedämmt gewesen, die Maßnahmen hätten sich auch dank der Struktur des Areals bewährt.

Epidemiologe warnt vor Kollektivquarantäne

Oliver Razum, Epidemiologe an der Universität Bielefeld, sieht Maßnahmen wie im Ankerzentrum Bamberg Ende Januar kritisch. "Das ist kein Ausweg, wenn es dann wieder zu Kollektivquarantäne" kommt, denn auf eine solche liefe für ihn das Zusammenlegen von rund 200 Kontaktpersonen in zwei Gebäuden, in denen sie sich Zimmer teilen, letzten Endes hinaus.

Durch kleinere Wohneinheiten ließen sich weitere Infektionsrisiken reduzieren, so der Experte. Bei einem solchen Ausbruchsszenario wie im Ankerzentrum Bamberg würde für den Epidemiologen eine Teilevakuierung der Quarantänepflichtigen helfen, zumindest aller Risikopersonen und Familien. In Unterkünfte mit ausreichend freien Zimmern.

Bayerischer Flüchtlingsrat verweist auf Modelle anderer Bundesländer

Neuzugänge in ein Ankerzentrum ließen sich im Rahmen der bundesweiten Verteilung Geflüchteter nicht verhindern, so das Bayerische Innenministerium auf BR-Nachfrage. Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat sieht dies anders. Er verweist auf andere Bundesländer, die die Lage durch kreative Lösungskonzepte entspannt hätten.

"Man sieht das gut, wenn man verschiedene Praxen unterschiedlicher Bundesländer vergleicht, wenn man zum Beispiel den Vergleich zu Baden-Württemberg zieht, dort wurde ganz gezielt darauf gesetzt, weitere Unterkünfte jetzt für die Erstaufnahmeeinrichtungen anzumieten und die Belegung tatsächlich zu entzerren. Und das führt dazu, dass die wesentlich weniger Neuinfektionen haben als Bayern." Alexander Thal, Bayerischer Flüchtlingsrat

Thal stützt sich dabei auf Zahlen von Anfang des Jahres. Erhoben wurden die vom Mediendienst Integration - hinter dieser Plattform steht eine Gruppe von deutschen Migrationswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern. Aus dem bayerischen Innenministerium heißt es dagegen, der Vergleich mit anderen Bundesländern sei weder statistisch richtig noch sachdienlich.

Anfang April seien 60 Personen aus den Anker-Zentren Corona-positiv gewesen, so das Innenministerium. Bei damals 5.600 belegten Plätzen in allen Anker-Zentren sind das mehr als achtmal so viele wie zum selben Zeitpunkt im bayernweiten Durchschnitt.

Vor-Ort-Verpflegung im Speisesaal trotz hoher Corona-Fallzahlen

Im Ankerzentrum Bamberg leben heute etwas mehr als 900 Menschen. Der großflächige Speisesaal, mit Platz für 1.000 Personen in Normalzeiten, ist seit dem 27. Januar geschlossen. Auch nach Bekanntwerden des Ausmaßes des Infektionsgeschehens scheint nicht sofort klar gewesen zu sein, wie es mit dem Speisesaal weitergehen sollte, der auch während der zweiten Corona-Welle bei reduzierter Belegungszahl noch immerhin bis zu 300 Personen Platz für die Verpflegung vor Ort bot.

Die Speisemitnahme war bis dahin nur optional geregelt. Auch zu einem Zeitpunkt, in dem das Robert-Koch-Institut einen starken Anstieg der Corona-Fallzahlen meldete und die Gefährdungslager als "sehr hoch" einstufte. Beendet wurde die Vor-Ort-Verpflegung erst, als der Corona-Ausbruch im Ankerzentrum bekannt wurde.

Gilt Infektionsschutzverordnung nicht in Kantinen der Ankerzentren?

Anfang des Jahres wurden in Bayern neue Verordnungen des Infektionsschutzes erlassen. In betriebsinternen Kantinen sollte seither eine Vor-Ort-Verpflegung nur in zwingenden Ausnahmefällen möglich sein. "Verzehr vor Ort ist untersagt", heißt es dazu kurz und bündig im Kabinettsbericht der Bayerischen Staatsregierung vom 6. Januar dieses Jahres.

Für Anker-Einrichtungen gilt: Das Modell vom Frühjahr 2020, das die Speisemitnahme optional regelt, bestehe weiterhin. Es habe sich bewährt, heißt es auf Nachfrage aus dem Innenministerium, inwieweit das seit September 2020 bestehende Hygienekonzept für Asylunterkünfte im Hinblick auf Kantinen in Ankerzentren angepasst wurde.

Epidemiologe: Hohes Risiko durch Aerosole

Die mittlerweile seit Monaten wissenschaftlich belegten Risiken durch Aerosole als wichtiger Übertragungsweg von Covid-19 würden selbstverständlich auch für Kantinen in Flüchtlingsunterkünften gelten, sagt Epidemiologe Oliver Razum.

Er verstehe es, dass man beim Kenntnisstand vom Frühjahr 2020 das gemeinsame Essen weiter angeboten habe. Zwischenzeitlich habe sich aber gezeigt, "dass das Zusammensein von vielen Menschen in einem großen Raum, ohne Maske, halt ein erhebliches Risiko ist."

Haben die Flüchtlingsunterkünfte aus erstem Lockdown gelernt?

Was hat sich in bayerischen Flüchtlingsunterkünften gebessert im direkten Vergleich zur Phase des ersten Lockdowns? Das Innenministerium betont auf Nachfrage: Mehr Prävention, mehr Tests, mehr Masken. Mehr Quarantäne-Unterkünfte. Und: Internet-Ausbau in Asylunterkünften – damit die Schüler dort am Distanzunterricht teilnehmen können. Gerade letzteres geht der grünen Landtagsabgeordneten Gülseren Demirel nicht schnell genug. Aber, sie sagt auch, dass die Staatsregierung manche Fehler aus der ersten Welle aus ihrer Sicht nicht mehr machen würde:

"Was sich verbessert hat, dass die Risikogruppen extern untergebracht worden sind, was ja vorher nicht der Fall war. Ältere Menschen, Menschen aus Risikogruppen, da ist überhaupt keine Rücksicht drauf genommen worden." Gülseren Demirel, asylpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen

Auch Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat sagt: Die Bedingungen hätten sich etwas verbessert. In den Unterkünften werde mehr getestet, Infizierte würden besser von Nicht-Erkrankten separiert. Aber ein großes Problem bleibt für ihn ebenso wie für die Grünen-Abgeordnete Gülseren Demirel: zu viele Menschen auf engem Raum. Wenn das Virus einmal in einer Unterkunft sei, sei der Ausbruch nur schwer wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Fazit

Bayerns Flüchtlingsunterkünfte im zweiten Jahr der Pandemie. Manches ist besser geworden. Aber es gibt auch noch Nachholbedarf: insbesondere beim Umgang mit Corona-Ausbrüchen und einer entzerrten Belegung, um Menschen in den Unterkünften besser vor der Pandemie zu schützen.

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Bildrechte: dpa-Bildfunk / Daniel Karmann

Während der ersten Corona-Welle hatten die Behörden große Schwierigkeiten, Corona-Ausbrüche in Flüchtlingsunterkünften zu verhindern. Haben sie daraus gelernt? Wie gut sind die Menschen in Flüchtlingsheimen geschützt?

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