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Bayern: Viele Impfzentren, wenig Impfungen | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Karl-Josef Hildenbrand

Am 28.01.2021 steht in Memmingen ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Malteser am städtischen Impfzentrum in einem Impfbus.

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    Bayern: Viele Impfzentren, wenig Impfungen

    Die Impfzentren in Bayern sind seit Dezember betriebsbereit. Die Corona-Impfungen dort gehen aber nur schleppend voran, weil der Impfstoff fehlt. In manchen Zentren wurde bis vergangene Woche noch keine Impfung verabreicht. Kosten entstehen dennoch.

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    Von
    • Ann-Kathrin Wetter
    • Maximilian Zierer

    Am 9. Dezember 2020 verkündet Landrat Klaus Metzger (CSU) auf seiner Facebookseite: Der Standort des Impfzentrums im Landkreis Aichach-Friedberg stehe fest: im Gewerbegebiet, direkt an der B300, zwischen Aichach und Dasing. Am selben Tag wird die Vitolus Impf GmbH ins Handelsregister eingetragen, die Firma, die das Impfzentrum betreiben wird. "Bis zuletzt waren Kleinigkeiten zu klären, aber wir sind voll im Zeitplan", schreibt der Landrat damals auf Facebook. Bis zu 200 Personen sollen täglich im Gewerbegebiet geimpft werden.

    Doch wochenlang wird dort keine einzige Dosis verabreicht. Die erste offizielle Impfung mit Termin fand erst gestern statt. Bezahlt wird die Betreiberfirma allerdings schon seit dem 15. Dezember. Denn zu diesem Zeitpunkt stand das Impfzentrum bereit. 15.500 Euro fallen laut Landratsamt seither jeden Tag an, egal ob in Dasing geimpft wird oder nicht. In Summe ist das etwa eine dreiviertel Million Euro bis zur ersten Impfung im Zentrum - Mietkosten und Umsatzsteuer nicht einberechnet. Auf BR-Anfrage teilt Vitolus mit, "für die Betriebsausgaben macht es keinen Unterschied, ob geimpft wird oder nicht." Laut seiner Internetseite sucht das Unternehmen derzeit noch Personal für die Impfzentren in Aichach-Friedberg und Roth.

    Leere Impfzentren, Warten auf Impfstoff

    Das Impfzentrum in Aichach-Friedberg ist nicht das einzige, in dem erst spät mit den Impfungen begonnen wurde. Weil es überall an Impfstoff mangelt, wird bisher in vielen bayerischen Zentren nur wenig geimpft, an manchen Standorten wurde offenbar noch keine einzige Dosis verabreicht. Die Impfungen finden aktuell überwiegend in Alten- und Pflegeeinrichtungen statt, teilt das bayerische Gesundheitsministerium auf BR-Anfrage mit. Dort sind mobile Teams im Einsatz, die Impfzentren selbst sind offenbar bei weitem nicht ausgelastet.

    Kosten fallen dennoch an. In welcher Höhe lasse sich nicht beziffern, schreibt das bayerische Gesundheitsministerium. Unklar ist auch, wie viele der bisher mehr als 444.000 verimpften Dosen in den Zentren und wie viele von mobilen Teams verabreicht wurden - eine detaillierte Erhebung finde diesbezüglich aktuell nicht statt, so ein Ministeriumssprecher.

    Straffer Zeitplan bei der Organisation

    Die Impfzentren wurden unter enormen Zeitdruck aufgebaut: Die bayerische Staatsregierung beauftragte Landkreise und kreisfreie Städte Anfang November, die Impfungen dezentral zu organisieren und durchzuführen und legte dafür einen straffen Zeitplan fest. So verschickte das Gesundheitsministerium am 9. November 2020 einen Brief an alle Landkreise und kreisfreien Städte, der dem BR vorliegt. Bis zum 15. Dezember sollten die Impfzentren in ganz Bayern einsatzbereit sein. Eine "massive Herausforderung", räumt der Amtschef des bayerischen Gesundheitsministeriums in dem Brief ein.

    "Wir haben uns auf die Suche nach Personal und nach Räumlichkeiten gemacht, um für den Fall, wenn der Impfstoff kommt, parat zu sein", sagt die Regensburger Landrätin Tanja Schweiger (Freie Wähler). Im BR-Interview spricht sie von einer "sehr strengen Zeitvorgabe". Seit 15. Dezember ist das Impfzentrum im Landkreis Regensburg einsatzbereit, mangels Impfstoff wurde bisher jedoch vorwiegend in Altenheimen geimpft, erst seit vergangener Woche regelmäßig im örtlichen Impfzentrum. Dennoch fallen gegenüber dem Betreiber des Impfzentrums seit Mitte Dezember Kosten an. "Der Freistaat hat uns ja beauftragt, parat zu stehen, auch mehr als acht Stunden und fünf Tage die Woche - und das stellen wir sicher und das wird natürlich auch bezahlt", sagt Schweiger.

    Spielraum für Organisation der Impfzentren

    Die Staatsregierung ließ den örtlichen Behörden bei der Organisation der Impfzentren viel Spielraum, die Kosten werden von Bund und Land vollständig übernommen. Manche Landkreise organisieren die Impfzentren selbstständig oder mit Hilfsorganisationen wie dem Bayerischen Roten Kreuz. 42 BRK-Kreisverbände betreiben nach eigenen Angaben ein Impfzentrum. In anderen Landkreisen, wie in Aichach-Friedberg, schlossen die Landratsämter Verträge mit privaten Betreiberfirmen.

    Nach BR-Recherchen werden 26 der 100 Impfzentren in Bayern von privaten Unternehmen betrieben. Teilweise handelt es sich dabei um Firmen, die bereits Corona-Testzentren in Bayern betreiben. Darunter der Militärdienstleister Ecolog oder das erst vor wenigen Monaten gegründete Unternehmen Vitolus, dessen Gründer vorher mit dem Verkauf von Flugtickets an Studenten Geld verdiente.

    Kein Überblick über genaue Kosten für Impfzentren

    Einen Überblick über die genauen Kosten für den Betrieb der 100 bayerischen Impfzentren hat das bayerische Gesundheitsministerium nach eigenen Angaben bis dato nicht. Die Staatsregierung habe für die gesamte Impfstrategie derzeit 100 Millionen Euro eingeplant. Umgerechnet also eine Million pro Impfzentrum. Die Hälfte der Ausgaben kann sich der Freistaat vom Bund rückerstatten lassen. Da die Impfzentren bis mindestens Mitte des Jahres in Betrieb sein sollen, ist fraglich, ob das eingeplante Geld angesichts der bislang bekannten Kosten ausreicht.

    Für Ruth Waldmann, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag, gleicht die Organisation der Impfzentren in Bayern einem Flickenteppich, der die Bevölkerung verwirrt. Man habe ein halbes Jahr Zeit gehabt, in Ruhe vorzubereiten. Stattdessen seien die Impfzentren kurzfristig vor Weihnachten aus dem Boden gestampft worden. "Wir wissen doch schon seit Monaten, dass wir irgendwann impfen wollen. Das hätte man wirklich auch in Ruhe vorbereiten können." Sie vermutet: Auch bei Verträgen hätte man dann sorgfältiger sein können.

    Bayerns Impfzentren früh geöffnet

    Aus dem bayerischen Gesundheitsministerium heißt es, die Impfzentren zum 15.12. betriebsfertig zu haben, sei eine Vorgabe des Bundes gewesen. In Nordrhein-Westfalen wurde dieses Datum anders interpretiert: Bisher sind dort nur mobile Impfteams unterwegs und impfen Menschen in Alten- und Pflegeheimen sowie das dortige Personal.

    Die Impfzentren in NRW seien "grundsätzlich einsatzbereit", teilt das dortige Gesundheitsministerium mit. Sie werden allerdings erst nächsten Montag einheitlich ihren Betrieb aufnehmen. Privatunternehmen seien dort keine beteiligt, heißt es auf Anfrage des BR.

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