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Kommt die Impfkampagne wieder ins Stocken? Derzeit wird fast der gesamte Biontech-Impfstoff für Zweitimpfungen gebraucht. Dies bestätigte das bayerische Gesundheitsministerium dem BR.

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Derzeit kaum Corona-Erstimpfungen mit Biontech in Bayern

"Es wird täglich besser werden", sagte Ministerpräsident Söder am Dienstag zum Thema Impfen. Doch die Kampagne gerät ins Stocken. Denn: Derzeit wird fast der gesamte Biontech-Impfstoff für Zweitimpfungen gebraucht. Die Kommunen sind sauer.

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Von
  • Tobias Bönte
  • Marcel Kehrer

Ab Donnerstag fällt in Bayern die Impf-Priorisierung. Bei vielen schürte das die große Hoffnung, bald ebenfalls die ersehnte Spritze zu bekommen. Nun ergab eine BR-Umfrage, dass in Bayern bis auf Weiteres das knappe Gut Impfstoff fast ausschließlich für Zweitimpfungen verwendet wird.

Das Impfzentrum des Landkreises Regensburg beispielsweise werde voraussichtlich nur noch bis Mittwoch Erstimpfungen durchführen können, so ein Sprecher des Landratsamtes. Den Kreisverwaltungsbebörden sei eine klare Priorisierung auf Zweitimpfungen vorgegeben worden. Ähnlich ist die Lage u.a. auch in Straubing-Bogen. Hier sind für die nächste und die übernächste Woche keine Impfstofflieferungen für Erstimpfungen angekündigt.

Großer Unmut in Kommunen

Bei den Kommunen sorgt der Fokus auf die Zweitimpfungen für Unmut. Man sei von der Ankündigung vollkommen überrascht worden, erklärten etwa Stadt und Landkreis Bamberg. Bayernweit müssten Reserven der Impfstoffe der Firmen Biontech und Moderna aufgebaut werden, um die erforderlichen Zweitimpfungen in den kommenden Wochen sicherstellen zu können.

Bambergs OB Andreas Starke sprach von "fehlender Professionalität der bayerischen Staatsregierung bei der Organisation des Impfstoffs". Insbesondere rügte er, dass es offensichtlich nicht gelungen sei, Erst- und Zweitimpfungen zu koordinieren. Landrat Johann Kalb sprach von einer "schockierenden Entwicklung". Jetzt sei es nur noch erlaubt, Erstimpfungen durchzuführen, um den Verfall von Impfstoff zu vermeiden.

Im Laufe des Mittwoch Vormittag konnte der Landkreis dann zumindest teilweise Entwarnung geben. Da die Durchführung von Zweitimpfungen in Bamberg nicht in Gefahr sei, könne das Impfzentrum mindestens bis Sonntag (23.05.21) alle geplanten Erstimpfungen durchführen, sagte ein Sprecher des Landratsamtes dem BR auf Nachfrage. Die 600 Impfwilligen wurden inzwischen darüber informiert, dass ihr Termin stattfindet.

Kritik von Münchens OB Reiter

Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagte, sein Gesundheitsamt sei informiert worden, dass das Impfzentrum in den nächsten Wochen kaum Erstimpfungen durchführen könne, damit genug Vakzin für Zweitimpfungen zur Verfügung stehe. "Das ist nicht die Strategie, die ich mir vorstelle und erfüllt auch nicht das, was uns Kommunen von Monat zu Monat immer wieder aufs Neue zugesagt wurde", kritisierte er.

Vom Gesundheitsministerium in München hieß es auf BR-Anfrage: "Bei nahezu gleichbleibenden Liefermengen für die Impfzentren durch den Bund bedeutet dies eine Verteilung des Impfstoffs hin zu einem Großteil an Zweitimpfungen." Wie lange diese Situation andauern wird, präzisierte das Ministerium nicht. Das Gesundheitsministerium betonte am Abend aber auch, es habe keine Anweisung gegeben, die Erstimpfungen gänzlich zu stoppen.

Impfpriorisierung in Arztpraxen entfällt

Ab Donnerstag kann sich jeder Impfwillige in Bayern bei den niedergelassenen Ärzten impfen lassen. Unabhängig von Alter, Vorerkrankung oder Beruf und mit jedem zugelassenen Impfstoff. Die bisher vorgeschriebene Priorisierung, die eine Reihenfolge der Impfwilligen festlegte, an die sich die Impfstellen halten mussten, entfällt dann. Ab dann entscheiden die Ärzte alleine, wen sie mit welchem Vakzin impfen.

Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek verspricht sich davon mehr Flexibilität für die Arztpraxen. Sie müssen nun nicht jedes Mal prüfen, ob es auf der Warteliste jemanden gäbe, dem die Impfung eher zustünde, sondern können unbürokratisch sämtlichen Impfstoff verimpfen, den sie vorrätig haben.

Problem Impfstoffknappheit besteht weiter

Doch genau daran scheitert es oft. Trotz rund 400.000 Impfdosen für Bayern pro Woche klagen insbesondere viele niedergelassene Ärzte weiter über zu wenig Impfstoff. "Der Impfstoff ist immer noch zu knapp, um eine flächendeckende Impfung von allen Bürgerinnen und Bürgern sofort durchzuführen", stellt Martin Eulitz, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) klar. Es komme sogar immer wieder vor, dass Arztpraxen Impftermine absagen müssten, weil sie weniger Impfstoff als angekündigt geliefert bekämen.

Fokus auf Biontech-Zweitimpfungen auch in Praxen

Auch Eulitz bestätigte, dass fast der gesamte Impfstoff von Biontech, der im Mai in den Freistaat geliefert wird, für Zweitimpfungen verwendet werde. Erstimpfungen mit dem Präparat seien im Mai kaum möglich. Auch der bayerische Gesundheitsminister Holetschek bestätigte das am Dienstag nach der Kabinettssitzung. Der Schwerpunkt liege in nächster Zeit bei den Zweitimpfungen.

Grund hierfür sei die Änderung der Zeiträume zwischen erster und zweiter Dosis. So habe man diese vor einiger Zeit zum Beispiel beim Biontech-Impfstoff von drei auf sechs Wochen verlängert. Deshalb habe man nun verstärkt Zweitimpfungen. Das Bayerische Gesundheitsministerium spricht auf BR-Anfrage davon, dass damit in den kommenden Wochen für 1,1 Millionen Menschen in Bayern die Impfung vollständig abgeschlossen sein wird.

"Naturgemäß müssen die begonnen Impfserien innerhalb der vorgegebenen Intervalle abgeschlossen werden". Der Umfang der nun anstehenden Zweitimpfungen sei so erwartet worden. Die Impfstoff-Liefermengen blieben aber nahezu gleich.

Aufhebung der Priorisierung für Impfzentren umstritten

Eine zeitnahe Aufhebung der Priorisierung auch in den bayerischen Impfzentren wollte Gesundheitsminister Klaus Holetschek noch nicht zusagen. Man habe über das Thema in der Konferenz der Gesundheitsminister gestern gesprochen, aber kein einheitliches Meinungsbild gehabt. Er persönlich wolle erst einmal abwarten, wie die Impfung der Priorisierungsgruppe 3 in den Impfzentren fortschreite. So habe man die Impfzentren für die Stabilität und die Arztpraxen für die Flexibilität, so Holetschek.

Über sechs Millionen Impfdosen verabreicht

Bisher wurden 6,4 Millionen Impfdosen in bayerische Oberarme gespritzt. 38,5 Prozent der Bevölkerung haben bereits eine Erstimpfung erhalten, 10,7 Prozent verfügen über den vollen Schutz nach zwei Impfungen.

Bayern liegt damit im Mittelfeld der Bundesländer. Spitzenreiter bei den Erstimpfungen ist derzeit das Saarland (41,8 Prozent), bei den Zweitimpfungen sind es Sachsen und Thüringen mit je 15,3 Prozent (Quelle: Robert Koch-Institut).

Am 27. Mai Impfgipfel mit Kanzlerin Merkel

Ministerpräsident Söder kündigte heute an, dass es in der zweiten Woche der Pfingstferien einen Impfgipfel von Bund und Ländern geben werde, bei dem man die weitere Impfstrategie festlegen will. Laut der Deutschen Presseagentur soll das Treffen am 27. Mai stattfinden. Inhaltlich soll es demnach unter anderem um das Impfen von Schülern und Studenten, den geplanten digitalen Impfnachweis sowie die Impflogistik im Sommer gehen.

Grafik: Impfstoffe, Impfabstand, voller Schutz

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Diese Corona-Impstoffe sind in Deutschland zugelassen

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