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Für die Herdenimmunität müssten nach einer aktuellen Studie des RKI mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen geimpft sein, bei den über 60 Jährigen sogar 90 Prozent. Doch viele Bürger lassen ihre Impftermine platzen. Was tun?

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Impfmüde Bayern: Welcher Weckruf funktioniert?

Offenbar stockt die Impfkampagne: Zwar steht immer mehr Corona-Impfstoff zur Verfügung, doch die Bevölkerung scheint zunehmend impfmüde zu werden. Was kann dagegen helfen? Die Politik diskutiert über Anreize und Sanktionen.

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Von
  • Irene Esmann
  • Daniel Knopp

Weniger Impfungen bei mehr verfügbarem Impfstoff: Die bayerische Impfkampagne scheint ins Stocken geraten zu sein. Zahlreiche Sonderimpfaktionen in Bayern fanden keinen großen Anklang mehr. Hunderte Impfdosen blieben übrig. Und das, obwohl die Priorisierung inzwischen flächendeckend aufgehoben ist.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) will nun stärker für Impfungen werben. Diese seien noch immer das wirkungsvollste Mittel gegen Corona, sagt er und schließt nun auch Anreizsysteme und Bußgelder nicht mehr aus. Der Koalitionspartner von den Freien Wählern und auch Teile der Opposition warnen davor, zu viel Druck aufzubauen und Nicht-Geimpfte zu stigmatisieren.

Warum lassen sich weniger impfen?

Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) zeigen eindrücklich, dass die Impffreudigkeit gesunken ist. Bei der KVB melden alle Arztpraxen ihre durchgeführten Impfungen. In der letzten Woche (KW 26) gab es demnach 386.161 Impfungen, das sind gut 20 Prozent weniger in bayerischen Arztpraxen als noch in der vorangegangenen Woche (KW 25) mit 488.289 Dosen. Und das obwohl inzwischen wieder mehr Impfstoff zur Verfügung steht als noch in den Vorwochen.

Gründe für die abnehmenden Impfzahlen in Bayerns Praxen sieht die KVB in der niedrigen Inzidenzrate, "die momentan vermutlich zu einer gewissen Sorglosigkeit führt", so KVB-Pressesprecher Martin Eulitz. Auch könnte die beginnende Urlaubszeit eine Rolle spielen. Die Koordination zahlreicher Impftermine einer Familie sei in Urlaubszeiten deutlich schwieriger.

Zudem zeige sich im internationalen Vergleich, dass auch in anderen Ländern jede Impfkampagne irgendwann an einem Punkt der Sättigung angekommen sei, so Eulitz. Es könnte sich bei den rückläufigen Impfzahlen also auch um eine ganz normale Entwicklung handeln.

Strategiewechsel: Impfstoff soll zu den Menschen kommen

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek will einen Strategiewechsel herbeiführen. Ein "niedrigschwelliges" Impfangebot müsse den Menschen gemacht werden. "Wir haben zunächst die Menschen in die Impfzentren und in die Praxen gebracht und jetzt müssen wir den Impfstoff zu den Menschen bringen", so der Minister.

Fast wortgleich fordert das auch SPD-Gesundheitspolitikerin Ruth Waldmann. Ob vor dem Supermarkt, in der Fußgängerzone oder aber ganz gezielte Sonderimpfaktionen in Stadtteilen oder Ortschaften, in denen die Impfquote niedrig ist, all das müsse nun forciert werden. Sie würde jetzt gerne auch allen Kindern und Jugendlichen ab 12 ein Impfangebot machen – auch wenn die Ständige Impfkommission das so nicht empfiehlt.

Zu den Menschen gehen – das fordern auch die anderen Landtagsfraktionen. Nur AfD-Mann Andreas Winhart, der betont, kein grundsätzlicher Impfgegner zu sein, sagt klar: "Die Leute damit in Ruhe zu lassen wäre das beste Rezept". Stattdessen müsse neutral informiert und über Nutzen und Risiken der Impfungen aufgeklärt werden.

Bonussystem für Geimpfte?

Die Landtags-Grünen wünschen sich für die Impfkampagne mehr Anreize. Sie können sich eine Art Bonussystem vorstellen, wie zum Beispiel Rabatte für Dienstleistungen oder Produkte, so die grüne Gesundheitsexpertin Christina Haubrich. Auch der Bayerische Gesundheitsminister kann da mitgehen. Man könne etwa mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) oder anderen über Anreize für Geimpfte reden, überlegt er laut und spricht von "kreativen Lösungen", die da gefragt seien.

Die Landtags-FDP hält davon weniger. Die "Tafel Schokolade" fürs Impfen, so der Liberale und Arzt, Dominik Spitzer, die überzeuge ihn nicht. Solche Anreize haben sich seiner Ansicht nach schon beim Blutspenden nicht bewährt.

Susann Enders von den Freien Wählern kann sich das ebenfalls nicht vorstellen. Es handle sich um einen Eingriff in den Körper. "Das wäre keine seriöse Politik jemanden mit beispielsweise einem Freizeitparkticket zur Impfung zu drängen."

Mehr Freiheiten nach der Corona-Impfung?

Anreize könnten aber auch mehr Freiheiten für Geimpfte sein, etwa was das Reisen angeht, so Christina Haubrich von den Grünen. Momentan gibt es diese aber nur bedingt. Doppelt geimpfte Urlaubsrückkehrer aus Virusmutationsgebieten etwa müssen in Quarantäne, genauso wie Geimpfte, die Kontakt zu Menschen hatten, bei denen die Delta-Variante nachgewiesen wurde.

Der bayerische Gesundheitsminister will das "nochmal gemeinsam mit allen gut überlegen" und in puncto Freiheiten "gar nichts ausschließen". Er verweist bei der Frage nach mehr Freiheiten aber auf den Rat der Wissenschaft und da gebe es noch "klare Ansagen" und "daran halten wir uns".

Der Koalitionspartner der CSU, die Freien Wähler, warnen dagegen davor Druck aufzubauen und die Bevölkerung aufzuteilen in "Geimpfte – und Nicht-Geimpfte". Das komme einer Stigmatisierung gleich, so die FW-Gesundheitspolitikerin Enders.

Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD, Andreas Winhart, etwa überlegt, dass dann womöglich Eltern ihre Kinder impfen lassen würden, nur weil sie dann bequem in den Urlaub fahren könnten oder andere Erleichterungen bekämen. Das aber wären falsche Anreize. Und es stelle sich dann auch die Frage, wer die Verantwortung trage, wenn etwas "schiefgeht beim Impfen".

Bußgeld für verpassten Termin ist nicht vom Tisch

Während die Bundesregierung Bußgelder für nicht wahrgenommene Impftermine ablehnt, ist das für Bayerns Gesundheitsminister Holetschek nicht ausgeschlossen. Was nämlich nicht passieren dürfe sei, dass Impfstoff weggeworfen werden müsse, nur weil Menschen ihren Termin nicht rechtzeitig absagten. Es sei aber "Mittel letzter Wahl", so der Minister.

Unterstützung hätte er dabei wohl vom Koalitionspartner. Enders betont, es entstehe durch einen abgesagten Termin ein wirtschaftlicher Schaden. Auch beim Physiotherapeuten werde man für eine nicht-abgesagte Therapiestunde zur Kasse gebeten, so Enders.

Um diesen Ärger zu verhindern, plädiert die Grüne Christina Haubrich für mehr Flexibilität bei der Terminvergabe. Die Leute wollten jetzt in den Urlaub fahren und sich deswegen mit Impfterminen nicht festlegen, so Haubrich. Und ganz generell halte sie beim Impfen nichts von Sanktionen.

Aus der Landtags-FDP heißt es, Bußgelder bei Verpassen eines Termins würde die Menschen erst recht abschrecken. Außerdem sei der Aufwand die Bußgelder einzutreiben höher, als der Nutzen, so Gesundheitspolitiker Dominik Spitzer.

Hauptsächlich gehe es aber darum, die Menschen mit den Argumenten, die für eine Impfung sprächen, zu erreichen. Das ist beinahe Konsens unter den Politikvertretern.

"Ich tu's für…" - Informationskampagne soll helfen

Vor einer Woche kündigte die Staatsregierung eine Kampagne mit der Überschrift "Ich tu's für…" an. Sie läuft bereits langsam an. Prominente werben darin für Impfsolidarität. Rapperin Ashley zum Beispiel tut "es" für "die Schlager-Homies". Promi-Koch Alexander Herrmann "für die Imbissbuden".

Morgen sollen im Gesundheitsministerium dann weitere Fotos mit Prominenten und ihren teilweise witzigen Sprüchen, für wen sie sich impfen lassen, erstellt werden. Die Staatsregierung hofft, dass die Impfkampagne in Bayern nicht zuletzt mit Hilfe der Promis wieder Fahrt aufnimmt.

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Bayerns Gesundheitsminister Holetschek hat sich in der Diskussion um Bußgelder für Impftermin-Schwänzer zurückhaltend gezeigt. Vielmehr sollten kreative Ideen eingesetzt werden, um das Impfziel zu erreichen.

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