Bayernweit wurden bislang über 29 Millionen Corona-Impfungen verabreicht. (Symbolbild)
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Bayernweit wurden bislang über 29 Millionen Corona-Impfungen verabreicht. (Symbolbild)

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Beschwerden nach Corona-Impfung: Das lange Warten auf Hilfe

Wer nach einer Corona-Impfung mit Langzeitfolgen kämpft, findet oft keine passende Anlaufstelle. Hausärzte und Ambulanz sind überfragt – und auch an einer neuen Telefonhotline des bayerischen Gesundheitsministeriums äußern Betroffene heftige Kritik.

Über dieses Thema berichtet: Abendschau am .

Früher war Pamina Füting viel in den Bergen. In ihrer Münchner Wohnung zeigt sie Bilder von damals - vom Wandern, Klettern, Skifahren, Skitouren. All das ist für die 30-Jährige inzwischen unmöglich. Dreimal wurde sie gegen das Coronavirus geimpft. Nach der ersten und zweiten Impfung spürte Füting bereits Nebenwirkungen, die aber wieder vergingen. Seit der dritten Impfung vor über eineinhalb Jahren hat sie dauerhaft mit dem sogenannten Post-Vac-Syndrom zu kämpfen.

Post-Vac: Das ist der Fachbegriff für Langzeitbeschwerden nach der Corona-Impfung. "An guten Tagen schaffe ich 20 Minuten langsames Gehen", sagt Füting, "da bin ich aber schon richtig gut geworden. Am Anfang habe ich 20 Meter geschafft." Spazierengehen, einkaufen, Haushalt: Die alltäglichsten Dinge beschreibt Füting als unfassbar anstrengend. Sie ist schnell erschöpft, bekommt Kopf- und Muskelschmerzen, ist tagelang außer Gefecht. Bereits vor einem knappen Jahr hat Füting mit dem BR-Politikmagazin Kontrovers über ihre Situation gesprochen. Seither ist es etwas besser geworden. "Aber ich glaube nicht, dass ich in halbwegs absehbarer Zeit wirklich belastbar sein werde", sagt Füting.

Über 29 Millionen Impfdosen gegen das Coronavirus wurden in Bayern verabreicht – in den allermeisten Fällen hatten sie den gewünschten Effekt. Aber es gibt sie vereinzelt eben doch: die Langzeitfolgen nach Corona-Impfung. Was es bislang nicht gibt, sind ausreichend Hilfsangebote für Betroffene wie Pamina Füting.

Neue Hotline für Betroffene - Füting: "Eine Nullnummer"

Wie groß der Bedarf ist, zeigt die Telefonhotline, die das bayerische Gesundheitsministerium nun Anfang April für das Post-Vac-Syndrom eingerichtet hat - nur rund ein Drittel der Anrufe konnten am ersten Tag beantwortet werden. "Wir haben das Personal jetzt aufgestockt", sagt Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). "Wir merken, dass da ein Leidensdruck da ist." Bei der telefonischen Beratung geht es um Informationen zu Post-Vac und Vermittlung an weitere Stellen. "Wir wollen, dass die bestehenden Ambulanzen, die für Long- und Post-Covid da sind, auch das Thema Post-Vac mit aufgreifen", sagt Holetschek. Betroffene berichten jedoch, dass sie bei diesen Ambulanzen oft direkt abgewiesen werden. Oder aber sie werden untersucht, bekommen aufgrund fehlender Expertise keine wirkliche Hilfe, so erging es Pamina Füting. Auch bei diversen Haus- und Fachärzten kam sie nicht weiter.

Die Hotline könne "keine differenzierte medizinische Auskunft geben, sondern soll ein bisschen ein Lotse sein", sagt Holetschek. Pamina Füting reicht das nicht, auch sie hat bereits unter der Nummer angerufen, neue Hilfsangebote gab es dort für sie nicht: "Ganz ehrlich: Ich fühle mich verarscht. Ich habe das seit eineinhalb Jahren und jetzt gibt es eine Hotline, die einem nicht weiterhelfen kann. Das ist leider eine Nullnummer für uns."

SPD: Brauchen spezialisierte Post-Vac-Anlaufstelle in Bayern

Auch von der bayerischen Opposition gibt es Kritik: "Den Menschen jetzt auch über eine Hotline noch mal zu sagen, sie sollen sich an diese Ambulanzen wenden, die sie dann aber am Ende gar nicht nehmen - das hilft nicht weiter", sagt SPD-Gesundheitspolitikerin Ruth Waldmann. "Da sind sie in einer Telefonschleife à la Buchbinder Wanninger." Was laut Waldmann wirklich helfen würde, wäre eine spezialisierte Anlaufstelle für Post-Vac in Bayern - entweder mit mehr Geld und Personal für die bestehenden Ambulanzen oder in Form einer eigenen Post-Vac-Ambulanz. Eine solche gibt es deutschlandweit nur ein einziges Mal, im hessischen Marburg. Diese sei jedoch "hoffnungslos überlaufen", so Waldmann.

Pamina Füting hat zum ersten Mal vor einem guten Jahr bei der Ambulanz in Marburg angerufen: "Seither habe ich keine Rückmeldung bekommen. Ich stehe da offensichtlich noch auf der Warteliste." Damit ist Füting nicht allein: Die Liste von Betroffenen, die in Marburg auf einen Termin warten, umfasst aktuell mehr als 6.000 Menschen.

Gesundheitsminister Holetschek plant derzeit keine eigene Post-Vac-Ambulanz in Bayern. Stattdessen sollen die bestehenden Long- und Post-Covid-Ambulanzen ausgebaut werden, sodass sie mehr Patienten, auch für Post-Vac, aufnehmen können. Darüber sei man im Gespräch. "Ich hoffe, dass wir da sehr schnell die Bereitschaft finden", so Holetschek. Abgesehen davon müsse insgesamt mehr am Post-Vac-Syndrom geforscht werden: "Wir haben den Bund aufgefordert, da die Mittel zu erhöhen."

Bei rund 10 Prozent aller bearbeiteten Anträge Impfschaden anerkannt

Bis vergangene Wochen gingen beim "Zentrum Bayern Familie und Soziales" (ZBFS) knapp 1.800 Anträge auf Anerkennung eines Impfschadens ein. Das ZBFS gehört zum bayerischen Familienministerium und hat laut eigenen Angaben bislang rund die Hälfte der Anträge bearbeitet - und von denen wiederum rund zehn Prozent anerkannt.

In Bayern sind das bislang 84 Fälle. Zum Vergleich: Für alle anderen Impfungen abseits des Coronavirus wurden seit Anfang 2021 lediglich 150 Anträge wegen potenzieller Impfschäden gestellt. Für die Jahre 2021 und 2022 liegen keine Informationen über Anerkennungsquoten vor, von den neun gestellten Anträgen in diesem Jahr wurde bisher keiner positiv beschieden.

💡 So erreichen Sie die Hotline

Die "Post-Vac-Syndrom"-Hotline wird vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) mit Sitz in Erlangen betrieben. Sie ist unter der Nummer 09131 6808 7878 erreichbar.

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