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Bildrechte: BR/Judith Zacher

Noch vor zwei Wochen hieß es nicht nur im schwäbischen Landkreis Dillingen: Wo bleibt der Impfstoff? Jetzt ist er da: Nicht nur Astrazeneca, sondern auch Biontech und Moderna - doch die Nachfrage ist gering. Die Gründe dafür sind vielfältig.

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Endlich ist Impfstoff da - jetzt fehlen die Abnehmer

Noch vor zwei Wochen hieß es nicht nur im schwäbischen Landkreis Dillingen: Wo bleibt der Impfstoff? Jetzt ist er da: Nicht nur Astrazeneca, sondern auch Biontech und Moderna - doch die Nachfrage ist gering. Die Gründe dafür sind vielfältig.

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Von
  • Judith Zacher

08.30 Uhr an einem Morgen im Impfzentrum in Wertingen im Landkreis Dillingen. Im großen Wartebereich sitzt gerade mal ein Mann, Georg Schwinger aus Blindheim. Warten muss er nur, weil er eine halbe Stunde zu früh dran ist. Das mit dem Termin ging ziemlich zügig: "Ich habe nie gedacht, dass ich so schnell dran komme", sagt der Blindheimer: Zwei Tage zuvor habe er sich angemeldet, jetzt schon werde er geimpft.

Nachfrage nach Impfterminen stark gesunken

Die Verantwortlichen im Wertinger Impfzentrum bestätigen: Endlich hätten sie so viel Impfstoff, dass das Impfzentrum ausgelastet werden könnte, allerdings fehlten die Menschen, die sich impfen lassen wollen. Der Dillinger Landrat Leo Schrell kann das fast nicht glauben: Er sei verwundert, noch vor zwei Wochen sei der Druck aus der Bevölkerung sehr hoch gewesen, so schnell wie möglich einen Termin zu bekommen. Man habe sich wochenlang und letztendlich auch erfolgreich darum bemüht, genügend Impfstoff zu bekommen.

"Jetzt haben wir Stoff, um täglich mindestens 700 Impfungen durchführen zu können, und jetzt gibt es zu wenig Menschen, die bereit sind, sich impfen zu lassen", sagt Schrell.

Jetzt zuverlässige Impfstoff-Lieferungen

Gerade kommt eine neue Impfstoff-Lieferung an – Biontech. Die Kühlschränke im Impfzentrum sind jetzt endlich gut gefüllt: 1.260 Dosen Biontech und 800 Dosen Moderna werden allein für diese Woche geliefert, von der Sonderzuteilung Moderna ist ebenfalls noch Impfstoff da.

Das heißt: Nicht nur der inzwischen von vielen – laut den Ärzten im Impfzentrum zu Unrecht – verschmähte Impfstoff von Astrazeneca ist vorrätig, auch die mRNA-Impfstoffe Biontech und Moderna liegen im Kühlschrank im Impfzentrum und warten darauf, verimpft zu werden.

Wegen fehlender Rückmeldungen: Kalkulation schwierig

Allerdings: Von knapp 5.000 Personen, die man in den vergangenen Tagen für einen Impftermin eingeladen habe, fehlt noch die Rückmeldung. Und das trotz teils mehrfacher Erinnerung, so Landrat Schrell. Er gehe davon aus, dass viele von ihnen bereits in einer Arztpraxis oder beim Betriebsarzt geimpft wurden, dass sie ihren Account im Impfportal aber nicht gelöscht haben. Er bittet dringend darum, das bei erfolgter Impfung zu tun.

Nur so könne man kalkulieren, wie viel Personal und Impfstoff man für das Impfzentrum in den nächsten Wochen brauche. Dann könne man auch planen, wann man den derzeit letzten noch etwa 1.000 im Impfportal registrierten Personen aus dem Landkreis Dillingen einen Impftermin zuteilen könne.

Impfstoffangebot übersteigt Nachfrage in ganz Schwaben

Ähnlich ist die Lage in vielen anderen schwäbischen Landkreisen - auch im Landkreis Donau-Ries wartet man auf Terminzusagen: Von rund 7.000 Personen, die eine Einladung für einen Impftermin bekommen hätten, stünde die Antwort noch aus, so der Leiter der Donau-Rieser Impfzentren, Arthur Lettenbauer. Da pro Woche bis zu 5.000 Menschen in den Impfzentren in Nördlingen und Donauwörth geimpft werden können, könne man, sofern die Registrierten auf die Terminangebote reagierten, in ein bis zwei Wochen bei allen derzeit angemeldeten Personen mit der Erstimpfung durch sein.

Das gilt auch für das Unterallgäu, wo es am Wochenende eine Sonder-Impfaktion gab. Im Oberallgäu warten ebenfalls nur noch ein paar Hundert Menschen auf eine Impfung, immer wieder komme es vor, dass Personen zu ihrem Termin überhaupt nicht erschienen. Wer sich im Ostallgäu neu registriere, bekomme innerhalb weniger Tage einen Impftermin, heißt es auf BR-Anfrage aus dem Landratsamt.

Im Landkreis Aichach-Friedberg gibt es für diese Woche noch wesentlich weniger Anmeldungen als Impfstoff, genau wie im Landkreis Neu-Ulm. Freie Kapazitäten gibt es auch im Landkreis Günzburg.

Eine "Impfzurückhaltung" beobachtet man seit Kurzem auch im Landkreis Augsburg. In der Stadt Augsburg habe man zwar keinen Impfstoff übrig, müsse aber für jeden Termin etwa drei bis vier Einladungen verschicken, um eine Zusage zu erhalten.

Um wieder mehr Menschen für Impfungen zu motivieren, hat man sich im Landkreis Lindau an Musik- und Sportvereine sowie an die Gastronomie und Hotellerie gewandt. Jetzt gingen auch wieder mehr Anmeldungen ein. Es sei wichtig, dass die Menschen wüssten, dass jetzt jeder schnell einen Impftermin erhalten könne, so eine Sprecherin des Landkreises weiter.

Diverse Gründe für Impfzurückhaltung

Die Gründe, warum die Nachfrage gesunken ist, sind vielfältig: Fragen die Mitarbeiter vom Impfzentrum nach, antworten viele, sie wollten in den Urlaub fahren, der Termin für die zweite Impfung würde dann in diesen Zeitraum fallen. Deshalb bietet der Landkreis Dillingen am 17. Juli eine Sonderaktion mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson an. Dieser Impfstoff muss nur einmal verabreicht werden, das heißt, man hat schnell den vollen Impfschutz.

Auch die niedrige Inzidenz und die damit verbundenen Öffnungen und wiedergewonnene Freiheit spielten wohl eine Rolle, so der ärztliche Leiter des Wertinger Impfzentrums, Matthias Depel. Viele hielten es offenbar nicht mehr für notwendig, sich impfen zu lassen.

Ärztin: "Risiko der Impfung steht in keinem Verhältnis zu Risiken einer Covid-Erkrankung"

Angst vor Nebenwirkungen sind ein weiterer Grund. Ärztin Stephanie Goldhammer, Chief Medical Officer der Firma Ecolog, die das Impfzentrum betreibt, wird hier nicht müde zu betonen, die Gefahr, die von der Krankheit ausgehe, sei weitaus größer als das Risiko, dass sich die Impfung nachteilig auswirke. Goldhammer hat während der zweiten Corona-Welle in einem Krankenhaus in Coburg gearbeitet. So etwas habe sie, trotz jahrzehntelanger Berufserfahrung, noch nicht erlebt, und so etwas wolle sie auch nie wieder erleben.

Aus diesem Grund hofft sie, dass sich noch mehr Menschen sich für die Impfung entscheiden. Von einer Herdenimmunität sei man noch weit entfernt, so die Ärztin. Vielleicht aber, so ihre Hoffnung, wüssten einfach viele in der Altersgruppe zwischen 18 und 60 nicht, dass sie jetzt zeitnah eine Impfung bekommen könnten. "Jetzt ist Impfstoff da", sagt die Ärztin, "wer sich jetzt anmeldet, bekommt schnell einen Termin."

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