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Corona-Hotspot: Warum immer wieder Rosenheim?

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    Corona-Hotspot: Warum immer wieder Rosenheim?

    Im März, im Mai, im Spätsommer und jetzt wieder: Seit das Coronavirus in Deutschland angekommen ist, sind es immer wieder Stadt und Landkreis Rosenheim, die besonders stark getroffen werden. Das liege an speziellen Verstärkerfaktoren, so Experten.

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    Von
    • Melanie Marks

    Am Montag, den 2. März 2020, ahnte noch niemand, was auf Rosenheim zukommen würde. An diesem Tag lud das Landratsamt zu einer Pressekonferenz. Am Wochenende sei der erste Corona-Fall im Landkreis bestätigt worden, teilte man mit. Es handele sich dabei um einen Skiurlauber, der aus Südtirol zurückgekehrt war. Der Mann habe sich sofort in häusliche Quarantäne begeben.

    Bayernweit waren zu diesem Zeitpunkt 15 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, 14 weitere schon wieder genesen. Der Großteil von ihnen stand noch im Zusammenhang mit der Firma Webasto. Das Robert-Koch-Institut schätzte das Risiko für Bayern und Deutschland als gering bis mäßig ein. Zwar müsse mit weiteren Fällen gerechnet werden, hieß es auf der Website. Aber für eine anhaltende "Viruszirkulation" gebe es keine Hinweise.

    Es sollte anders kommen – gerade in Rosenheim.

    Rosenheim immer wieder stark betroffen

    Ende März sind in Stadt und Landkreis Rosenheim mehr als 1.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. In einer Pressekonferenz spricht Bayerns Gesundheitsministerin Huml von "regionalen Engpässen" bei den Intensivbetten. Bundesweit macht die Region Schlagzeilen - als Brennpunkt der Corona-Pandemie.

    Und das wiederholte sich: Im Mai, im Spätsommer und auch jetzt. Aktuell gelten Stadt und Landkreis Rosenheim nach Warnampel der bayerischen Staatsregierung als dunkelrot, mit einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in der Stadt und mehr als 100 im Landkreis.

    Warum trifft es Rosenheim immer wieder?

    1. Die Bedeutung der Stadt

    Experten vermuten einen Mix aus verschiedene Faktoren. So sei da zum einen die Bedeutung der Stadt. Rosenheim ist mit Abstand die größte Stadt zwischen München und Salzburg und damit ein Dreh- und Angelpunkt. Wolfgang Janhsen, Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Rosenheim, sagt Rosenheim sei "Oberzentrum" in der Region. Nicht nur Erwerbstätige würden täglich rein und raus pendeln, sondern auch Schüler und Studenten. Insgesamt schätzt er die Zahl der Pendler in und aus der Stadt auf bis zu 5.000 pro Tag.

    2. Reiserückkehrer

    Doch die Lage spielt auch in anderer Hinsicht eine Rolle. Man sei Grenzregion, meint Dr. Wolfgang Hierl, der Leiter des staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim. Und es habe einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen, wie schnell und wie stark der Reiseverkehr ins benachbarte Ausland sei, gerade, wenn dieses als Risikogebiet ausgewiesen sei.

    Exemplarisch für diese These könnte eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel sein. Daraus geht hervor, dass Landkreise, die näher am Corona-Hotspot Ischgl liegen, vergleichsweise hohe Infektionsraten verzeichneten. Zwar konnte dieser Effekt nicht für jeden Hotspot belegt werden, doch Rosenheim scheint zumindest im Frühjahr davon betroffen zu sein.

    So zeigen aktuelle Statistiken, die das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) für das Gesundheitsamt in Rosenheim aufbereitet hat: Anfang März sind im Landkreis rund ein Viertel aller gemeldeten Infizierten im Ausland in Kontakt mit dem Virus gekommen.

    "Zu Beginn haben heimkehrende Skiurlauber Infektionen in die Region getragen", meint Hierl. "Sie waren die Einsaat der Infektion". Im Anschluss hätten Ausbrüche in Einrichtungen die Infektionszahlen getrieben, sowie Superspreading-Events. Welche Rolle das Starkbierfest dabei gespielt hat, das noch im März für ein Wochenende stattgefunden hat, ist unklar.

    3. Bevölkerungsstruktur

    Im Spätsommer ist der Anteil der infizierten Reiserückkehrer erneut gestiegen. Bayern- und bundesweit sind zu diesem Zeitpunkt Urlauber aus den Ferien zurückgekehrt. Und erneut stach Rosenheim heraus und meldete als erste Stadt am 23. August eine 7-Tage-Inzidenz von über 50.

    Einen Grund dafür sieht die Stadt Rosenheim in der Bevölkerungsstruktur. So infizierten sich laut Lagebericht des Robert-Koch-Instituts im August die meisten Menschen in Ländern des Westbalkans, in der Türkei oder Bulgarien. Vermutlich, so das RKI, seien diese im Familienverbund unterwegs gewesen. Die Ministerpräsidenten warnten vor Familienbesuchen im Ausland.

    Gerade in Rosenheim leben Daten der Stadt zufolge besonders viele Menschen aus diesen Ländern. Der Ausländeranteil liegt nach Angaben der Stadt bei etwas mehr als 22 Prozent – verhältnismäßig viel für eine Kleinstadt mit 63.000 Einwohnern. Nur in München, Nürnberg und Augsburg sei der Ausländeranteil höher, so die Stadt Rosenheim. Und weiter: Ein Großteil der ausländischen Wohnbevölkerung komme aus Südosteuropa – also jenen Ländern, in denen sich auch die Reiserückkehrer mutmaßlich infiziert haben.

    4. Zahl der Senioreneinrichtungen

    Einen weiteren Grund sehen Experten in der Dichte der Senioreneinrichtungen. Vor allem in der ersten Welle der Pandemie haben Ausbrüche in den Unterkünften die Zahl der Infektionen in die Höhe getrieben. Daten des LGL zeigen für Bayern: In manchen Wochen sind rund zwei Drittel der Neuinfektionen in Altenheimen gemeldet worden. Im Landkreis Rosenheim ist dieser Anteil zum Teil noch höher. So wurden Anfang April knapp 100 von rund 120 gemeldeten Fällen in Seniorenreinrichtungen festgestellt.

    Grund dafür könnte auch sein, dass die Dichte der stationären Altenpflegeplätze im Landkreis Rosenheim besonders hoch ist. Das zeigen Daten des bayerischen Gesundheitsministeriums. Auf rund 260.000 Einwohner kommen 3.758 Plätze in 59 Pflegeheimen. Mehr Plätze gibt es nur in den Städten München und Nürnberg. Allerdings liegt die Einwohnerzahl hier auch deutlich höher.

    5. Statistische Verzerrungen

    So macht der Geschäftsführer der RoMed-Kliniken, Jens Deerberg-Wittram, darauf aufmerksam, dass der aktuell gültige Indikator für das Ausbruchsgeschehen, die 7-Tage-Inzidenz, davon abhängig sei, wie viel getestet werde. Wenn in einer relativ kleinen Region – wie etwa in der Stadt Rosenheim - sehr viel getestet werde, dann steige die statistische Chance, tatsächlich viele positive Fälle zu "erwischen". Anders, meint er, sei das in sehr großen Regionen, in denen wenig getestet werde. "Dann gehen einem schnell Fälle 'durch die Lappen'". Dass in Rosenheim verhältnismäßig viel getestet werde, könne er sich vorstellen, meint Deerberg-Wittram. Daten hierzu kenne er allerdings nicht.

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