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Corona-Hilfen: Steuerberater am Limit

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Corona-Hilfen: Steuerberater am Limit

Corona-Hilfen müssen meist über einen "prüfenden Dritten" beantragt werden - etwa über einen Steuerberater. Damit sollte Missbrauch vermieden und das Verfahren beschleunigt werden. Doch selbst die Steuerberater ächzen nun unter der Corona-Bürokratie.

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Von
  • Christina Schmitt

Unbürokratisch und schnell sollten die Corona-Hilfen an die betroffenen Unternehmen und Selbständigen fließen, so lautete das Versprechen aus dem Wirtschaftsministerium. Darüber können viele Steuerberater derzeit wohl nur noch lachen. Steuerberaterin Theresia Lindner findet für die Hilfsprogramme andere Worte: "Sehr, sehr komplex“ und "extrem vielschichtig" seien die "Novemberhilfe", "Dezemberhilfe" und die "Überbrückungshilfe II".

Einbindung der Steuerberater sollte Verfahren vereinfachen

Diese können Unternehmen und Selbständige beantragen, je nachdem, wie sie vom Lockdown betroffen sind. Bis auf wenige Ausnahmen müssen diese dafür einen "prüfenden Dritten" beauftragen, also einen Anwalt, Buch- oder Wirtschaftsprüfer oder eben einen Steuerberater.

Die Regierung wollte dadurch nicht nur Missbrauch vorbeugen, sondern auch Falschanträge vermeiden – und dadurch das Antragsverfahren beschleunigen. Doch das zieht sich nun in die Länge und bringt die Steuerberater in Bedrängnis.

Antragsprüfung: Extrem hoher Aufwand und Rechtsunsicherheit

Auf welche dieser Hilfen jemand Anspruch habe, müsse in jedem Einzelfall genau geprüft werden, oft dauere das mehrere Stunden, sagt Steuerberaterin Theresia Lindner. Sie habe drei ihrer 30 Mitarbeiterinnen ausschließlich auf das Thema angesetzt: "Was uns zusätzlich stresst, ist: Jeden Tag können wir schauen, ob der Antrag, den wir vor einer Woche gestellt haben, noch stimmt oder nicht."

Das Ministerium verschicke immer wieder neue FAQs, also Regeln, für was überhaupt Hilfen beantragt werden können, so Lindner. Dazu gehöre zum Beispiel, dass dem Ministerium nun aufgefallen sei, dass für die Überbrückungshilfe nun doch andere Voraussetzungen gelten – aufgrund des EU-Beihilferechts. Demzufolge können die Unternehmen nur noch Verluste erstattet bekommen und nicht, wie ursprünglich angekündigt, Umsatzeinbußen. "Wir Steuerberater tragen das Risiko für diese Regelungslücken. Das ist das Hauptproblem“, sagt auch Hartmut Schwab von der Bundessteuerberaterkammer.

Mandanten müssen eventuell Geld zurückzahlen

"Es kann sein, dass einige Mandanten, für die wir bereits Anträge gestellt haben, eventuell wieder etwas zurückzahlen müssen“, sagt Theresia Lindner. Das seien bislang zwar nicht viele in ihrer Kanzlei. Aber auch bei den Anträgen, die jetzt noch gestellt werden, könne sie einfach nicht ausschließen, dass sich am Ende doch noch etwas an den Regeln vom Wirtschaftsministerium ändere. Deshalb rate sie mittlerweile den meisten Klienten, so lange wie möglich mit den Anträgen zu warten.

Genau das sei die Krux, unter der die Steuerberater gerade arbeiten müssten, sagt Hartmut Schwab, Präsident der Bundessteuerberaterkammer: "Einerseits ist es aufgrund der teilweise bestehenden Rechtsunsicherheit ratsam, mit den Anträgen möglichst lange zu warten. Andererseits brauchen die Mandanten oft dringend das Geld, um überleben zu können."

Anträge für Corona-Hilfen kosten die Steuerberater Zeit und Geld

Dass die Steuerberater viel Geld mit den Anträgen auf Corona-Hilfen verdienen, glaubt Schwab nicht. Theresia Lindner mit ihrer Steuerkanzlei in Lenggries geht sogar noch weiter: Manche Anträge seien für sie eher ein Minusgeschäft. So habe beispielsweise die Prüfung und Antragstellung für einen ihrer langjährigen Klienten, einen Künstler, sechs Stunden gedauert. "Für ihn ist die Situation existenzbedrohend“, sagt sie. Am Ende habe sich herausgestellt, dass er doch nur knapp 2.800 Euro Überbrückungshilfe beantragen könne. "Das ist ein Witz! Und von so jemandem – der auch noch über uns den Antrag stellen muss – kann ich doch nicht die vollen sechs Honorarstunden verlangen. Da bleibt ja kaum etwas übrig.“

Die meisten Anträge seien für ihre Kanzlei nicht rentabel, aber man müsse den Klienten ja auch helfen – schließlich seien diese oft überfordert und "völlig geschockt" von der Situation, so Lindner: "Es ist unsere Verpflichtung, sie in der Krise zu unterstützen."

Kanzlei kann keine neuen Klienten für Corona-Hilfen mehr annehmen

Anfragen von neuen Klienten allerdings, die über sie Corona-Hilfen beantragen wollen, habe sie schon abweisen müssen, gibt Lindner zu: "Das tut mir sehr leid, aber ich habe auch nicht mehr Personal und ich wüsste auch nicht, woher ich das bekommen soll.“ Neben den Corona-Hilfen müsse sie sich noch mit der veränderten Umsatzsteuer auseinandersetzen – und das Tagesgeschäft laufe ja auch noch.

Immerhin hat das Ministerium den Steuerberatern nun einen Aufschub gewährt bei der Abgabe für die Steuererklärungen: Sechs Monate. Theresia Lindner ist froh über diese Entscheidung: "Das hilft uns sehr. Und in Krisenzeiten müssen wir eben alle anpacken. Da müssen wir einfach durch und wir werden unseren Beitrag dazu leisten."

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