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Archivbild: Ministerpräsident Söder und die bayerische Corona-Ampel im Oktober

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    Corona-Grenzwerte: Wie sich die Maßstäbe in Bayern wandeln

    35, 50, 100, 200, 300 - über Monate hat die Politik im Anti-Corona-Kampf immer neue Warn-, Schwellen- und Grenzwerte festgelegt, Stufenpläne und Ampelsysteme erstellt. Mittlerweile lehnen viele Politiker die Festlegung auf bestimmte Werte ab.

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    Von
    • Petr Jerabek
    • Claudia Kohler

    Sie war nach gerade einmal gut zwei Wochen schon wieder Geschichte: Ab Mitte Oktober regelte die bayerische Corona-Ampel, welche Schutzmaßnahmen in welchen Regionen des Freistaats galten - abhängig vom jeweiligen Infektionsgeschehen: auf Grün war die Ampel bis zu einer 7-Tage-Inzidenz von 34 (Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen), schaltete ab 35 auf Gelb, ab 50 wurde sie rot. Nach wenigen Tagen kam noch Dunkelrot für Landkreise und kreisfreie Städte ab 100 hinzu.

    Anfang November wurde das System durch den bundesweiten Teil-Lockdown samt bayerischer "Hotspot-Strategie" abgelöst - mit weiteren Verschärfungen ab der Inzidenz 200 und ab 300. Zuletzt brachte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Zusammenhang mit Lockerungen mehrfach einen ganz anderen Wert ins Spiel: 10.

    Aktuell liegt die Inzidenz für ganz Bayern laut Robert Koch-Institut bei 69,3 - so niedrig war sie zuletzt in der zweiten Oktober-Hälfte, als im Freistaat noch die Corona-Ampel galt. Immerhin zwölf bayerische Landkreise und Städte wären nach damaligen Maßstäben derzeit im grünen Bereich. Heute aber gelten dieselben strengen Regeln für den Landkreis Neuburg-Schrobenhausen mit einer Inzidenz von 19,5 wie für den Landkreis Tirschenreuth, der mit 381,3 den bundesweit höchsten Wert verzeichnet. Warum ist das so? Wie sind die einzelnen Grenzwerte entstanden? Und welche davon gelten noch oder könnten irgendwann wieder gelten?

    Die 50er-Inzidenz

    Der älteste Corona-Schwellenwert gilt bis heute als der wichtigste: Am 6. Mai verständigten sich Bund und Länder auf die Zahl 50. Söder sprach nach den Beratungen der Regierungschefs der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) damals von einer "Notbremse", um auf einen Anstieg der Infektionen schnell reagieren zu können: Demnach sollten die Bundesländer dafür sorgen, dass in Landkreisen oder kreisfreien Städten mit einer Inzidenz über 50 sofort ein Beschränkungskonzept umgesetzt wird.

    In den folgenden Wochen und Monaten wurden Kommunen in Deutschland ab diesem Wert als Corona-Risikogebiet eingestuft - zwischenzeitlich gab es für Menschen aus solchen Kreisen beispielsweise Beherbergungsverbote. Die Regeln für die Betroffenen wurden über die Monate mehrfach angepasst. Die bayerische Corona-Ampel sah im Herbst ab einem Inzidenzwert von 50 verpflichtende Beschränkungen vor: eine Sperrstunde in der Gastronomie ab 22 Uhr, die Begrenzung privater Feiern auf fünf Leute oder die Mitglieder zweier Hausstände sowie eine Maskenpflicht auch für Grundschüler.

    Bis heute ein zentraler Schwellenwert

    Bis heute betonen Spitzenpolitiker immer wieder, bis zu einer Inzidenz von 50 seien die Gesundheitsämter in der Lage, Kontakte von Corona-Infizierten nachzuverfolgen und Infektionsketten zu durchbrechen. Die Zahl 50 gaben Bund und Länder daher im Herbst auch als Ziel aus, als sie sich auf einen Teil-Lockdown verständigten.

    Für das Robert Koch-Institut ist dieser Inzidenzwert nach wie vor ein wichtiger Faktor für die Entscheidung, welche Staaten oder ausländische Regionen als Risikogebiet eingestuft werden. Auch in der aktuellen bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung spielt die 50 noch eine Rolle: In Landkreisen mit einer niedrigeren Inzidenz und "sinkender Tendenz" kann die zuständige Kreisverwaltungsbehörde demnach "im Einvernehmen mit der zuständigen Regierung" Lockerungen erlassen.

    Das im November geänderte deutsche Infektionsschutzgesetz verlangt bei Überschreitung der Sieben-Tage-Inzidenz von 50 "umfassende Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die eine effektive Eindämmung des Infektionsgeschehens erwarten lassen".

    💡 7-Tage-Inzidenz: Dieser Wert zeigt an, wie viele Menschen in einer kreisfreien Stadt oder einem Landkreis in einem Zeitraum von sieben Tagen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Um ihn vergleichbar zu machen, wird er pro 100.000 Einwohner angegeben. Berechnet wird er ganz einfach: Man addiert die täglich gemeldeten Neuinfektionen der vorangegangenen sieben Tage, teilt die Summe durch die Einwohnerzahl von Stadt oder Landkreis und multipliziert dies mit 100.000. Im Mai haben Bund und Länder die 7-Tage-Inzidenz als Richtwert für lokale Corona-Maßnahmen festgelegt.

    Der Warn- oder Signalwert 35

    Nur wenige Tage nach dem Grenzwert 50 kam in Bayern ein "Warnwert" dazu: Die Gesundheitsämter wurden verpflichtet, ab einer Inzidenz von 35 das Gesundheitsministerium über die Ursache des Anstiegs der Corona-Infektionen sowie lokale Gegenmaßnahmen zu informieren. Später wurde die 35er-Inzidenz in bayerischen Verordnungen als "Signalwert" bezeichnet.

    Nach und nach wurde die 35 auch im übrigen Bundesgebiet ein fester Grenzwert. Laut Infektionsschutzgesetz sind ab dieser Inzidenz "breit angelegte Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die eine schnelle Abschwächung des Infektionsgeschehens erwarten lassen".

    Vor Beginn des Teil-Lockdowns waren mit der Inzidenz 35 (Ampelfarbe Gelb) in Bayern eine erweiterte Maskenpflicht sowie eine Sperrstunde für die Gastronomie ab 23 Uhr verbunden. Zudem durften maximal zehn Menschen gemeinsam feiern.

    Alarmstufe Dunkelrot: 100

    Einen weiteren Corona-Grenzwert verkündete Ministerpräsident Söder am 21. Oktober im Landtag: Ab einem Inzidenzwert von 100 wurde die Ampel dunkelrot - zusätzliche Beschränkungen mussten erlassen werden. In der Gastronomie musste dann die Sperrstunde auf 21 Uhr vorgezogen werden, Kultur- und Vereinsveranstaltungen mit mehr als 50 Personen wurden ab dem 100er-Wert untersagt.

    Corona-Hotspots mit einer Inzidenz über 200

    Mit steigenden Corona-Zahlen im Herbst, sah sich die Politik genötigt, weitere Grenzwerte zu definieren. Nachdem im Berchtesgadener Land die Inzidenz auf mehr als 250 geklettert war, kündigte Söder für den Landkreis umfassende Maßnahmen an, die "einem Lockdown entsprechen". Auch Kitas und Schulen wurden geschlossen - wie kurz darauf auch im Kreis Rottal-Inn.

    Zum 1. Dezember wurde dann mit der neuen Hotspot-Strategie ein Automatismus eingeführt: Landkreise und Städte mit einem Wert von 200 oder mehr mussten schärfere Regeln einführen: Musik- und Fahrschulen wurden geschlossen, Märkte und Wochenmärkte durften nicht mehr stattfinden (außer Lebensmittelmärkte). An den Schulen in diesen Hotspots wurde für die Klassen ab der 8. Jahrgangsstufe der Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht eingeführt.

    Gut eine Woche später wurden die Maßnahmen ab der 200er Inzidenz noch verschärft: Für Schüler ab Klasse acht gab es in Hotspots nur noch Distanzunterricht. Außerdem wurde für diese Kreise die Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr eingeführt. Wenige Tage später kündigte Söder an, die Ausgangssperre auf ganz Bayern auszuweiten - da die Inzidenz landesweit die 200er Marke überschritten hatte.

    Anfang Januar kam für Menschen in Kommunen mit einem Wert über 200 noch eine Bewegungsbeschränkung hinzu: Sie durften sich für touristische Tagesausflüge nur noch 15 km von der Stadt- oder Landkreisgrenze entfernen. Diese Regel wurde vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof aber mittlerweile gekippt.

    Inzidenz ab 300

    Besonders scharfe Einschränkungen sah die Hotspot-Strategie für Landkreise oder Städte mit einem Wert über 300 vor: Dort sollte die jeweilige Kreisverwaltungsbehörde das öffentliche Leben mit noch strengeren Maßnahmen weiter herunterfahren.

    Durch die Verschärfung der Lockdown-Regeln gehört aber auch die Hotspot-Strategie mittlerweile der Vergangenheit an.

    Söder bringt Inzidenz 10 ins Gespräch - Abschied vom Ziel 50?

    Ministerpräsident Söder nannte zuletzt mit dem Wert 10 mehrfach noch eine ganz andere Inzidenz - und relativierte damit das Ziel 50 ein Stück weit: Im Frühjahr 2020 habe es die "breiten Lockerungen" in Bayern erst beim Wert 10 gegeben, sagte der CSU-Chef Anfang des Monats. Die 50 sei eine "gute Orientierung", aber nicht automatisch die Zahl, ab der man wieder alles so machen könne wie vorher.

    Andere deutsche Spitzenpolitiker gaben in den vergangenen Tagen immer wieder die Losung aus, die Inzidenz müsse "deutlich unter 50 gedrückt" werden - ohne dabei einen konkreten Wert zu nennen. Dabei verweisen sie meist auf die Gefahr einer Ausbreitung deutlich ansteckenderer Corona-Mutationen. Ob damit der Abschied von der Orientierung an Inzidenzen bei den Corona-Maßnahmen eingeläutet wird, bleibt abzuwarten. Eine gewisse Verschiebung ist aber auf jeden Fall jetzt schon zu beobachten. Neben konkreten Zahlen wird verstärkt auch mit Risiken argumentiert.

    Wann gibt es Lockerungen?

    In einigen europäischen Ländern legen Stufenmodelle fest, welche Verschärfungen oder Lockerungen abhängig vom Infektionsgeschehen greifen. Dabei sind zum Teil aber andere Inzidenzen als in Deutschland ausschlaggebend: Im Nachbarland Tschechien zum Beispiel liegen die Grenzwerte bei 20, 40, 60, 75 und darüber hinaus. In anderen Ländern - wie zum Beispiel Italien oder Irland - werden einzelne Regionen unter Berücksichtigung mehrerer Indikatoren bestimmten Stufen zugeordnet. Für Deutschland haben mehrere Bundesländer bereits eigene Stufenpläne entworfen.

    In Bayern könnte nach dem deutlichen Rückgang der Inzidenzwerte in den vergangenen Wochen theoretisch die Corona-Ampel aus dem Herbst reaktiviert werden. Vor allem Oppositionspolitiker forderten in den vergangenen Tagen verstärkt die Rückkehr zu regional differenzierten Maßnahmen. Anders als noch im Herbst sprach sich Ministerpräsident Söder zuletzt aber mehrfach dagegen aus: Es dürfe in Bayern keinen Regel-Flickenteppich geben. "Je gleicher es ist, desto gerechter ist es - je differenzierter, desto weniger Akzeptanz."

    Auch einen festen Stufenplan für Lockerungen lehnte Söder ab und forderte, "auf Sicht zu fahren". Mittlerweile häufen sich aber auch aus Söders CSU die Rufe nach eben so einem Stufenplan. Die bayerische Landtagspräsidentin und Chefin der Oberbayern-CSU, Ilse Aigner, mahnte: Die Politik müsse "Hoffnung geben".

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