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Es ist noch nicht wirklich viel, was Mediziner und Wissenschaftler über die Folgen einer Covid-19-Erkrankung wissen. Genesene klagen über Müdigkeit, Geruchs-, aber auch über Gedächtnisverlust und Organschädigungen. Die Forschung steht erst am Anfang.

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Corona-Folgen: Von Müdigkeit bis Lähmung

Es ist noch nicht wirklich viel, was Mediziner und Wissenschaftler über die Folgen einer Covid-19-Erkrankung wissen. Genesene klagen über Müdigkeit, Geruchs-, aber auch über Gedächtnisverlust und Organschädigungen. Die Forschung steht erst am Anfang.

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Von
  • Claudia Grimmer

Zehn Prozent der Corona-Erkrankten haben einen schweren Verlauf der Virus-Infektion. Erich Altmann ist Sportreporter beim Straubinger Tagblatt und er ist einer von ihnen. Der 51-Jährige ist trotz des schweren Verlaufes seiner Krankheit ein absolut positiver Mensch, denn er ist "dem Tod von der Schippe gesprungen", wie er sagt.

Der Kampf zurück ins Leben

Erich Altmann erwischte es Mitte März mit einer schweren Erkältung. Er kam in die Notaufnahme mit starkem Husten und Atemnot. Die Testung ergab "positiv SARS-CoV-2". Wenig später musste er ins künstliche Koma versetzt werden, für über zwei Monate. Er hat keinerlei Erinnerung an die Zeit.

Als Altmann aufwachte, konnte er seine Beine und Arme nicht mehr bewegen, nicht mehr schlucken, nicht sprechen, nicht einmal mehr alleine aufrecht sitzen. Er ist seitdem komplett auf die Hilfe anderer angewiesen. Der Sportler erholt sich langsam und kämpft sich zurück ins Leben. Jeden Tag ein kleines Stück mehr.

Nach der Intensivbehandlung kam Altmann in die neurologische Reha-Klinik "Am Europakanal" in Erlangen. Hier ist ein Team spezialisiert auf das Training und den Aufbau von schwer erkrankten Covid-19-Patienten. Erich Altmann sitzt im Rollstuhl. "Es stand Spitz auf Knopf", sagt er kaum verständlich. "Ich war dem Tod phasenweise näher als dem Leben. Ich wurde reanimiert, ich war im Koma."

Altmann hatte keinerlei Vorerkrankungen, als er sich erkältete und Covid-19 diagnostiziert wurde. Bis dahin war er fit und aktiv. Vor wenigen Tagen erst wurde seine Magensonde nach mehr als vier Monaten entfernt. Langsam lernt er wieder eigenständig trinken, Nahrung zu sich zu nehmen.

Vor 20 Jahren hätte Erich Altmann keine Chance gehabt. Nun hat er eine und das weiß er, der Kämpfer aus Straubing.

Die Forschung steht am Anfang

Friedrich von Rosen ist der betreuende Chefarzt der Neurologie der Klinik am Europakanal in Erlangen. Was er über den Gesundheitszustand von Erich Altmann sagen kann, ist, dass er eine Kleinhirnfunktionsstörung erlitten hat, die definitiv auf Covid-19 zurückzuführen ist. Ein künstliches Koma verursacht immer schwere Schäden am Körper, aber diese Störung komme definitiv nicht davon, sagt der Chefarzt. Es lässt auf eine fehlgeleitete Immunreaktion schließen, die typisch für Corona-Patienten ist. Altmann erlitt keinen Schlaganfall, was ebenso typisch für die Erkrankung gewesen wäre.

"Es entsteht rasend schnell Wissen. So viele Veröffentlichungen zu einem Krankheitsbild wie jetzt bei Covid-19 sind in meiner medizinischen Karriere noch nicht vorgekommen und wir haben richtig Schwierigkeiten, das neue Wissen auch zu verdauen", Friedrich von Rosen, Chefarzt Neurologie Klinik am Europakanal Erlangen

Der lange Weg zurück in den Alltag

Altmanns Blut wird regelmäßig in speziellen Laboren untersucht, um nun nähere Erkenntnisse über diese Störung zu erlangen. Der Straubinger hat typische, narbige Veränderungen an der Lunge. Niemand weiß, ob er sich davon erholen wird. Andere Patienten zeigen starke Schädigungen an Leber, Herz und Verdauungsorganen. Die Wissenschaft rätselt, wie Covid-19 behandelt werden muss und wie es zu einer vollständigen Genesung kommen kann. In ganz Deutschland wird geforscht. Einiges über den SARS-CoV-2-Virus ist bekannt, vieles im Dunklen.

"Wir sehen einzelne Patienten, die einen Hörausfall haben, was bisher gar nicht gut beschrieben ist. Wir sehen Patienten, die noch von der Lunge her schwer betroffen sind, was gut verständlich ist, nachdem es primär eine Lungenerkrankung ist. Wir sehen Patienten, die eine Herzschwäche ausgebildet haben, die sie vorher nicht hatten. Wir sehen Patienten mit Leberfunktionsstörungen, mit Muskellähmungen, die sich nur langsam zurückbilden. Wir sehen andere, bei denen sich die Lähmungen sehr schnell zurückbilden. Wir sehen ein ganz buntes Bild mit Symptomen von verschiedensten Organen." Friedrich von Rosen, Neurologe, Klinik am Europakanal Erlangen.
© Uni-Klinikum Erlangen, Prof. Jessica Freiherr
Bildrechte: Uni-Klinikum Erlangen, Prof. Jessica Freiherr

Prof. Dr. Jessica Freiherr, Neurowissenschaftlerin, Uni-Klinikum Erlangen

Frühwarnsystem für Covid-19-Erkrankung

Husten und vor allem der Verlust des Geruchssinns zeichnen sich immer mehr als Frühwarn-Indikatoren für eine Corona-Infektion ab. Wer morgens seinen Kaffee nicht mehr riechen kann, der sollte dringend zum Arzt, rät die Neurowissenschaftlerin, Professorin Jessica Freiherr vom Uni-Klinikum Erlangen. Ein Konsortium vom mehr als 400 Wissenschaftlern weltweit analysiert durch eine Fragebogen-Auswertung von Corona-Patienten die Folgen der Viruserkrankung.

Mittlerweile konnten mehr als 40.000 Patientendaten ausgewertet werden, davon mehr als 1.000 aus Deutschland. Die Uni-Klinik Erlangen ist an der Untersuchung beteiligt. Demnach leiden nach ersten Erkenntnissen 80 Prozent der Patienten an einem Geruchs- und Geschmacksverlust. 40 Tage nach der Genesung, so Jessica Freiherr, erlangen erst 50 Prozent wieder ihren Geschmacks- und Geruchssinn zurück.

Die Neurowissenschaftlerin hat sich auf die Untersuchung des Geruchs- und Geschmackssinns spezialisiert. Sie hofft, dadurch auch ein Frühwarnsystem für Ärzte entwickeln zu können, um Patienten auf Covid-19 zu testen, bei denen die Erkrankung sonst eher symptomfrei verläuft.

Das Forschungsprojekt sucht deshalb Patienten, die in den vergangenen Wochen entweder eine SARS-CoV-2-Infektion oder eine herkömmliche Erkältung (Kontrollgruppe) durchgemacht haben. Die Online-Befragung dauert zehn Minuten und ist anonym.

Nora: ein "normaler Fall"

Nora gehört nicht zu den zehn Prozent schwer Erkrankten und trotzdem hat diese Erkrankung sie an ihre Grenzen gebracht. Auch die 41-Jährige hat es bereits Ende März erwischt. Sie war weder davor auf einer Großveranstaltung, noch gab es Familienfeiern. Mit Kratzen im Hals fing es an, dann kam der Husten und leichtes Fieber. Eine übliche Grippe, dachte Nora. Am vierten Tag war der Geruchssinn plötzlich komplett weg. Schmecken konnte sie nur noch salzig oder süß, keine Feinheiten, keine Gewürze.

"In der Nacht hat es mich dann ziemlich zerbröselt. Ich hatte Kreislaufprobleme, war absolut schlapp. Ich bekam dann immer mehr Probleme mit dem Atmen. Am siebten Tag bekam ich nicht mal mehr im Sitzen genug Luft. Ich hatte Angst zu schlafen. Du atmest und atmest und bekommst nicht genug Luft. Du hast nichts mehr in der Hand. Es ist absolut bedrohlich." Nora, Corona-Patientin aus Nürnberg.

Nach drei Wochen erklärt sie das Gesundheitsamt für genesen. Nora wird aus der Quarantäne entlassen. Es ist August, vier Monate nach der Genesung und Nora ist immer noch in Behandlung bei einer Physiotherapeutin. Ihre Leistungsfähigkeit beschreibt sie derzeit mit 70 Prozent. Selbst das Treppensteigen macht ihr Probleme. Sie ist oft müde, muss sich hinlegen.

"Es geht vorwärts. Ich merke, dass ich mehr machen kann, körperlich. Ich kann auch langsam wieder kurze Strecken Radfahren, aber nur ebene Strecken. Ich bin weit davon entfernt, dass ich voll arbeiten kann." Nora, Covid-19-Patientin aus Nürnberg

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