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Corona-Fälle in Schlachthof steigen - SPD beklagt Versäumnisse | BR24

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Symbolbild: Schlachtbetrieb

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Corona-Fälle in Schlachthof steigen - SPD beklagt Versäumnisse

Die Zahl der Corona-Fälle in einem niederbayerischen Schlachthof ist auf 16 gestiegen. Die SPD-Landtagsfraktion wirft der Staatsregierung schwere Versäumnisse vor und fordert Konsequenzen. Das Gesundheitsministerium kündigt weitere Reihentests an.

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Angesichts der Corona-Fälle an einem Geflügelschlachthof im niederbayerischen Landkreis Straubing-Bogen verlangt die SPD-Landtagsfraktion sofortige und umfangreiche Tests in den Betrieben im Freistaat - ähnlich wie in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein: "Wir dürfen nicht riskieren, dass Schlachtbetriebe und große Höfe mit Erntehelfern zu Infektionshotspots werden und ganze Regionen gefährden", mahnten die SPD-Abgeordneten Ruth Müller und Florian von Brunn.

Am Dienstag hatte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) bekannt gegeben, dass mehrere Mitarbeiter des Schlachthofs positiv getestet wurden. Zunächst war von sieben Betroffenen die Rede, am Abend dann von elf. Mittlerweile wurde das Virus nach Angaben des Landratsamts bei 16 Mitarbeitern nachgewiesen. Einige dieser Beschäftigten leben laut Huml in kleineren Gemeinschaftsunterkünften.

SPD: "In Bayern überhaupt nichts unternommen"

Noch am Samstag hatte das bayerische Gesundheitsministerium mitgeteilt, dass es im Freistaat in Schlachthöfen bisher keine Ausbruchssituation gegeben habe, daher seien keine Tests erforderlich. Zu diesem Zeitpunkt lagen dem Landkreis Straubing-Bogen schon erste positive Corona-Tests von Schlachthof-Mitarbeitern vor. Dem Ministerium wurden sie aber erst am Montag gemeldet - aufgrund des Wochenendes und interner Abstimmung, wie es hieß.

Die SPD-Politiker betonten nun mit Blick auf die Entwarnung des Ministeriums vom Wochenende: "Es zeigt sich jetzt: Das ist nicht nur falsch, sondern auch ein schweres Versäumnis, das Menschenleben gefährdet!" Seit vier Wochen sei bekannt, dass in Baden-Württemberg ein Erntehelfer an Corona gestorben sei und es dort an einem Schlachthof zu zahlreichen Infektionen gekommen sei. "Seither häufen sich die Meldungen über Infektionen an Schlachthöfen aus ganz Deutschland. In Bayern aber wurde bisher überhaupt nichts unternommen."

Ministerium kündigt weitere Reihentests an

Das bayerische Gesundheitsministerium wies die Kritik zurück. "Die Vorwürfe der SPD sind sachlich nicht nachvollziehbar", sagte ein Ministeriumssprecher dem BR. Der Schutz der Bevölkerung vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus habe für das Ministerium oberste Priorität. Daher habe das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) nach Bekanntwerden der ersten positiv getesteten Mitarbeiter mit einer Reihenuntersuchung aller insgesamt 1.000 Mitarbeiter des Schlachtbetriebs in Niederbayern begonnen.

Am Dienstag wurden bereits 700 Mitarbeiter getestet, die übrigen 300 Untersuchungen sind für heute geplant. Die Auswertung der neuen Tests dauert rund 48 Stunden. Die bisher 14 positiven Testergebnisse stammen daher nicht aus der am Dienstag begonnen Reihen-Testung, sondern aus vorherigen Untersuchungen.

"Klar ist auch: Die Arbeit im Schlachthof selbst führt nicht zu einer besonderen Infektionssituation, vielmehr müssen die Gemeinschaftsunterkünfte in den Blick genommen werden", betonte der Ministeriumssprecher weiter und kündigte an: Das LGL werde daher in Kürze mit weiteren Reihentestungen von Mitarbeitern an bayerischen Schlachthöfen beginnen.

LGL: Übertragung über Lebensmittel unwahrscheinlich

Das LGL teilte auf BR-Anfrage mit, es erarbeite derzeit ein Konzept für diese Reihentestungen. Hintergrund des Untersuchungsprogramms sei der teilweise hohe Anteil von Fremdfirmen in diesem Bereich, die oft in Gemeinschaftsunterkünften wohnten.

Verbraucher brauchen sich laut LGL keine Sorgen machen wegen der Corona-Fälle in Schlachthöfen oder bei Erntehelfern: "Eine Übertragung des Erregers über Lebensmittel auf den Menschen ist nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand unwahrscheinlich."

Auch Grünen-Politikerin für flächendeckende Tests

Auch die Grünen-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des Umwelt- und Verbraucherausschusses im Landtag, Rosi Steinberger, forderte sofortige flächendeckend Corona-Tests bei allen Schlachthof-Beschäftigten in Bayern. "Auch die Gemeinschaftsunterkünfte der Angestellten müssen auf ihre hygienischen Bedingungen im Sinne des Infektionsschutzes überprüft werden", betonte sie.

Die gängige Praxis, dass wichtige Bereiche wie Schlachten und Zerlegen an Subunternehmen ausgegliedert würden, "die Menschen damit zu billigsten Löhnen Akkordarbeit leisten und prekär in Gemeinschaftsunterkünften wohnen müssen", sei "unserer Gesellschaft nicht würdig", sagte Steinberger weiter. In einer Anfrage an die Staatsregierung verlangt die Grünen-Politikerin nun Informationen darüber, unter welchen Umständen in der Fleischindustrie Corona-Tests durchgeführt werden sollen und ob die Sammelunterkünfte auf die Einhaltung der Infektionsschutzregeln überprüft werden.

SPD pocht auf Sonderkontrollprogramm

Die SPD-Abgeordneten Müller und von Brunn verlangen neben Tests ein Sonderkontrollprogramm zur Überprüfung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, das auch die Unterbringung der Mitarbeiter im Blick habe. "Und zwar zuerst in allen Betrieben, in denen in sehr engem Abstand gearbeitet und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind."

Auch ein Umdenken in der Schlachtindustrie und bei landwirtschaftlichen Betrieben, die Erntehelfer beschäftigen, mahnen Müller und von Brunn an. Die vorwiegend aus Osteuropa stammenden Beschäftigten in der Schlachtindustrie würden oftmals unter menschenunwürdigen und unzumutbaren Bedingungen untergebracht, sodass der Schutz ihrer Gesundheit gar nicht möglich sei. Der enorme Preisdruck und die "Geiz-ist-geil-Mentalität" in der Fleischbranche müssten beendet werden. "Dazu gehört, dass die Praxis von höchst fragwürdigen Werkverträgen mit Subunternehmern und die Auslagerung an billigste Fremdfirmen unterbunden wird!"

Auch Niedersachsen testet alle Schlachthof-Mitarbeiter

Vor dem Corona-Ausbruch in Niederbayern hatten sich bereits in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein Hunderte Mitarbeiter in Schlachthöfen mit dem Virus infiziert. Nach anderen Bundesländern kündigte mittlerweile auch Niedersachsen an, sämtliche Schlachthof-Mitarbeiter auf das Coronavirus zu testen. Dabei gehe es um 23.700 Beschäftigte in 183 fleischverarbeitenden Betrieben, kündigte Sozialministerin Carola Reimann (SPD) an.

Die steigenden Zahlen lösten auch eine Debatte über die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie und die Lage in den Schlachthof-Unterkünften aus. Insbesondere Gewerkschaftsvertreter kritisierten die Zustände scharf und verlangten einen besseren Schutz von Schlachthof-Mitarbeitern. Auf Antrag der Grünen waren die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie am Nachmittag auch Thema einer aktuellen Stunde im Bundestag.

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Nach mehreren Covid-19-Fällen in einem niederbayerischen Schlachthof bei Bogen laufen nun Reihentests.