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Archivbild: Schulorchester

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    Corona-Beschränkungen: Bayerische Musiklehrer schlagen Alarm

    Wegen Corona gelten für das Musizieren an Bayerns Schulen noch starke Einschränkungen - größere als für Freizeitchöre und -orchester. Der Verband Bayerischer Schulmusiker warnt vor negativen Folgen. Kritik kommt auch von der Opposition im Landtag.

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    Von
    • Petr Jerabek

    Das laufende Schuljahr hat Heidi Speth schon abgeschrieben - zumindest aus Sicht der Chöre und Orchester an Bayerns Schulen. "Ich würde zwar liebend gern wieder mit meinem Chor proben, aber was das Gruppen-Musizieren angeht, ist das Schuljahr im Grunde vorbei", sagt die Vorsitzende des Verbands Bayerischer Schulmusiker (VBS), die an einem Münchner Gymnasium unterrichtet. Zwar dürfen mittlerweile immerhin schulische Streicher-Ensembles oder Rockbands wieder proben, wie Speth erläutert. "Das ist ein erster positiver Anfang, aber alle Chöre und Bläserensembles warten immer noch auf eine echte Perspektive."

    Das ist aus Sicht der VBS-Chefin umso unverständlicher und ärgerlicher, da Freizeit-Chöre und -Orchester schon vor Wochen wieder ihren Probebetrieb starten konnten. Trotz aller Beteuerungen der Politik in den vergangenen Monaten, dass Kinder bei Corona-Lockerungen Vorrang haben sollen, gelten für Schul-Ensembles also strengere Regeln als für Freizeit-Chöre. Eine Ungleichbehandlung, die laut Speth langfristig negative Folgen haben könnte.

    Strenge Corona-Vorgaben des Ministeriums

    Die Formulierung im aktuellen Rahmenhygieneplan für die bayerischen Schulen ist genauso kurz wie eindeutig: "Singen sowie das Spielen auf Blasinstrumenten ist in Gruppen bis auf Weiteres nicht möglich." Lediglich einzeln dürfen Schülerinnen und Schüler im Blasinstrument oder Gesang unterrichtet werden - bei einem erhöhten Mindestabstand von 2,5 Metern.

    Zudem dürfe "im regulären Klassenverband" bei "unterrichtlichen und pädagogischen Notwendigkeiten" ein kurzes Lied gesungen werden, "sofern ein erhöhter Mindestabstand von 2,5 Metern in Singrichtung, sowie seitlich von 2 Metern eingehalten werden" könne und das Tragen einer Maske möglich sei, heißt es im Rahmenhygieneplan weiter. Speth schüttelt über diese Vorgaben den Kopf: Das lasse sich in der Praxis mit 30 Kindern nicht umsetzen. "Niemand hat einen Raum, der dafür groß genug ist. Und an vielen Schulen gibt es auch keine Freiflächen, die dafür geeignet sind."

    Die VBS-Vorsitzende betont, den Kindern fehlten in der Corona-Krise positive Erlebnisse beim gemeinsamen Musizieren. Gerade Kinder "aus prekären Verhältnissen" seien völlig abgeschnitten von kultureller Teilhabe: "Das hohe integrative und inklusive Potenzial von Musikunterricht liegt in diesen Zeiten brach - das ist ein Unglück."

    FDP: Gemeinschaftliche Tätigkeiten kommen zu kurz

    Scharfe Kritik an der Staatsregierung kommt auch vom FDP-Bildungsexperten im Landtag, Matthias Fischbach: "Wie tief müssen eigentlich die Infektionszahlen noch fallen, bis die bayerische Staatsregierung das Recht auf Bildung in seiner vollen Vielfalt endlich wieder ermöglicht?" Kinder und Jugendliche hätten in der Krise genug gelitten, "obwohl sie selbst das geringste Risiko für schwere Erkrankungen tragen".

    Gerade gemeinschaftliche Tätigkeiten - wie das Musizieren im Schul-Ensemble - seien aufgrund der Vorschriften im vergangenen Jahr zu kurz gekommen, beklagt Fischbach auf BR24-Anfrage. "Bei allem Verständnis für Vorsicht und Umsicht, man muss festhalten: Die Schülerinnen und Schüler werden mehrfach wöchentlich in der Schule getestet und Infektionen treten aktuell kaum noch auf." Alle Maßnahmen müssten verhältnismäßig sein. "Es kann doch nicht angehen, dass überall im Land ein Sommer der Freiheit beginnt, während in den Schulen das Leben weiter beschränkt bleibt wie im Corona-Winter."

    Schulkinder mussten auf vieles verzichten

    Große Sorge hat Musiklehrerin Speth mit Blick auf die Zukunft: Sie befürchtet bleibenden Schaden für die Schulmusik, für die jahrelange Aufbauarbeit an den Schulen. "Im vergangenen Herbst wurde der Wahlunterricht an etlichen Schulen zugunsten von Förderstunden für die Kernfächer gestrichen." Ähnliches könnte ihrer Einschätzung nach im Herbst drohen. "Wenn das noch mal kommt, ist das sicherlich ein weiterer herber Schlag für viele Schul-Ensembles."

    Speths Appell an das Kultusministerium: "Ich wünsche mir, dass keine Umwidmung stattfindet. Für unsere Kinder, die im vergangenen Jahr auf Vieles verzichten mussten, sind gerade solche Treffpunkte enorm wichtig." Schule müsse mehr sein als eine "Wissensvermittlungsmaschine". Angesichts der Aufholjagd in den Kernfächern sollten die Kinder ihrer Meinung nach nicht auch noch am Nachmittag auf das Gemeinschaftserlebnis beim Musizieren verzichten müssen.

    Singen unter Corona-Auflagen

    Die VBS-Chefin hofft daher, dass es im September wieder wirklich losgehen kann: "Dass man zu Beginn des neuen Schuljahres wieder vernünftige Rahmenbedingungen hat, dass man nach dem Vorbild von Baden-Württemberg - wenn alle Schülerinnen und Schüler getestet sind und CO2-Ampeln installiert sind - die Maske abnehmen und mit deutlich geringerem Abstand singen kann." Oder den Schulen müssten Räume angeboten werden, "wo sie die Abstandsregeln einhalten und trotzdem musizieren können".

    Wichtig sei auch, dass Schulveranstaltungen "in irgendeiner Form wieder zugelassen" werden, betont Speth. Denn bei Schulchören und -orchestern brauche man auch ein Ziel, auf das man hinarbeite – also Aufführungen.

    Das Infektionsgeschehen ist ausschlaggebend

    Das bayerische Kultusministerium reagiert zurückhaltend auf die Kritik an seinen Vorgaben und die Warnungen Speths. Man könne die Bedenken des Verbands "gut nachvollziehen" und setze sich selbstverständlich damit auseinander, teilt ein Ministeriumssprecher BR24 mit. Dem Ministerium sei es ein großes Anliegen, "auch in Zeiten der Pandemie das Singen sowie das Musizieren auf Blasinstrumenten unter Berücksichtigung entsprechender Hygienemaßnahmen zu ermöglichen, die in Absprache mit dem Gesundheitsministerium getroffen werden".

    Auch für das neue Schuljahr gibt es keine konkreten Versprechen: "Selbstverständlich hofft das Kultusministerium, dass im neuen Schuljahr Singen und Musizieren in der Klasse und in Ensembles wieder im größeren Umfang möglich ist", sagt der Sprecher. Dies werde aber vom Infektionsgeschehen abhängig sein.

    Speth beklagt fehlende Wertschätzung für Musikunterricht

    Die VBS-Vorsitzende Speth beklagt grundsätzlich eine fehlende Wertschätzung für Musik und Kultur in der Schule. Das zeige sich unter anderem daran, "dass der Rotstift gerne zuerst bei den Fächern Musik, Kunst und Sport angesetzt wird". Wiederholte Beteuerungen von Politikern, Bayern sei eine Kulturnation, empfindet Speth vor diesem Hintergrund als "Sonntagsreden".

    Dass die Wertschätzung für die Arbeit der Musiklehrkräfte fehle, zeige sich auch an der Tatsache, dass Musiklehrer vier Wochenstunden mehr abhalten müssten als ihre übrigen Lehrerkollegen: "Das ist ein Treppenwitz", kritisiert Speth. Dem liege die "irrige Vorstellung" zugrunde, dass das Unterrichten in einem Fach mit hohem Praxisanteil grundsätzlich mit einem geringeren Vorbereitungsaufwand verbunden sei. "Das Gegenteil ist der Fall und das gilt mit den zahlreichen Auflagen und Hemmnissen unter Corona-Bedingungen erst recht."

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