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Corona als psychische Belastung: Klinikum Nürnberg steuert gegen | BR24

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Corona verändert unseren Alltag und die weltweite Krise kann auch zur persönlichen werden. Wer schon länger einsam war, wird einsamer. Wer Existenz-Sorgen hatte, hat jetzt noch mehr. Was macht die Krise mit der Psyche?

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Corona als psychische Belastung: Klinikum Nürnberg steuert gegen

Corona verändert unseren Alltag. Die weltweite Krise kann auch zur persönlichen Krise werden. Wer schon länger einsam war, wird einsamer. Wer Existenz-Sorgen hatte, hat jetzt noch mehr. Was die Krise mit der Psyche macht ...

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Deutlich mehr Fälle von Alkohol-Missbrauch als sonst kommen in den vergangenen Wochen in die Notaufnahme der Psychiatrie am Nürnberger Nord-Klinikum. Dem Chefarzt der Psychiatrie Thomas Hillemacher macht das Sorgen. Er hat die Befürchtung, auch ohne Zahlenbeleg, dass in der aktuellen Situation insbesondere der Alkoholkonsum und die damit verbundenen negativen Folgen zunehmen werden.

"Aufgrund von Ängsten, Sorgen, Ausgangsbeschränkungen, viel Leerlauf. Das führt alles häufig dazu, dass mehr Alkohol getrunken wird." Thomas Hillemacher, Chefarzt Psychiatrie am Klinikum Nürnberg

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Alkohol ist Seelentröster. Doch Experten raten zur Zurückhaltung – wegen des erheblichen Suchtpotenzials. Alkoholsucht ist eine psychische Erkrankung, genau wie Drogensucht oder Depression. Für Betroffene ist die Corona-Krise besonders schlimm, sagt Thomas Hillemacher.

"Die psychisch Kranken haben das Problem, dass sich ihre Erkrankung durch die Situation verschlechtert. Weil auch die therapeutischen Möglichkeiten – wir empfehlen ja häufig soziale Kontakte, positive Aktivität – in der Form nicht ausgelebt werden können. Insofern fällt für die Patienten ein wichtiger Rückhalt weg." Thomas Hillemacher, Chefarzt Psychiatrie am Klinikum Nürnberg

Soziale Kontakte sind wichtig für die Psyche

Kontaktverbot oder Social Distancing – Christiane Waller, die Chefärztin der psychosomatischen Klinik, hält diese Begriffe für nicht zutreffend. Man müsse derzeit körperlich Abstand halten, das ja. Soziale Kontakte könne man aber auch übers Telefon oder Videochats pflegen. Eine vertraute Stimme nur zu hören sei für die Psyche ähnlich wirksam wie ein persönliches Treffen, sagt Christiane Waller.

"Um zu wissen, da ist ein Freund, Partner, Kinder braucht es nicht immer die Berührung. Es gibt biologisch begründete Bindungssysteme, da gibt’s Hormone, die ausgeschüttet werden. Das ersetzt wirklich in guter Weise diese fehlende Erlaubnis nach Berührung. Nicht ganz, aber es kompensiert trotzdem gut." Christiane Waller, Chefärztin psychosomatische Klinik, Klinikum Nürnberg

Sich am Telefon darüber auszutauschen, welche Sorgen man sich macht, sei wichtig, sagt die Ärztin. Denn: Nicht zu wissen, wie es weiter geht, sei Stress für die Seele. Wie sich das Virus auf alles auswirkt, weiß derzeit niemand so genau. Stress und Angst äußern sich auch in körperlichen Symptomen, so Waller: mit Druck auf der Brust, schlecht Luft kriegen, Magen-Darm. Habe man derzeit einen Durchfall, wird sofort Alarm geschlagen: "Habe ich mich mit Covid angesteckt?" Ist er am nächsten Tag vorbei, war es wahrscheinlich nicht das Virus.

"Dann ist es wichtig, dass man lernt mit dem Stress im Körper umzugehen, den wahrzunehmen und auch sich wieder runterzuholen. Da haben wir hilfreiches Material auf die Internetseiten gestellt, wo man sich wieder beruhigen kann." Christiane Waller, Chefärztin psychosomatische Klinik, Klinikum Nürnberg

Atemübungen, ein Gespräch oder Bewegung helfen oft. Wenn das alles nicht weiterbringt, empfehlen die Ärzte am Klinikum dringend, sich zu melden. Die Tageskliniken für Psychiatrie und Psychosomatik sind derzeit zwar geschlossen, die telefonische Beratung ist allerdings erheblich aufgestockt worden. Und für dringende Fälle sei Platz vorhanden, sagt der Chefarzt der Psychiatrie am Nürnberger Klinikum Thomas Hillemacher.

"Wir haben als groben gedanklichen Zeitraum drei Monate im Kopf. Wenn man eine Behandlung auch drei Monate verschieben kann, kann man sie gerne verschieben. Aber es gibt auch viele, die man zeitnah behandeln muss. Und die behandeln wir natürlich auch jetzt und jederzeit." Thomas Hillemacher, Chefarzt Psychiatrie am Klinikum Nürnberg

Hillemacher hat jetzt eine Online-Befragung zum Suchtverhalten gestartet. Die Psychiater wollen herausfinden, wie sich die Corona-Krise auf Alkoholkonsum, Zigaretten- oder Online-Sucht auswirkt.

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