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City-Logistik: Unterschätztes Potenzial beim Klimaschutz | BR24

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In Deutschland sind 12 Millionen Pakete unterwegs - pro Tag, transportiert mit Kleinlastern. Ein großer Zusteller arbeitet mit Hochdruck an einem nachhaltigen Lieferkonzept.

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City-Logistik: Unterschätztes Potenzial beim Klimaschutz

Die Paketzustellung in Bayern könnte deutlich umweltfreundlicher sein. Allein durch den Einsatz von Lastenfahrrädern ließen sich bis zu 25 Prozent CO2 einsparen. Das haben Logistikexperten jetzt berechnet. Die Räder sind bisher aber kaum im Einsatz.

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Union und SPD wollen sich auf ein tragfähiges Klimakonzept einigen und ringen seit Tagen um Lösungen. Das Ziel ist es, schädliches Treibhausgas in Großstädten zu verringern. Nach einer aktuellen Berechnung der Technischen Hochschule Nürnberg könnten durch die Reduzierung des Lkw-Lieferverkehrs im Bereich der Kurier-, Express- und Paketdienste erhebliche Mengen des klimaschädlichen Treibhausgases CO2 eingespart werden - allein durch den Einsatz von Lastenrädern. Die kommen laut Logistikwissenschaftler Ralf Bogdanski aber im Stadtbild so gut wie gar nicht vor. Dadurch wird gerade einmal vier Prozent CO2 in ganz Bayern eingespart.

Großes Einsparungspotenzial beim CO2

In den acht großen Städten Bayerns mit mehr als 100.000 Einwohnern werden derzeit pro Jahr 17.200 Tonnen CO2 von den Fahrzeugen der Kurier-, Express- und Paketlieferdienste (KEP) ausgestoßen. Mit dem Einsatz von Lastenrädern könnten jährlich 4.300 Tonnen des Treibhausgases eingespart werden. Tatsächlich aber sind es im Augenblick weniger als 200 Tonnen.

Wenige Projekte mit Lastenrädern

In nur zwei Städten Bayerns werden die umweltfreundlichen Zustellfahrzeuge eingesetzt: in Nürnberg und München. Nur hier werden in größerem Umfang Pakete mit Rädern zugestellt. In München hat UPS 24 Lastenräder im Einsatz, in Nürnberg fährt GLS mit drei und DPD mit fünf Rädern. Diese fahren mit und ohne Batterie. Das Problem dabei: Noch gibt es keine geeignete Ladeinfrastruktur, Abstellflächen sind innerstädtisch nicht vorgesehen und auch das Radwegenetz müsste nach Meinung von Experte Bogdanski in Großstädten deutlich ausgebaut werden.

"Die Nachfrage ist da durch die Paketunternehmen, die solche Konzepte auch gerne umsetzen würden. Aber das Angebot ist eben so gut wie nicht vorhanden. Und genau an der Stelle müssen Kommunen auch nachhelfen, damit wir tatsächlich Lastenfahrräder in die Innenstädte bringen." Ralf Bogdanski, Technische Hochschule Nürnberg

Vorteile liegen auf der Hand

Die Lastenfahrräder brauchen gegenüber den großen Elektrofahrzeugen nur einen sehr kleinen Akku. An jeder 220-Volt-Steckdose können die Batterien aufgeladen werden. Im Stadtverkehr sind die Räder auch schneller als herkömmliche Diesel-LKW, erklärt Kurierfahrer Patrick Roth. Er stellt die Pakete seit zwei Jahren in München elektrisch zu. Der 31-Jährige kann Fuß- und Radwege nutzen, durch Innenhöfe und Einbahnstraßen fahren und vor den Geschäften parken. 90.000 Kilometer haben UPS-Zusteller nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr mit Lastenrädern bereits zurückgelegt. Bei Wind und Wetter.

Lastenrad statt Diesel-LKW

Rund 180.000 Pakete werden täglich von den Paketzustellern nach München gebracht. Allein in der Landeshauptstadt sind daher 1.046 Zustellfahrzeuge unterwegs, in Nürnberg sind es 324. UPS setzt in der Münchner Umweltzone seit 2017 Lastenräder ein, um die tägliche Paketflut in den Griff zu bekommen. Projektleiter Peter Blösl ist für die gesamte Zustelllogistik zuständig und hat inzwischen die größte Fahrradflotte in Deutschland aufgebaut. 20 Diesel-LKW konnten innerhalb von zwei Jahren durch Lastenräder ersetzt werden. Diese sind über Nacht in einem Parkhaus nahe dem Hauptbahnhof abgestellt. Laden kann er sie hier nicht. Die Batterien müssen morgens mit den Expresspaketen im LKW in die Innenstadt gebracht werden.

"Die Ladeinfrastruktur ist eigentlich das A und O in der ganzen Debatte um die E-Mobilität. Wir sind dran mit dem Parkhaus zum Beispiel, die Ladeinfrastruktur zu schaffen. Also die Planungen laufen. Aber letztendlich reicht das, was vorhanden ist, im Moment noch nicht aus, um auf E-Mobilität umzuschlagen." Peter Blösl, Projektleiter UPS Citylogistik
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Konventionelle Lastenräder in einer Münchner Parkgarage

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Lastenräder ohne Elektroantrieb können sofort starten

© GLS / Presse

GLS Paketbote

© dpd/Presse

DPD Zusteller in Nürnberg

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Batterien für Lastenfahrräder mit Elektroantrieb

© BR/Beate Bastian

Paket-Verteilzentrum in Garching

© BR/ Beate Bastian

Mikrodepot in München

Fehlende Stellflächen für Mikrodepots

Um einen Diesel-LKW mit einer Tonne Nutzlast durch ein Lastenfahrrad ersetzen zu können, müssen Unternehmen in der Kurier-Express-Paket-Branche (KEP) besondere logistische Konzepte anwenden, so Ralf Bogdanski. Die Räder haben nur eine bestimmte Reichweite, können zum Nachladen der Pakete nicht in die Niederlassungen außerhalb der Innenstädte fahren. Dies würde auch viel zu lange dauern.

Deshalb müssen die Sendungen in einem Warenverteilzentrum zwischengelagert werden, einem sogenannten Mikrodepot. Dafür müssen in den Innenstädten Flächen zur Verfügung stehen. In München wurden im Rahmen eines Umweltprojektes solche Plätze zur Verfügung gestellt, die Ausnahmegenehmigungen dafür laufen 2020 aus. Auf Anfrage des BR hieß es seitens der Stadt München:

"Zentrale Lösungen stoßen auf große Flächenprobleme in Innenstädten. Daher bedarf es verteilter, dezentraler Lösungen auf geeignetem Privatgrund." Stellungnahme der Stadt München

KEP-Unternehmen müssen selbst Flächen für die Mikrodepots finden und Plätze zum Abstellen der Lastenräder. Das kostet neben einem erheblichen Zeitaufwand auch Geld. Eine Branche, in der jeder Cent umgedreht wird, reagiert daher eher zurückhaltend, sagt Ralf Bogdanski und fordert auch ein Umdenken bei Fördermitteln des Bundes. Anderenfalls würden umweltfreundliche Ansätze im Keim erstickt und die KEP-Unternehmen drängen wieder zurück auf die ohnehin schon überfüllten Straßen der Innenstädte.

Batterien lösen keine Verkehrsprobleme

Laut Technischer Hochschule Nürnberg werden mit der Investition in neue Antriebstechniken die immer größer werdenden Verkehrsprobleme nicht gelöst. Der Online-Handel wachse im zweistelligen Bereich, die Paketflut werde immer größer, daher müssten sich nicht nur Logistikunternehmen neu aufstellen, sondern auch die Kommunen.

Denn 70 Prozent des Zulieferverkehrs werden auch in Zukunft nötig sein, um größeres Stückgut oder Waren in die Stadt zu bringen. Der öffentliche Raum müsse mit Unterstützung einer geänderten Straßenverkehrsordnung neu verteilt werden. Es müsse in den Städten mehr Platz für Ladezonen geschaffen werden, überwacht durch die zuständigen Kontrollbehörden.

"Der Verbraucher, der im Internet bestellt, der darf sich auf der anderen Seite auch nicht wundern, wenn der öffentliche Raum für den ruhenden Verkehr knapper wird." Ralf Bogdanski, Technische Hochschule Nürnberg