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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Axel Heimken

In Bayern hat es in den vergangenen Monaten einen regelrechten Run auf Angelscheine gegeben

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Catch & Release-Fischerei: Tierquälerei oder nichts dabei?

In Corona-Zeiten ist Angeln zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung geworden. Das sogenannte Catch & Release-Fischen sorgt jedoch immer wieder für große Diskussionen. Hans Holler vom Fischereiverband Oberpfalz appelliert an die Vernunft der Angler.

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Von
  • Michael Wagner
  • BR24 Redaktion

Ein Mann in Tarnkleidung steht an Deck eines kleinen Motorboots. Mit beiden Händen umklammert er seine Angelrute - die biegt sich so stark durch, dass die Spitze bereits ins Wasser eintaucht. "Das ist ein brutal schwerer Fisch, ganz sicher", raunt ein anderer Mann, der an Deck steht und die Szene mit der Kamera dokumentiert, während zwei weitere Männer ihren Angler-Kumpel anfeuern.

Nach knapp acht Minuten Kampf taucht ein riesiger Wels auf. Zwei der Männer packen den Fisch am Unterkiefer, hieven den Koloss über die Kante ins Boot. Die Männer jubeln.

Ein Fisch nur fürs Foto

Knapp eine Million Klicks hat das dazugehörige YouTube-Video mit dem Titel "Waller 2,6 Meter am Po". Ähnliche Clips finden sich auf der Plattform zuhauf. Oft ist es immer das gleiche Muster: Männer auf der Jagd nach dem "Fang ihres Lebens". Hat ein Fisch angebissen, wird er ins Boot oder an Land gezogen. Es folgt – bitte lächeln – die Pose für die Kamera, danach wird der Fisch wieder ins Wasser gesetzt. Alles dokumentiert in einem extra Video.

Pandemie verstärkte Run auf Angelscheine

Durch die Corona-Pandemie entdeckten viele Menschen neue Hobbys für sich - darunter zum Beispiel das Angeln. In Bayern gab es in den vergangenen Monaten einen regelrechten Run auf Angelscheine. Doch der Freizeitsport ist kein Spiel.

Wer angelt, entscheidet grundsätzlich über Leben und Tod eines Tieres. Einen Fisch nach dem Angeln wieder ins Wasser zu werfen und ihn dadurch am Leben zu erhalten, erscheint zunächst einmal sehr nobel – tatsächlich ist das sogenannte "Catch & Release" in vielen Fällen aber nicht erlaubt.

Catch & Release ist potentielle Ordnungswidrigkeit

"Es ist eine gesetzliche Vorgabe, dass man einen Fisch nicht ohne weiteres zurücksetzen darf", sagt Hans Holler. Er ist Vorsitzender des Fischereiverbands Oberpfalz. "Es heißt, jeder gefangene Fisch, der nicht von einer Schonzeit oder durch ein Schonmaß geschützt ist, ist dem Gewässer zu entnehmen." Genau definiert wird das im Fischereigesetz. Die vollständige Liste der Fischarten in der Verordnung zur Ausführung des Bayerischen Fischereigesetzes (Paragraph 11, Satz 3, AVBayFiG) gibt es hier.

Der Wels - oft auch Waller genannt - fällt in Bayern unter kein Schonmaß und auch keine Schonfrist. Sprich: Wer einen Waller fängt, muss ihn entnehmen und waidgerecht töten. Wer das nicht tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit. In Italien, wo die Männer aus dem Video laut eigenen Angaben fischen, ist das anders. Dort ist, wie in den meisten anderen europäischen Ländern, Catch & Release erlaubt. Hierzulande gibt es aus Tierschutzgründen strenge Vorschriften.

Kontrovers diskutiert: Spüren Fische Schmerz?

Wird ein gefangener Fisch zum Beispiel mit trockenen Händen angefasst, oder windet sich, nachdem er an Land gezogen wurde, am Boden, kann es zu Verletzungen der Schleimhaut kommen. "Dann besteht die Gefahr, dass der Fisch, wenn er wieder zurückgesetzt wird, verpilzt und er langsam zugrunde geht", erklärt Holler vom Fischereiverband Oberpfalz.

Dazu kommt der minutenlange Drill, das Herausziehen des Fisches aus dem Wasser. Stress für den Fisch, aber auch Schmerzen? "Ja, hat er", sagt Holler. "Die Frage ist nur, wie lange. Da gehen die Meinungen der Fachleute kontrovers auseinander. Schwieriges Thema."

Tierschützer wegen Catch & Release alarmiert

Die Tierschutzorganisation PETA findet sehr deutliche Worte für das gezielte Fangen und wieder Zurücksetzen von Fischen: "Es ist inakzeptabel, wenn Fische für die Selbstdarstellung oder zu Wettbewerbszwecken als Spielzeug benutzt werden und wiederholt und massiv leiden müssen", heißt es in einem Statement. "Beim Catch & Release sind die Fische minuten- bis teils stundenlang Angst und Atemnot ausgesetzt, bevor man sie wieder ins Wasser setzt. Die Tiere sind oft verletzt und sterben an den Folgen." PETA erstattet deshalb Strafanzeige gegen Catch & Release-Fischer. Und das mit Erfolg.

Strafanzeige gegen Rapper

Im Jahr 2017 machte ein prominenter Fall von Catch & Release-Fischerei Schlagzeilen. Der Rostocker Rapper Materia hatte ein Video im Netz gepostet, das ihn beim nächtlichen Karpfen-Ansitzen dokumentiert. Darin zu sehen ist, wie der Rapper einen Karpfen fängt, mit dem Fisch posiert und ihn anschließend zurücksetzt. PETA erstattete Anzeige wegen Fischquälerei. Gegen Zahlung von 5.000 Euro an einen gemeinnützigen Verein wurde das Verfahren gegen den Rapper wegen möglichen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz schließlich eingestellt.

Aber statt Kritik gibt es in der Kommentarspalte unter Materias Video sogar von einigen Tipps fürs Catch & Release-Fischen - und auch jede Menge bewundernde Worte für den Rap-Star. Schuld und Unschuld – die Meinungen über Catch & Release-Fischen sind kontrovers, oft uneindeutig. "Offen gesprochen, gibt es wahrscheinlich keinen Angler, der nicht irgendeinen Fisch mal zurückgesetzt hat, den er eigentlich hätte entnehmen müssen", vermutet Holler.

Schwierige Kontrollmöglichkeiten

Fischervereine und Polizei kontrollieren einzelne Angler. Jemanden auf frischer Tat beim Catch & Release zu ertappen sei aber unwahrscheinlich, heißt es vom Polizeipräsidium Oberpfalz. Bei den Kontrollen handele es sich lediglich um "Momentaufnahmen". Was davor oder danach passiert, kann niemand wissen.

Waller entnehmen – Gewässer pflegen

Holler appelliert deshalb an die Eigenverantwortung der Angler und wirbt für den Beitritt in einen Angelverein. Dort lernten die Angler, ihre befischten Gewässer zu hegen und zu pflegen. Dazu gehöre eben auch, zu verstehen, wie wichtig es ist, groß gewachsene Waller zu entnehmen. Sie gefährden nämlich in so manchem Gewässer andere Fischpopulationen mit ihrem Fressverhalten. "So große Waller gehören einfach entnommen", sagt Holler, "und deswegen sollte man auch gezielt darauf fischen."

Bleibt noch die Frage zu klären: Wohin mit so einem Riesenfisch? "Selbst große kann man recht gut verwerten", findet Holler. "Es ist oft ein Irrglaube, dass man sagt, 'große Fische werden schlecht oder sind nicht mehr essbar'. Also ich hab andere Erfahrungen gemacht."

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