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Carsharing in Bayern: Viele Wege, ein Ziel | BR24

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Carsharing scheint vor allem zum Lebensgefühl von Großstädtern zu passen. Stimmt nur zum Teil. Denn auch in kleineren Städten, Stadtteilen und auf dem Land funktioniert das Autoteilen. Allerdings sieht das Angebot dort völlig anders aus.

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Carsharing in Bayern: Viele Wege, ein Ziel

Carsharing scheint vor allem zum Lebensgefühl von Großstädtern zu passen. Stimmt nur zum Teil. Denn auch in kleineren Städten, Stadtteilen und auf dem Land funktioniert das Autoteilen. Allerdings sieht das Angebot dort völlig anders aus.

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Carsharing boomt und ist mittlerweile in über 800 deutschen Städten und Gemeinden angekommen. Auch die Zahl der Nutzer steigt, hat der Bundesverband Carsharing gerade bekanntgegeben.

Wo Carsharing Verkehr und Umwelt entlastet

Aber Carsharing ist nicht gleich Carsharing. Großstädte werden verstärkt mit Carsharing-Fahrzeugen von Autoherstellern und Verleihfirmen geflutet. 13.400 solcher Free Floating Fahrzeuge ohne feste Station sind inzwischen deutschlandweit unterwegs und sorgen für zusätzlichen Verkehr, wie Studien zum Beispiel von der Unternehmensberatung Kearney belegen.

Das klassische Carsharing dagegen ist an feste Leihstationen gebunden und damit nicht ganz so bequem. Aber es funktioniert auch auf dem Land. Im besten Fall entlastet diese Art des Autoteilens Verkehr und Umwelt.

Die Überzeugungstäter: Autoteiler im Landkreis Ebersberg

"Wir wollen die Mobilität verändern", sagt Klaus Breindl aus dem Landkreis Ebersberg. Zusammen mit Gleichgesinnten hat er vor fast 30 Jahren die Autoteiler Vaterstetten gegründet.

"Der Verkehr ist die hässliche Schwester der Mobilität. Wir sind überzeugt, dass wir mit unserem Angebot genau in die richtige Richtung wirken." Klaus Breindl, Autoteiler Vaterstetten

Inzwischen gibt es in elf von 21 Gemeindem im Landkreis Ebersberg ein Carsharing-Angebot. Die insgesamt 60 Autos verschiedener Größen haben feste Stellplätze, zu denen die Autos zurückgebracht werden müssen.

Organisiert und betrieben wird das Angebot von Bürgern für Bürger. Breindl ist überzeugt, nur wenn sich die Leute selbst für die Sache einsetzen, dann hat das auch den nötigen "Drive".

Studie: Ein Carsharing-Pkw ersetzt sieben Privatautos

Nach einer Untersuchung des Bundesverbands Carsharing in Vaterstetten trägt das Angebot tatsächlich zur Verkehrswende bei. Demnach ersetzt ein Carsharing-Fahrzeug dort sieben Privatautos.

Nur eines haben die Autoteiler im Landkreis Ebersberg noch nicht: Elektrofahrzeuge. Zu viel Aufwand und Erklärungsbedarf, winkt Breindl ab. Dazu kämen die "Zwangspausen zum Aufladen".

Ein Punkt, den man im Landkreis Wundsiedel im Fichtelgebirge entspannter sieht.

Die Experimentiertfreudigen: Landkreis Wunsiedel hat Sponsoren

Eines von drei Fahrzeugen, die in Selb und Marktredwitz stationiert sind, ist ein E-Auto.

"Wir wollten den Bürgern zeigen, dass moderne Fortbewegungsmittel auch im ländlichen Raum möglich sind." Aleksandra Weigel, Landratsamt Wunsiedel

Die Zahlen der ersten sechs Monate hält sie für vielversprechend: 170 regelmäßige Nutzer in Selb und Marktredwitz, 44.000 gefahrene Kilometer, 2.500 Stunden Nutzungszeit. Ergibt eine Auslastung der Fahrzeuge von 47 Prozent.

Leisten können sich Selb und Marktredwitz das stationsbasierte Carsharing, weil sie ein besonderes Geschäftsmodell haben. Die Autos werden von Mikar, einem überregionalen Dienstleister, zur Verfügung gestellt.

Sponsoren übernehmen einen Teil der Kosten für die beiden Neunsitzer, die vor allem bei Vereinen beliebt sind und auch schon mal als Urlaubsauto gebucht werden. Und das Elektroauto finanziert sich über einen Dauernutzer: Die Stadt Marktredwitz nutzt es als Dienstwagen. An den Abenden und am Wochenende steht der Renault Zoe den Bürgern zur Verfügung, sagt Aleksandra Weigel.

Vielleicht wäre das auch eine Lösung für Ohlstadt im Landkreis Garmisch-Partenkirchen gewesen.

Die Draufzahler: Ohlstadt fährt Defizit ein

In Ohlstadt stand eineinhalb Jahre lang ein E-Auto direkt am Rathaus. Die örtliche Elektrizitätsgenossenschaft installierte eine Ladesäule, das Auto wurde von "Flinkster", dem Carsharing-Angebot der Deutschen Bahn, gestellt.

Am Anfang, so der Bürgermeister von Ohlstadt, sei das Interesse an einer Testfahrt im E-Auto groß gewesen. "Leider war es jedoch ein zu kleiner Kreis", schreibt uns Christian Scheuerer per Mail. Im Mai 2018 wurde das Carsharing-Abenteuer mit einem - wie der Bürgermeister einräumt - "beachtlichen Defizit" beendet.

Die Versorger: Flatrate-Carsharing in Augsburg

In Augsburg ist Carsharing Teil des öffentlichen Nahverkehrs und wird von den Stadtwerken angeboten. Die 135 Fahrzeuge an 80 festen Standplätzen werden sogar stärker genutzt als ursprünglich erwartet. Das Angebot soll deshalb rasch weiter ausgebaut werden, sagt Pressesprecher Jürgen Fergg.

Bezahlt wird nach Zeit und Kilometer. Wer die neue Mobil-Flat hat, kann für einen festen Monatsbetrag neben Tram, Bus und Leihrad auch Carsharing nutzen. Das soll Privatautos oder zumindest den Zweitwagen überflüssig machen, erhoffen sich die Stadtwerke.

Die Genossenschaftler: Stattautos in der Tiefgarage

Christian Stupka ist Vorsitzender der genossenschaftlichen Immobilienagentur in München und weiß, wie man Carsharing für Mieter organisiert.

"Eine Wohnungsgesellschaft, die Leerstand in Tiefgaragen hat, kann sich an Stattauto wenden und sagen: Habt ihr Interesse?" Christian Stupka, GIMA

Stattauto gehört zu einem gemeinnützigen Unternehmen und bietet vor allem in München und dem Umland 450 Fahrzeuge an festen Stationen an. Eine davon befindet sich in der Tiefgarage der Wogeno-Wohnanlage am Reinmarplatz im Münchner Westen.

Nutzer zahlen eine Grundgebühr, eine Leihgebühr und Kilometergeld. Benzin ist inklusive. Gebucht wird über ein elektronisches System am Computer. Auch Nachbarn, die nicht in der Wohnanlage leben, können die fünf Fahrzeuge von Stattauto nutzen, sofern sie bei dem Anbieter registriert sind.

Engagierte Bewohner kümmern sich um Carsharing

Ulrich Dopheide engagiert sich in der Wogeno-Wohnanlage und ist auch in der Arbeitsgruppe Mobilität aktiv. Das Mobilitätskonzept dort sei ein "Volltreffer" sagt er - E-Bikes, Lastenräder, eine übertragbare Isar-Card für den öffentlichen Nahverkehr, direkt vor der Tür Tram und U-Bahn. Dazu die Carsharing-Autos, die Dopheide auch selbst ab und zu nutzt, wenn er an Orte muss, wo kein öffentliches Verkehrsmittel hinführt. Ein Privatauto hat Dopheide nicht, so wie viele Bewohner hier.

Wenn das Benzin aus ist, ruft Dopheide schon mal bei Stattauto durch. Oder erklärt anderen Bewohnern, wie sie die Räder und Autos der Anlage nutzen können. Ohne Menschen wie Ulrich Dopheide ginge es nicht, sagt Genossenschaftler Stupka.

"Da braucht´s engagierte Bewohnerinnen und Bewohner, die sagen: Wir übernehmen einen Teil der Organisation." Christian Stupka, Genossenschaftsagentur GIMA

Erfolgreiches Mobilitätskonzept: Räder, Isarcard, Carsharing

Das Mobilitätskonzept der Wogeno-Wohnanlage ist ein Erfolgskonzept, sagt Stupka. Normalerweise habe rein rechnerisch jeder Münchner Haushalt ein Auto – am Stadtrand sind es tendenziell mehr als in der Innenstadt.

Hier in der Wohnanlage im Münchner Westen gibt es nicht einmal 20 Autos in 50 Haushalten. Eine ganze Reihe von Bewohnern, erzählt Stupka, habe bald nach dem Einzug das eigene Auto abgeschafft.