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Lehrer: Angst bremst rechtzeitige Therapien aus | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Heiko Wolfraum

Die Corona-Pandemie trifft besonders diejenigen, die schon vor der Pandemie psychisch belastet waren, etwa die Berufsgruppe der Lehrer. Jede vierte Lehrkraft ist laut einer Studie aktuell Burn-out-gefährdet.

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Lehrer: Angst bremst rechtzeitige Therapien aus

Die Corona-Pandemie trifft besonders diejenigen, die schon vor der Pandemie psychisch belastet waren, etwa die Berufsgruppe der Lehrer. Jede vierte Lehrkraft ist aktuell Burn-out-gefährdet, laut einer DAK-Studie zur Lehrergesundheit in Corona-Zeiten.

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  • Astrid Uhr

Offen über psychische Erkrankungen reden - schnell eine Therapie in Anspruch nehmen: Das empfehlen Psychotherapeuten. Denn immer mehr Menschen in Deutschland sind psychisch krank. Je früher eine psychische Erkrankung behandelt wird, umso besser sind die Chancen auf Heilung. Aber viele Lehrer lehnen eine Therapie ab: Die Älteren schämen sich, die Jungen fürchten, nach einer Psychotherapie nicht mehr verbeamtet zu werden.

Lehrer als Traumberuf – trotzdem Burn-out

"Ich bin wahnsinnig gerne Lehrerin, das ist mein Traumberuf", sagt Barbara, die anonym bleiben möchte. Sie will ihren Schülern immer gut vorbereiteten Unterricht bieten. Zusätzlich hat sie noch drei Funktionsaufgaben übernommen. Dazu gehört die Unterstufenbetreuung. Mit den Berufsjahren wurde ihre Zeit dadurch immer knapper. "Irgendwann habe ich Gespräche im Lehrerzimmer vermieden, um Zeit zu sparen." Damals merkte sie schon ihre psychische Anspannung und wandte sich an den Schulleiter. Doch der lehnte eine Entlastung ab, wegen Personalmangel.

"Irgendwann stand ich heulend in der Schule, alles war zu viel." Barbara (anonym)

Mit Ende 40 beginnt Barbara eine stationäre Therapie, zwei Monate lang ist sie in der Klinik, danach wird sie ambulant begleitet und kehrt zurück an ihren Arbeitsplatz. Heute weiß sie: Ihr Burn-out hat viele Gründe. Schon viel früher hätte sie sich psychotherapeutische Hilfe holen sollen. Zu groß war die Scham gegenüber sich selbst und den anderen. "Wenn ich wegen Krankheit ausfalle, dann müssen Kollegen meine Stunden übernehmen." Das belastet sie bis heute.

Psychotherapeuten: Frühe Therapie wichtig

Dr. Anke Pielsticker von der Bayerischen Psychotherapeuten-Kammer (PTK) berät seit 15 Jahren Lehrerinnen und Lehrer bei psychischen Problemen. Sie arbeitet u.a. im Auftrag des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (BLLV). Ihre Erfahrung: Lehrer suchen selten Hilfe.

"Sie kommen meist viel zu spät in die Beratung, wenn sie schon dauerhaft überlastet sind und ausgeprägte Symptome zeigen." Dr. Anke Pielsticker, Psychotherapeutin

Das können Anzeichen auf psychischer und körperlicher Ebene sein, wie z.B. Depressionen, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Migräne, häufig auch Tinnitus. Lehrern, die bei ihr in der Beratung sind, fehle häufig die Distanz zum Job. Dies sei aber umso schwerer, weil der Lehrerberuf durch Beziehung geprägt ist, zu den Schülern, Eltern, Kollegen, Chefs. "Von allen Seiten steigen die Ansprüche", meint Anke Pielsticker. Viele Lehrer fühlten sich überfordert. Die Corona-Pandemie, die parallel zum Lehrer-Mangel kam, bedeute mit Distanzunterricht und Digitalisierung eine zusätzliche Herausforderung. Dabei stehe längst fest: Wer sich rechtzeitig diagnostizieren lässt und eine Therapie beginnt, der kann oft eine schwere Erkrankung vermeiden.

Verhindert Psychotherapie eine Verbeamtung?

Junge Menschen, die für das Lehramt studieren, oder eine andere Ausbildung für einen Beruf im Staatsdienst begonnen haben, haben oft Angst, nach einer Psychotherapie nicht mehr verbeamtet zu werden. Diese Ängste tauchen seit vielen Jahren immer wieder auf, vor allem in Studenten-Beratungen und Chatforen. Für Psychotherapeutin Anke Pielsticker begründete Ängste.

"Es gab in der Vergangenheit tatsächlich auch Erfahrungen, dass Junglehrer mit psychischen Erkrankungen nicht verbeamtet worden sind." Dr. Anke Pielsticker, Psychotherapeutin

Denn wer verbeamtet werden will, der muss sich am Gesundheitsamt untersuchen lassen. Der Amtsarzt soll dabei herausfinden, ob der Studierende zum Zeitpunkt der Untersuchung aus medizinischer Sicht für die Beamtentätigkeit geeignet ist. Um das einschätzen zu können, trifft er eine Prognose, auf der die Empfehlung für die Verbeamtung basiert. Grundlage für die Prognose ist einerseits die medizinische Untersuchung beim Amtsarzt und andererseits die bisherige Krankengeschichte des Bewerbers. Auf dem Anamnesebogen, also dem Vorerkrankungs-Bogen, muss der Anwärter seine Vorerkrankungen angeben, wie z.B. auch Asthma, Diabetes, oder Übergewicht, aber auch eben psychische Vorerkrankungen, die eventuell ein Hinderungsgrund für eine Verbeamtung sein können.

Amtsärztlicher Dienst warnt vor Panikmache

Pauschalisierungen in dieser Diskussion lehnt der Münchner Amtsarzt Dr. Klaus Schroeer ab. Der Fachausschusssprecher vom Bundesverband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) betont, dass jede Krankheitsgeschichte individuell untersucht werde: "Wir unterscheiden sehr genau die Ursachen für eine Psychotherapie."

Wenn jemand wegen äußerer Umstände wie etwa Tod der Eltern eine Depression erlitt, dann sei nach erfolgter Psychotherapie davon auszugehen, dass die Krankheit ausreichend behandelt worden sei. Einer Verbeamtung stünde dann nichts mehr im Wege. Anders sei es dagegen, wenn es sich um eine "wertige Krankheit", wie beispielsweise eine Schizophrenie handele. Der Anwärter wäre dann aus gesundheitlichen Gründen auf keinen Fall als Waffenträger geeignet (Polizist, Förster, Zöllner). Lehrer oder Verwaltungsbeamte könnten noch den "Schwerbehindertenstatus" beantragen.

Einzelfall-Betrachtung entscheidet über Verbeamtung

Um die Wertigkeit einer psychischen Krankheit richtig einzuordnen, sei es wichtig, die Art der Erkrankung in einem fachärztlichen Bericht samt Diagnose und Verlauf auszuführen. Oft würden den Amtsärzten keine qualitätsgesicherten Angaben vorliegen, sondern nur einfache Atteste. Die kassenärztliche Zulassung des ausstellenden Arztes, Psychotherapeuten, Psychologen sei wichtig. Wie vielen Personen aufgrund gesundheitlicher Gründe die Eignung für das Beamtenverhältnis in den letzten zehn Jahren untersagt wurde, darüber führt das Kultusministerium nach eigenen Angaben keine Statistik.

Offener Umgang mit psychischen Erkrankungen wichtig

Weniger Stigmatisierungen, mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Symptomen, das würde langfristig großes seelisches Leid verhindern.

"Es sollte ein Stück weit Normalität sein, dass bei Bedarf kurzzeitig psychotherapeutische Behandlungen in Anspruch genommen werden", wünscht sich Anke Pielsticker von der Bayerischen Psychotherapeutenkammer. Die Gesundheit geht vor, sagt auch der Bayerische Philologenverband (bpv). "Das wichtigste ist, dass jeder Erkrankte die Behandlung bekommt, die er braucht", betont bpv-Sprecher Benedikt Karl. Langfristig könne es sich der Staat nicht leisten, dass seine Angestellten im Krankheitsfall nicht rechtzeitig Therapien in Anspruch nehmen würden.

Mehr Gesundheitsprävention an Schulen

Noch schöner wäre es, wenn es gar nicht erst bis zum Burn-out kommen würde, meint Pielsticker. Deswegen sollten auch an jeder Schule vor Ort mehr Gesundheitsprävention stattfinden: Coaching-Gruppen für Lehrer, regelmäßige Supervisionen innerhalb des Schulalltages, um Beruf und Privatleben stärker zu trennen.

Lehrerin Barbara, die ihr Burn-out bereits hinter sich hat, würde sich vor allem ein offenes Ohr ihrer Schulleitung wünschen und auch Entlastungsmöglichkeiten seitens des Kultusministeriums, etwa durch mehr Personal. Auf Nachfrage verweist das Kultusministerium auf die steigende Beschäftigung von Schulpsychologen an bayerischen Schulen. Außerdem sei ein neues Arbeitsmedizinisches Institut für Schulen (AMIS-Bayern) gerade im Aufbau, welches u.a. arbeitspsychologische Beratungen an Schulen durchführen soll. Florian Kohl von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wünscht sich vor allem eines: Dass der Lehrerberuf mehr Wertschätzung erfährt - da wäre schon vielen geholfen.

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