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Kanzlerkandidatur: Warum Söder das Rennen lange offenhalten will | BR24

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Archivbild: Armin Laschet (CDU) steht in einem Studio in Köln, während CSU-Chef Markus Söder zugeschaltet ist.

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    Kanzlerkandidatur: Warum Söder das Rennen lange offenhalten will

    In der Debatte über den Unions-Kanzlerkandidaten schlägt die CSU neue Töne an. Es gebe definitiv keine Vorentscheidung, sagt Generalsekretär Blume und sieht "Rückenwind" für Söder. Auch der CSU-Chef selbst hat die Stimmlage gewechselt. Eine Analyse.

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    Von
    • Petr Jerabek

    Es ist ein deutlicher Fingerzeig in Richtung CDU-Chef Armin Laschet: Sieben Monate vor der Bundestagswahl lässt CSU-Generalsekretär Markus Blume mit vergleichsweise forschen Aussagen zum Thema Unions-Kanzlerkandidat aufhorchen. Klar sei, dass es in dieser Frage "definitiv keine Vorentscheidung und auch keinen Automatismus" gebe, stellte Blume in der "Augsburger Allgemeinen" klar.

    Die Entscheidung werde "gemeinschaftlich" fallen. "Klar ist dabei: Ohne die CSU geht es nicht." Und Blume fügte vielsagend hinzu: "Uns sollten die besten Erfolgsaussichten leiten. Der Rückenwind für Markus Söder in bundesweiten Umfragen ist schon beachtlich."

    Söder in Umfragen klar vor Laschet

    Man braucht nicht allzu viel Fantasie, um in dieser Aussage eine Replik auf Laschets Äußerung von vor einer Woche zu sehen. Der CDU-Chef hatte im SWR darauf verwiesen, dass in der Geschichte der CDU "häufig die, die Vorsitzende waren, auch Bundeskanzler waren". Entschieden werde gemeinsam mit der CSU: "Wir nehmen den Besten, der die größten Erfolgsaussichten hat. Das ist doch klar. Das bemisst sich nicht nach Umfragen", betone Laschet - und holte zu längeren Ausführungen über mangelnde Aussagekraft von Umfragen aus. "Es ist schön, wenn sie gut sind, aber die Bürger haben schon noch ihre eigene Meinung. Und Umfragen schwanken auch gewaltig."

    In einem Punkt schwankten die Umfragen in den vergangenen Wochen und Monaten jedoch kaum: Egal, ob es um Zustimmungswerte für Politiker oder die Frage nach der Kanzlerkandidatur ging, und egal, welches Medium die Umfrage wo in Auftrag gegeben hatte - Söder lag jeweils deutlich vor Laschet. Zuletzt am Freitag im ZDF-Politbarometer: Demnach hat der CSU-Chef nach der Meinung von 53 Prozent der Befragten das Zeug zum Kanzler, Laschet kam nur auf 28 Prozent. Noch größer ist Söders Vorsprung auf Laschet unter den Unions-Anhängern: 74 zu 36 Prozent. Ende Januar hatte eine WDR-Umfrage sogar ergeben, dass auch in Nordrhein-Westfalen deutlich mehr Menschen Söder für einen guten Kanzlerkandidaten der Union halten als ihren Ministerpräsidenten Laschet.

    "Mein Platz ist in Bayern" war gestern

    Söder selbst hält sich weiter bedeckt. Nach wie vor erhebt er öffentlich keinen Anspruch auf die Kanzlerkandidatur. Gleichzeitig tut er aber wenig, um Spekulationen über seine Ambitionen zu beenden.

    Merklich geändert haben sich im Bundestagswahl 2021 Söders Antworten auf die Frage, ob er Kanzler werden möchte. Den Satz "Mein Platz ist in Bayern", den der CSU-Chef im vergangenen Jahr mantraartig in fast jedem Interview wiederholte, hat Söder hinter sich gelassen. In diesen Tagen verweist er vielmehr stets darauf, dass die Nominierung noch nicht anstehe. "Das wird dann entschieden, wenn es so weit ist." Jedenfalls schließt Söder eine Kandidatur nicht aus. Als ihn in dieser Woche beim "Bild"-Kindergipfel ein Mädchen fragte, ob er denn Chef von Deutschland werden wolle, versprach Söder, sich um die Zukunft der Schülerin zu kümmern - "so oder so".

    Strauß, Stoiber, Söder und das Kanzleramt

    Beim digitalen politischen Aschermittwoch vor zehn Tagen sprach Söder aus einem CSU-Wohnzimmer in die Kameras - einer "mit subtilen Botschaften vollgestopfte Komödienstadel-Kulisse", wie es die "F.A.Z." formulierte. An der Wand hinter Söder hingen Fotos von Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber, eines rechts von Söder, das andere links. Die beiden Ex-Parteichefs sind Söders erklärte politische Vorbilder - und die bisher einzigen CSU-Politiker, die als Kanzlerkandidaten der Union in den Wahlkampf zogen. Auf dem Bücherregal an der Seite entdeckten aufmerksame Beobachter schnell einen Bildband über das Kanzleramt in Berlin.

    Konfliktpotenzial zwischen Laschet und Söder

    Laschet wurde als erster CDU-Chef für ein Grußwort zur Aschermittwochskundgebung der CSU zugeschaltet - und bemühte sich, mit einer Charme-Offensive bei der CSU-Basis Sympathiepunkte zu sammeln: mit Lob für Strauß, Söder und die CSU überhaupt. Söder dagegen lobte kurz darauf nicht Laschet, sondern Kanzlerin Merkel für ihren Mut im Kampf gegen Corona. Einen Kampf, in dem Söder meist an Merkels Seite stand, während Laschet sich das eine oder andere Mal davon distanzierte. Mit Blick auf die Bundestagswahl sagte Söder in diesem Zusammenhang: "Jeder, der meint, Merkel-Stimmen im September zu bekommen, der muss wissen: Merkel-Stimmen gibt's nur mit Merkel-Politik."

    Es war eine Retourkutsche in Richtung Laschet, der kurz zuvor den scharfen Lockdown-Kurs von Merkel, Söder und Co. kritisiert hatte. "Populär ist, alles verbieten, streng sein, die Bürger behandeln wie unmündige Kinder", sagte der CDU-Chef. So sehr Söder und Laschet auch die Harmonie zwischen den Schwesterparteien beschwören - Konfliktpotential gibt es durchaus.

    Söder und das neue Bayern

    Dass es bisher nie ein CSU-Politiker auf den Chefsessel im Kanzleramt geschafft hat, wird vielfach auch auf die politische Skepsis gegenüber Bayern im restlichen Bundesgebiet zurückgeführt. Söder selbst sprach in diesem Zusammenhang öfter von der Sorge vieler, "aus dem Hofbräuhaus regiert zu werden".

    Im Interview mit den Redaktionsnetzwerk Deutschland ließt der CSU-Chef in dieser Woche erkennen, dass er diese Vorbehalte ausräumen möchte: "Bayern hat sich inzwischen verändert, und viele alte Klischees gelten nicht mehr. Das 'Mir san mir' ist neu zu interpretieren", betonte der bayerische Ministerpräsident. Durch den Zuzug sei der Freistaat ein "Schmelztiegel an Weltoffenheit" geworden. "Zu unseren Kernthemen gehören Hightech und Digitalisierung, moderne Wirtschaft und der Klimaschutz."

    "Das erste Murren" in der CDU - Unruhe in der CSU

    Wenn nichts Überraschendes mehr passiert, analysierte die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich, werde Laschet Kanzlerkandidat der Union werden: "Auch weil er gerade alles dafür tut, dass sich niemand von Rang in der CDU findet, der nach Söder ruft." In der Tat war es in dieser Hinsicht zuletzt ruhig in den Reihen der Christdemokraten. Fakt ist aber auch: Im vergangenen Jahr aber gab es durchaus ein paar solcher Rufe. Und - je nachdem, wie sich die Lage in den nächsten Wochen entwickelt, könnte es sie wieder geben.

    Die "Rheinische Post" konstatierte vor wenigen Tagen, die CDU habe sich an ihren neuen Chef einen Monat nach dessen Amtsantritt gewöhnt - ein Laschet-Effekt sei aber bisher ausgeblieben. Laut dpa wird in der CDU hinter vorgehaltener Hand bereits "das erste Murren" laut, dass Laschet bundesweit medial relativ wenig präsent sei und zu oft Söder das Feld überlasse. Es war gerade in der vergangenen Woche einmal mehr Söder, der die öffentliche Corona-Debatte prägte wie kaum ein anderer.

    Andererseits sah sich der CSU-Chef zuletzt damit konfrontiert, dass sich innerhalb seiner eigenen Partei Unruhe und kritische Stimmen mehrten. Wie in der bayerischen Bevölkerung gibt es auch innerhalb der CSU zwar noch viel Zustimmung zu Söders Corona-Kurs - aber sie bröckelt.

    Söder hat keine Eile

    Nach Meinung vieler Beobachter würde sich der CSU-Chef auf eine Kanzlerkandidatur nur dann einlassen, wenn ihn die CDU entschieden genug darum bitten würde und zugleich die Erfolgsaussichten für die Bundestagswahl groß genug wären. So kommt es Söder derzeit entgegen, dass Laschet es nicht eilig hat mit der Kandidatenkür. Die CDU hat im Vergleich zur CSU zwar deutlich mehr Gewicht - solange die Umfragewerte so eindeutig für Söder sprechen, sitzt er Laschet aber zumindest im Nacken.

    Beide Parteichefs haben sich auf das recht große Zeitfenster "zwischen Ostern und Pfingsten" verständigt, um die wichtige Personalie zu klären. "Wahrscheinlich eher später als früher", sagte Söder dazu. "Das ist auch klug. Erst gibt es die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, und danach muss man die strategische Situation analysieren und gemeinsam abwägen." Und Blume prognostiziert: "Die Personalentscheidung und der ganze Wahlkampf werden sich auf die letzten drei bis vier Monate vor der Wahl konzentrieren." Deutschland sei wegen Corona "noch nicht bereit für Wahlkampf".

    Söder hat in den vergangenen Jahren mehrfach die Erfahrung gemacht, dass sich Geduld und langer Atem für ihn politisch auszahlen. Das war bei seinem Aufstieg zum Ministerpräsidenten und CSU-Chef der Fall, aber auch bei seiner Wandlung vom unbeliebtesten deutschen Regierungschef zum Umfragekönig. Und das kann auch im unionsinternen Wettstreit mit Laschet zumindest nicht schaden.

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