Der eingestürzte Teil der neugebauten Schraudenbachbrücke bei Werneck
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Der eingestürzte Teil der neugebauten Schraudenbachbrücke bei Werneck

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Brückenbauunglück: Gutachter belastet alle vier Angeklagten

Ein Gutachter hat im Prozess um die Schuldfrage beim A7-Brückenbauunglück nahe Schraudenbach im Juni 2016 ausgesagt. Der Experte belastet sowohl den angeklagten Statiker, als auch die drei angeklagten Prüfingenieure.

Im Prozess um das A7-Brückenbauunglück nahe Schraudenbach vor sechseinhalb Jahren hat am Mittwoch der vom Gericht bestellte Gutachter vor dem Landgericht Schweinfurt ausgesagt. Der Gutachter Johann Kollegger von der Universität Wien belastete sowohl den angeklagten Statiker, als auch die drei angeklagten Prüfingenieure.

Sachverständiger: Mangelnde Kontrollen auf der Baustelle

Laut Kollegger hat "der fragilste Teil des Traggerüsts nur ein Drittel der nötigen Traglast gehalten". Allerdings habe er für die Statik keine Berechnungsnachweise erhalten und könne daher auch nicht sagen, "was da angestellt wurde". Den Prüfingenieuren attestiert der Gutachter, dass sie sich Pläne nicht angesehen hätten. Zudem habe kein Prüfgespräch zwischen den beauftragten Prüfingenieuren und ihren zum Teil beigeordneten Mitarbeitern stattgefunden. Der Sachverständige sagte wörtlich: "Wenn es keinen Besprechungsnachweis gibt, kann man auch nicht sagen, was da angestellt worden ist."

Der Verteidiger eines 59-Jährigen, angeklagten Ingenieurs sprach hingegen von "Pfusch am Bau, und zwar eklatant". Seinen Angaben zufolge wurde das Traggerüst abweichend von den Ausführungszeichnungen aufgebaut, Schrauben und Verbindungen fehlten. Der Gutachter bestätigte in seiner mehrstündigen Ausführung, dass es Abweichungen von den Plänen und dem letztlich gebauten Gerüst gegeben habe. Die fehlenden Schraubverbindungen etwa hätten aber keinen Einfluss auf die Traglast des Stahlgerüstes gehabt.

Fotos zeigen, wie sich das Gerüst verformt

Vor dem Einsturz entstandene Fotos zeigen, dass es 13 Minuten vor der Katastrophe Verformungen bei vertikalen Streben des Traggerüsts gab. Auf dem Gerüst wurden rund 1.500 Tonnen Beton für ein neues Brückensegment ausgebracht. Es gibt laut dem Gutachter keine Hinweise, ob das Traggerüst während des Betonier-Vorgangs dauerhaft überprüft und mit Messungen auf mögliche Verformungen überwacht wurde. Auf Bildern kurz vor der Katastrophe seien Verformungen an vertikalen Streben in etwa sieben Metern Höhe des Traggerüstes zu sehen gewesen.

Ein Bauarbeiter stirbt, 14 werden teils schwerstverletzt

Das Traggerüst kollabierte am Nachmittag des 15. Juni 2016. Um 15.52 Uhr ging bei der Integrierten Leitstelle der erste Notruf ein. Bei dem Unglück stürzten 15 Bauarbeiter rund 22 Meter in die Tiefe. Ein 38-jähriger kroatischer Bauarbeiter starb bei dem Unglück. 14 seiner Kollegen wurden dabei zum Teil schwerstverletzt. Sieben von ihnen schilderten am Dienstag als Zeugen, dass sie seitdem vielfach nicht mehr arbeiten können und nur von einer Rente von rund 300 Euro leben.

Mancher von ihnen sei komplett ohne Einkünfte. Nach unter anderem erlittenen zum Teil vielfachen Brüchen und inneren Verletzungen klagen die Betroffenen vielfach auch über zum Teil bis heute bestehende schwere Schmerzen. Die Männer sind auch psychisch angegriffen. Einer von ihnen erlitt Jahre später eine Panikattacke mit Herzrasen.

Angeklagten wird fahrlässige Tötung und Körperverletzung vorgeworfen

Seit gut einer Woche müssen sich vor dem Landgericht vier Männer wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Darunter ein Bauingenieur, der die statischen Berechnungen angestellt haben soll und drei Prüfingenieure. Die Angeklagten sind 49, 51, 59 und 65 Jahre alt. Insgesamt sind bis Anfang April zwölf Verhandlungstage angesetzt. Die Vorsitzende Richterin hat angedeutet, dass mit weiteren Prozesstagen darüber hinaus zu rechnen sei.

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