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Brand im jüdischen Altenheim: Erfolglose Suche nach einem Mörder | BR24

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Vor 50 Jahren zündeten Unbekannte ein jüdisches Altenheim in München an. Sieben Menschen starben. Trotz intensiver Ermittlungen konnte ein Täter nie gefunden werden. Warum?

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Brand im jüdischen Altenheim: Erfolglose Suche nach einem Mörder

Vor 50 Jahren zündeten Unbekannte ein jüdisches Altenheim in München an. Sieben Menschen starben. Trotz intensiver Ermittlungen konnte ein Täter nie gefunden werden. Warum?

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Sara Elasari-Gruß steht im Eingang der Reichenbachstraße 27. Er wirkt wie eine düstere Höhle. Die eine Wand dunkel gestrichen, die andere in grauem Stein gehalten. "Es passt farblich", meint sie. "Diese graue Farbe, dieses Feuer. Die Asche, die geblieben ist."

Rücksprung: Freitag, 13. Februar 1970. Viertel vor neun abends. Ein Unbekannter betritt das Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Münchner Reichenbachstraße. Er oder sie fährt mit dem Aufzug in den vierten Stock, verschüttet auf den Holztreppen abwärts 20 Liter Benzin und zündet es unten an. Das Feuer verbreitet sich rasant. Sechs Menschen verbrennen in den oberen Stockwerken, ein 71-jähriger Bewohner springt in den Tod. Sara Elasari-Gruß lebte als Studentin in dem jüdischen Wohnheim. Die Flucht auf das Dach rettet ihr das Leben. "Dann habe ich kurz vor dem Fenster vom damaligen Hausmeister die Spitze einer der Feuerwehrleitern entdeckt und gesehen: Da kommst du runter!"

Die einzige Spur: ein Aral-Kanister

Beim Löschen bemerken Feuerwehrleute im Erdgeschoss Benzingeruch. Im Schutt findet die Polizei das Tatwerkzeug: Einen 20-Liter Aral-Kanister, der offenbar zur Tarnung in Packpapier eingewickelt gewesen ist. Es ist die einzige Spur. Keine Fingerabdrücke, keine Zeugen. Der Sabbat war an dem Freitagabend längst angebrochen - auf den Fluren des Wohnheims war zu diesem Zeitpunkt nichts los. Die Eingangstür wurde aber immer erst nach 22 Uhr abgeschlossen. War die Tatzeit sorgfältig ausgespäht oder reiner Zufall?

"Ich habe damals sofort daran gedacht: Moment mal, wer wusste, dass das eine Holztreppe ist? Wer hat den Gedanken gehabt, Benzin auszuschütten? Das sind ja alles Vorbereitungen! Das sind ja keine spontanen Entscheidungen. Und wer wusste, dass die Tür nicht zugesperrt ist?" Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München

Die Bundesregierung, der Freistaat, die Stadt München und der Axel-Springer-Verlag lobten eine Belohnung von 100.000 DM für Hinweise aus. 10.000 Plakate mit dem gefundenen Kanister wurden gedruckt. Trotzdem gab es nur wenige konkrete Hinweise aus der Bevölkerung. Die Polizei löste die 80-köpfige Sonderkommission bereits im April wieder auf. Dabei verfolgten die Ermittler Spuren in alle Richtungen: Suchten einen unbekannten Kanadier, der das Gebet in der Synagoge an jenem Freitag besuchte und anderen durch seine Unbeholfenheit auffiel. Außerdem einen nervösen Fahrgast, der am Freitagabend mit dem Taxi schnell vom Tatort wegfahren wollte. Es gab Ermittlungen zu belastenden Briefen aus der bayerischen NPD, die sich später als Fälschung herausstellten.

Polizei sucht bei Linksextremen

Auch in der linksextremen Szene suchte die Polizei. Und hier glaubte die Staatsanwaltschaft München im Jahr 2012 noch die heißeste Spur zu finden. Ein junger Mann, der 1970 von einem anonymen Anrufer bezichtigt worden war, Besitzer jenes Tat-Kanisters gewesen zu sein. Er hatte kein Alibi und Kontakt zu Aktivisten um Fritz Teufel. Jenem Kommunarden, der hinter der Gruppe "Tupamaros München" vermutet wurde, die man für mehrere Brandanschläge im Stadtgebiet verantwortlich machte.

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar hat die Indizien dieser Verbindungen detailliert nachrecherchiert. So soll sich die spätere RAF-Terroristin Gudrun Ensslin laut Dokumenten des Bundeskriminalamts erbost über die "Arschlöcher", die den Brandanschlag verübt hatten, geäußert haben. Es sei gut, dass der Anschlag in der Reichenbachstraße den Neonazis untergeschoben wurde. Für den Ohrenzeugen dieses Wutausbruchs war das ein Hinweis darauf, dass Ensslin wusste, wer den Anschlag durchgeführt hatte. "Das ist die einzige Äußerung, die sich aus dem Bereich des Linksextremismus über die möglichen Täter für diesen Brandanschlag dokumentarisch belegen lässt", sagt Kraushaar.

Spuren sind mittlerweile vernichtet

Allerdings kamen Polizei und Staatsanwaltschaft nie über einen Anfangsverdacht hinaus. 2017 stellte die Bundesanwaltschaft erneute Ermittlungen ein. Anklagen wurden nie erhoben – gegen keinen der Verdächtigen. Möglicherweise könnten heute DNA-Spuren auf den Asservaten gefunden werden, die neue Ermittlungen ermöglichen würden. Mord verjährt nicht. Aber der Original-Kanister wurde vernichtet und Klebestreifen mit Spuren sind nicht mehr auffindbar. Möglicherweise können deshalb die Täter zu Lebzeiten nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden.

Vogel erkundigte sich zu Ermittlungen

Die Israelitische Kultusgemeinde hat das Haus nach dem Brand neu aufgebaut. Es wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den Altbaufassaden in der Reichenbachstraße. "Ich habe einen furchtbaren Ärger", sagt Sara Elasari-Gruß im dunkelgrauen Eingangsbereich, "dass nie richtig geforscht worden und recherchiert worden ist, wer der Täter sein kann." Der damalige Münchner Oberbürgermeister und spätere Justizminister Hans-Jochen Vogel (SPD) zweifelt dagegen nicht an der Polizei. Die Ermittlungen? "Da muss ich sagen, die waren sehr ernsthaft", meint er. Als Justizminister habe er sich immer wieder zum Fortgang erkundigt. "Ich hätte gerne eine klare Antwort gehabt. Aber die kam nicht. Nicht bis zum Ende meiner Amtszeit im Juni '72 und auch nicht in den Jahrzehnten danach."

Aufgeklärt werden könnte dieses Attentat wohl dann, wenn Täter oder Mitwisser - die durchaus heute noch leben könnten - ihr Schweigen brechen. Bis heute ist das aber nicht geschehen.