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Penzberger Mordnacht - Schüler-Gespräch mit Steinmeier

Am 28. April 1945 haben die Nazis im bayerischen Penzberg einen Massenmord verübt. BR24 überträgt am Gedenktag der "Penzberger Mordnacht" eine Diskussion von Bundespräsident Steinmeier mit Schülern.

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Von
  • Thies Marsen

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs erheben sich überall in Oberbayern Frauen und Männer gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Doch die Nazis schlagen blutig zurück – am blutigsten in der Bergarbeiterstadt Penzberg. 16 Männer und Frauen, darunter eine Schwangere, werden erschossen oder aufgehängt.

Anlässlich der Penzberger Mordnacht diskutieren heute Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seine Frau mit Penzberger Schülern über die damaligen Geschehnisse - BR24 überträgt jetzt live.

Was ist in der Penzberger Mordnacht passiert?

Es ist der 28. April 1945. Truppen der US-Armee haben weite Teile Bayerns bereits befreit, der Machtbereich der Nazis ist zusammengeschrumpft auf den sogenannten Traditionsgau München-Oberbayern. In den frühen Morgenstunden erobern in München aufständische Soldaten, die zur Freiheitsaktion Bayern (FAB) gehören, Sendemasten und fordern per Radio die Bevölkerung zum Aufstand auf. Erich Biersack ist damals 25 Jahre alt. Später erinnert er sich: "In der Früh, da hat es schon geheißen: Freiheitsaktion Bayern. Und die Amerikaner waren ja schon 30 Kilometer vor Penzberg gestanden. Man hat gewusst, der Krieg ist zu Ende."

Hitler wollte Penzberger Kohlemine sprengen

Auch Erich Biersacks Onkel Franz hört frühmorgens die Radiodurchsagen der FAB. Gemeinsam mit dem ehemaligen SPD-Bürgermeister Hans Rummer eilt er zum Penzberger Kohlebergwerk. Denn sie befürchten, dass die Nazis auch in Penzberg Hitlers sogenannten "Nerobefehl" umsetzen und die Kohlemine sprengen wollen – mitsamt den rund 500 Bergleuten, die um diese Uhrzeit noch unter Tage sind.

In Verhandlung mit der Werksleitung erreichen sie zunächst, dass die Arbeiter aus dem Schacht geholt werden und eine Sprengung unterbleibt. Danach machen sie sich auf zu den Lagern für französische und russische Kriegsgefangene, um auch deren Schutz zu gewährleisten – und anschließend ins Rathaus, wo sie den Nazibürgermeister nach Hause schicken. "Die haben ihm nichts getan", betont Erich Biersack. "Die haben ihm gesagt: Geh! Wir wollen dich nicht mehr haben, wir übernehmen das."

Penzberg: Rote Hochburg im Oberland

Die junge Bergarbeiterstadt Penzberg ist vor 1933 eine rote Hochburg im katholisch-konservativen Oberland. Und auch während der Naziherrschaft gibt es unter den Bergleuten weiterhin viele Sozialdemokraten und Kommunisten. Dementsprechend verhasst ist Penzberg bei den Nazis, dementsprechend blutig wird ihre Rache. Die Radiodurchsage der Freiheitsaktion elektrisiert viele Penzberger. Sie strömen zum Rathaus, wo Altbürgermeister Rummer und seine Mitstreiter versuchen, die friedliche Übergabe der Stadt an die US-Armee vorzubereiten. Doch währenddessen umstellt ein Wehrmachtsregiment unter Oberstleutnant Berthold Ohm das Rathaus.

Niemand darf mehr hinaus. Unter den Eingeschlossenen ist auch der frühere KPD-Stadtrat Rupert Höck. Seine Tochter Maria Wallertshauser erinnert sich Jahrzehnte später: "Ich bin am Vormittag auf die Gemeinde. Ich habe eine Flasche Tee mitgenommen, ein paar Wurstsemmeln und ein paar Brote. Ich hab da geklopft an der Tür, da sind auch SS-Leute dringesessen, Füße auf dem Schreibtisch. Dann hab ich gesagt: Ich möchte meinem Vater etwas bringen. Dann hat er gesagt: Geh heim, es ist gescheiter du gehst heim."

Wehrmachts-Offizier als williger Vollstrecker

Unterdessen ist Oberstleutnant Ohm unterwegs nach München, um sich Instruktionen vom oberbayerischen Gauleiter Paul Giesler zu holen. Der erteilt ihm die Vollmacht, Todesurteile zu verhängen. Kaum zurück in Penzberg, schreitet Ohm zur Tat. Sieben Männer, unter ihnen Altbürgermeister Hans Rummer, werden abgeführt und erschossen. Am Tatort in der Nähe des Sportplatzes an der Bichler Straße erinnert heute eine große Steinskulptur an den Mord – ein Mann mit entblößtem Oberkörper, die Hände hinter dem Kopf gefesselt.

Der Penzberger Peter Brunner hat 2002 einen Tatsachenroman über die Penzberger Mordnacht geschrieben. Titel: "Der Judas-Tag". Denn an den Verbrechen sind nicht nur Soldaten von auswärts beteiligt, sondern auch Penzberger Bürger, die ihre Kollegen und Nachbarn verraten und mithelfen, eine Schwarze Liste zu erstellen. Eine Volkssturm-Einheit unter dem fanatischen Nazischriftsteller Hans Zöberlein, die sich selbst Werwolf nennt und von München aus nach Penzberg geschickt worden ist, rückt aus, um Kommunisten und Sozialdemokraten zu fangen und zu ermorden.

Zeitzeuge: "Der Werwolf hat geschossen"

"Der 28. April 45 war für mich als 14-jähriger ein Schlüsselerlebnis", so Peter Brunner. "Ich habe erlebt, wie der Werwolf nach Heinz, das ist ein Vorort von Penzberg, gefahren ist, um dort den Kommunisten Theo Faderl zu verhaften oder gleich aufzuhängen. Der Faderl Theo war aber nicht der Dümmste, er ist in die Wälder geflohen. Sie sind dann weiter in die Heimstättensiedlung und dann ging die Schießerei los. Der Werwolf hat geschossen, und die Kommunisten haben sich gewehrt."

Insgesamt acht Frauen und Männer, die auf der Schwarzen Liste stehen, werden von Zöberleins Leuten gefasst und gelyncht. Darunter auch Franz Biersack. Sein Neffe Erich hat noch verzweifelt versucht, ihn zu warnen: "Ich bin nachts zur Wohnung von meinem Onkel, hab da vorsichtig geklopft, aber er hat so tief geschlafen, dass er mich nicht gehört hat. Und so haben sie meinen Onkel dann in der Nacht aufgehängt und das war für mich viele Jahre hart, dass ich den nicht hab retten können."

Nazis hängen hochschwangere Frau auf

Auch zwei Frauen werden von den Nazi-Schergen aufgehängt, eine davon hochschwanger. Um die Schreie ihrer Opfer zu übertönen, lassen die Mörder die Motoren ihrer Lastwagen laufen. Einer der Gelynchten überlebt wie durch ein Wunder. "Auf den haben sie noch geschossen, wie er gehängt ist und haben dabei den Strick durchgeschossen", so Erich Biersack.

Der Blutrausch der Nazis gegen die Aktivisten der Freiheitsaktion Bayern fordert nirgends so viele Opfer wie in Penzberg. Doch auch andernorts werden zahlreiche Menschen ermordet, und das nur wenige Stunden vor der Befreiung durch die Alliierten. In Götting bei Bad Aibling werden Pfarrer und Lehrer bestialisch gefoltert und getötet, in Dachau sterben beim bewaffneten Aufstand ehemaliger KZ-Häftlinge acht Menschen. Insgesamt werden mindestens 57 Menschen ermordet, hat die Historikerin Veronika Diem recherchiert.

Der Massenmord ist in Penzberg unvergessen

In Penzberg ist der Massenmord vom 28. April 1945 unvergessen: Ein Denkmal am Sportgelände sowie Kreuze auf dem Friedhof und Straßennamen erinnern an die 16 Getöteten.

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