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Bagger haben im Rappenalptal bei Oberstdorf massive Zerstörungen angerichtet.

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Rappenalpbach zerstört – wie kam es dazu?

Rappenalpbach zerstört – wie kam es dazu?

Bagger haben im Rappenalptal bei Oberstdorf massive Zerstörungen angerichtet. Der wilde Gebirgsbach wurde auf 1,6 km Länge in einen Kanal verwandelt. BR-Reporter hatten zuerst darüber berichtet. BR24live fasst zusammen, was bisher bekannt ist.

Wer aktuelle Bilder des Rappenalpbachs sieht, erschrickt: Der wilde Gebirgsbach, der zwischen Wiesen und Wäldern sein Bett je nach Wasserstand verlagern konnte und Lebensraum für viele seltene Tiere und Pflanzen bietet, ist nun ein einförmiger Kanal inmitten einer Kieswüste. Noch sind auf den neuesten Bildern die Fahrspuren der Bagger zu sehen.

Wie konnte es zu diesem Umweltskandal kommen? Was ist bisher bekannt? BR-Reporter Christoph Scheule macht sich bei BR24live ab 15 Uhr ein Bild von der Lage vor Ort im Rappenalptal und spricht mit dem Bund Naturschutz.

Ein besonders streng geschütztes Naturschutzgebiet

Dabei ist das gesamte Gebiet aufgrund seiner Bedeutung als Naturschutzgebiet "Allgäuer Hochalpen", FFH-Gebiet "Allgäuer Hochalpen" sowie Vogelschutzgebiet (SPA) "Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen" besonders geschützt. Den Hinweis, dass in das Schutzgebiet so massiv eingegriffen wurde, bekamen BR-Reporter vom Bund Naturschutz. Ein Ortstermin brachte dann die traurige Gewissheit.

Auftraggeber war die Alpgenossenschaft

BR-Recherchen ergaben, dass die Alpgenossenschaft den Auftrag zu dem Eingriff erteilt hatte. Die Genossenschaft und ihr Anwalt wollen sich auch auf mehrfache Anfrage des BR zu den Vorgängen nicht äußern. Die Baufirma Geiger aus Oberstdorf bestätigte, dass bei den Arbeiten zwei ihrer Bagger samt Fahrern im Einsatz waren. Eine Sprecherin der Firma teilte mit, die Leitung der Arbeiten habe die Alpgenossenschaft gehabt. Inzwischen prüft die Staatsanwaltschaft Kempten, ob strafbares Handeln vorliegt. Sie hat ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet.

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Der Rappenalpbach - vor der Begradigung

Der Chef des Wasserwirtschaftsamts ist entsetzt

Beim zuständigen Wasserwirtschaftsamt (WWA) in Kempten bestätigt Amtsleiter Karl Schindele, man sei mit dem Grundstückseigentümer, der Alpgenossenschaft, im Gespräch gewesen wegen kleinerer Maßnahmen zum Gewässerunterhalt etwas weiter oberhalb. Aber nicht an der Stelle und in dem Umfang, so Schindele zu BR24. Man sei "entsetzt" über den kanalisierten Wildbach im Rappenalptal, dort wurde ein wertvoller Lebensraum zerstört.

Lässt sich der der Schaden beheben?

Erst vor zwei bis drei Wochen sei das WWA über die Baumaßnahmen am Rappenalpbach informiert worden. Seitdem liefen Gespräche mit dem Landratsamt Oberallgäu und der Regierung von Schwaben über das weitere Vorgehen. Ob und wie sich der Schaden beheben lasse, ist laut dem Leiter des Wasserwirtschaftsamts noch unklar, denn: "Der Bach wurde massiv ausgebaggert."

Landratsamt wusste nichts von der Begradigung

Beim zuständigen Landratsamt Oberallgäu in Sonthofen betont Landrätin Indra Baier-Müller, dass die Behörden nichts von der Begradigung des Rappenalpbaches wussten. Das hätte das Landratsamt in dieser Form niemals genehmigt. Demnächst werde es eine erneute Ortsbegehung geben, mit Vertretern des Wasserwirtschaftsamtes und der Regierung von Schwaben.

Ausmaß des Schadens noch nicht vollständig erfasst

Auf Anfrage des BR teilt die Regierung von Schwaben mit, es könne noch nicht abschließend überblickt werden, wie groß die Schäden am Rappenalpbach sind. Insbesondere Schäden an der Vegetation könnten erst im Frühjahr beurteilt werden. Der Wildbach wurde "auf großer Strecke drastisch verändert", heißt es in einer Stellungnahme der Behörde. Und weiter: "In seinem jetzigen Zustand entspricht er weder den Anforderungen an ein geschütztes Biotop, noch erfüllt er die Kriterien des bisherigen europarechtlich geschützten Lebensraumtyps".

Wird sich der Fluss jetzt weiter eintiefen?

Jetzt sind umfangreiche Sanierungsmaßnahmen erforderlich, heißt es von der Regierung von Schwaben. Welche Konsequenzen den Verantwortlichen drohen, sei aber noch unklar. Dazu sei die Prüfung noch nicht abgeschlossen. Im Vordergrund stehe aktuell die Behebung des Schadens und die Verhinderung einer weiteren Eintiefung des Flusses. Die Bezirksregierung betont aber auch: "Verursacher müssen für entstandene Umweltschäden aufkommen."

Landet der Fall jetzt bei der Europäischen Kommission?

Der Bund Naturschutz fordert nun unabhängige Gutachten ohne Einflussmöglichkeit der Grundbesitzer, eine strafrechtliche Aufarbeitung der zahlreichen Gesetzesverstöße und baldige Renaturierungsmaßnahmen. Alfred Karle-Fendt, Artenschutzexperte des Bund Naturschutz, rechnet außerdem damit, dass dieser "illegale Eingriff" in ein sogenanntes FFH Schutzgebiet - die höchst mögliche Schutzstufe - bei der Europäischen Kommission landen wird. Die Bundesrepublik Deutschland könnte dann unter Androhung von hohen täglichen Strafzahlungen zu sofortigen Maßnahmen gezwungen werden. Inzwischen beschäftigt die Baumaßnahme im Rappenalptal auch Politiker im Bayerischen Landtag.

Umweltpolitikerin der Grünen fordert Bestrafung

So fordert die Grünen-Politikerin Rosi Steinberger, der massive Eingriff in den Gebirgsbach müsse politisch aufgearbeitet werden. Die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bayerischen Landtag schreibt in einer Mitteilung an den BR von einem "Verbrechen an der Natur" und: "Das ist einer der schlimmsten Eingriffe in geschützte Gebiete in Bayern der letzten Jahre". Sie fordert umgehende Aufklärung und begrüßt, dass die Staatsanwaltschaft bereits eingeschaltet sei. "Dieses Verbrechen an der Natur gehört streng bestraft, um Nachahmende abzuschrecken", so Steinberger weiter. "Wie konnten sich die Verursacher dieses Frevels ihrer Sache so sicher sein?", fragt die Grünen-Politikerin und kündigt an: "Wir werden dieser Sache im Landtag auf den Grund gehen“.

Empörung bei den Grünen im Oberallgäu

"Eine Riesensauerei" nennt der Oberstdorfer Ortssprecher der Grünen, Simon Wiesinger, die Zerstörung eines Teiles des Rappanalpbachs bei Oberstdorf. Die Oberstdorfer Grünen und der Kreisvorstand der Oberallgäuer Grünen zeigen sich entsetzt über das Ausmaß der Eingriffe im Rappenalptal. In einer Mitteilung spricht die Kreissprecherin Carolin Schenk von der "schlimmsten Naturzerstörung der letzten Jahre im Oberallgäu. Es sei "unfassbar", dass solch ein wertvoller Lebensraum ausgerechnet von einer Alpgenossenschaft zerstört wurde. Die Grünen fordern Aufklärung und eine rechtliche Verfolgung der Verantwortlichen. Die Behörden müssten nun auf Kosten der Verursacher für eine bestmögliche Renaturierung sorgen.

BUND Naturschutz fassungslos

Alfred Karle-Fendt vom Bund Naturschutz, der das Rappenalptal wie seine Westentasche kennt, zeigte sich im BR24 live-Gespräch mit Reporter Christoph Scheule fassungslos angesichts des angerichteten Schadens. Er habe einen Eingriff dieser Dimension in 35 Jahren nie gesehen. Das Gebiet sei strengstens geschützt, auch nach europäischen Richtlinien: "Das Ökosystem ist komplett zerstört, nicht nur im Bach, sondern es geht vor allem um die Lebenswelt in den Kiesbänken drum herum."

Dort hätten hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten gesiedelt, die mit dem Austrocknen des Gewässers verloren gegangen seien. Man müsse nun alles versuchen, was möglich sei, aber ihm sei klar, dass die Artenvielfalt wohl unwiederbringlich verloren sei.

Umweltministerium prüft rechtliche Schritte

Inzwischen hat sich auch das Bayerische Umweltministerium zu dem Fall geäußert. Auf BR-Anfrage ließ ein Sprecher wissen, dass die Zerstörung von naturschutzrechtlich geschützten, ökologisch wertvollen Gebieten nicht hinnehmbar sei. Weiter heißt es in der Mitteilung: "Das Umweltministerium nimmt den Fall sehr ernst. Von dem Eingriff betroffen sind nach Auskunft der zuständigen Kreisverwaltungsbehörde mehrere Schutzgebiete mit einem strengen Schutzregime und ein gesetzlich geschütztes Biotop."

Das Ministerium erwarte von den zuständigen Behörden eine schnelle und lückenlose Aufklärung des Sachverhalts sowie einen konsequenten Vollzug des geltenden Rechts. Die Prüfung möglicher strafrechtlicher Schritte laufe. Zudem habe das Ministerium von den zuständigen Behörden vor Ort eine umfassende Stellungnahme angefordert.

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Rappenalpbach: vom Wildbach zum Kanal

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