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Eine Wolldecke schützt vor Auskühlung

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Bibbern im Büro – Sind 19 Grad zu wenig?

Nur noch bis maximal 19 Grad dürfen Arbeitsräume für überwiegend sitzende Tätigkeiten beheizt werden. Wenn schwere körperliche Tätigkeiten durchgeführt werden, darf die Temperatur sogar nicht mehr als 12 Grad betragen. Es wird frisch am Arbeitsplatz.

Nur noch bis maximal 19 Grad dürfen Arbeitsräume für überwiegend sitzende Tätigkeiten laut Energiesparverordnung beheizt werden. Es wird also kühl an deutschen Arbeitsplätzen. Wem das zu weit geht, weil er einfach fürchterlich friert, der könnte zum Beispiel auf die Idee kommen, sich krank schreiben zu lassen.

Doch das sei nicht zulässig, sagt Arbeitsrechtlerin Gabriele Leucht: "Was ich mir vorstellen könnte: Dass Menschen mit bestimmten Vorerkrankung wie Blutdruckbeschwerden einen Attest von einem Arzt bekommen könnten." Andererseits müsse auch keiner mit einer Geldbuße rechnen, wenn er die Heizung im Büro doch ein bisschen höher dreht, sagt sie.

Frauen frieren schneller

Vor allem viele Frauen könnten diesen Winter frösteln, denn Männer und Frauen sind physiologisch ja tatsächlich nicht ganz gleich. Und das führt in vielen Fällen dazu, dass Frauen schneller frieren - individuelle Unterschiede mal außen vorgelassen. Frauen haben zum Beispiel im Durchschnitt weniger Muskelmasse als Männer. Und in den Muskeln wird die Körperwärme produziert. Die Muskelpakete der Männer wärmen sie also auch.

Verantwortlich für die Unterschiede zwischen Mann und Frau sind in erster Linie ihre unterschiedliche Ausstattung an Sexualhormonen. Und die sorgen eben auch für Körpermerkmale und Körperfunktionen, die erklären können, warum Frauen schnell frieren.

Das sagt der Internist Georg Ertl, ehemaliger Direktor der Uniklinik Würzburg: "Zum einen könnte das mit der Durchblutung von Händen und Füßen zu tun haben, und auch der Ohren, also den Enden der Extremitäten, an denen wir ja am ehesten frieren." Vermutlich reagieren die weiblichen Blutgefäße hier empfindlicher gegen Kälte: "So haben Frauen mit 28,2 Grad im Mittel tatsächlich kältere Hände als Männer mit 32,2 Grad."

Die unterschiedliche Hormonausstattung führt auch zu einer unterschiedlichen Konstitution von Mann und Frau, wie zum Beispiel zu mehr Unterhautfettgewebe bei der Frau. Das isoliert zwar einerseits das Innere des Körpers gegenüber der Haut. "Aber andererseits wird die Haut nicht so gut von innen erwärmt“, sagt Ertl, „so dass sich die Haut bei der Frau kühler anfühlt als beim Mann."

Temperatur beeinflusst kognitive Leistung

Es gibt also medizinische Gründe, warum Frauen häufig schneller frieren als Männer. Aber was bedeutet das für diesen Winter, wenn Büros und öffentliche Gebäude auf nicht mehr als sparsame 19 Grad geheizt werden sollen? Geht es nur um ein bisschen ungerecht verteiltes Unwohlsein?

Geht es nicht, sagen die Autoren einer Studie mit dem Titel: "Schlacht um den Thermostat" – übrigens ein Mann und eine Frau. Denn je nach Temperatur ändert sich auch die kognitive Leistung bei Männern und Frauen unterschiedlich. Über 500 Probanden mussten für diese Studie bei unterschiedlichen Temperaturen zwischen 16 und 33 Grad geistig anspruchsvolle Aufgaben lösen: Matheaufgaben und auch sprachliche Aufgaben, die anschließend ausgewertet wurden. Man könnte das Ergebnis ganz grob so zusammenfassen: Frauen können bei Wärme besser denken. Ergo ist die Energiekrise ein Wettbewerbsnachteil für Frauen.

Gleiches Muster bei Tieren

Warum sich Menschen im Laufe der Evolution so entwickelt haben, dass die Performance von Frauen bei steigenden Temperaturen besser wird, und die der Männer schlechter - dafür lohnt sich ein Blick ins Tierreich. Der Zoologe Eran Levin von der Universität Tel Aviv hat festgestellt: Bei allen von ihm untersuchten gleichwarmen Tieren ist es so, dass sich die Weibchen häufig wärmere Plätze aussuchen als die Männchen.

So sei etwa bei Känguru-, Pavian- und Lemuren-Männchen zu beobachten, dass sie sich für ihre Aktivitäten schattigere Plätze suchen als Weibchen: "Und bei vielen Zugvögeln legen die Männchen kürzere Distanzen zurück und bleiben in höheren Lagen während des Winters, während die Weibchen noch weiterziehen, wo sie es wärmer haben."

Fortpflanzung als Grund

Es hat sich demnach nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Fledermäusen oder Vögeln ein solcher Unterschied zwischen den Geschlechtern entwickelt. Levin interpretiert seine Ergebnisse so: "Wir denken, dass Weibchen höhere Temperaturen vorziehen, weil das wichtige physiologische Implikationen für die Funktionen hat, die spezifisch weiblich sind und bei denen Wärmeempfinden eine entscheidende Rolle spielt. Die Inkubation von Eiern beispielsweise oder des Fötus. Oder die Wärmeregulierung von Neugeborenen."

Auch Haustieren kann kalt werden

Es wundert also nicht, dass auch Haustieren kalt werden kann, wenn sie ins Büro mitgenommen werden oder im Homeoffice auf einmal bei 19 Grad gehalten werden. Vögel kommen meistens gut klar, solange sie nicht in der Zugluft stehen, sie brauchen nur möglicherweise ein bisschen mehr Futter, erklärt der Tiermediziner Michael Liertz von der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Den meisten Reptilien war es auch bisher schon zu kalt bei uns und sie bleiben am besten weiterhin in ihrem warmen Terrarium. Auch Hunde und Katzen lieben warme, kuschelige Orte, können aber mit 19 Grad gut umgehen – am besten, wenn sie die Möglichkeit haben, auch rauszugehen und sich danach an einen geschützten Ort zurückziehen zu können. Das gilt übrigens für Hündin wie Rüde.

Mütze und dicke Socken helfen

Bleibt die Frage, was Frauen machen sollen, wenn es am Arbeitsplatz unangenehm kühl wird. Schließlich müssen sie sich dort vermutlich nicht um einen Säugling kümmern und es wäre schade, auf weibliche kognitive Bestleistungen verzichten zu müssen.

Der Mediziner Ertl rät dazu, einzelne Körperteile gezielt zu wärmen: "Zum Beispiel wissen wir, dass wenn die Extremitäten warm sind, dann braucht der Körper selber gar nicht mehr so warm zu sein." Vielleicht reicht also die Mütze am Schreibtisch schon für Bestleistungen im Job diesen Winter. Oder eine Wärmflasche auf den Füßen. "Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass Fleecedecken vom Arbeitgeber bezahlt werden", sagt die Arbeitsrechtlerin Gabriele Leucht.

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