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BR24-Datenanalyse: Gut versorgt? In Bayern fehlen Kinderärzte | BR24

© picture alliance / dpa Themendienst

Die Versorgung durch Kinderärzte ist in der Hälfte der bayerischen Landkreise unter dem Soll.

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    BR24-Datenanalyse: Gut versorgt? In Bayern fehlen Kinderärzte

    Eine BR24-Datenanalyse zeigt, dass die ärztliche Versorgung sich in Bayern regional stark unterscheidet. Besonders an Kinderärzten mangelt es. Zudem fehlen mehr Ärzte, als die offiziellen Zahlen zeigen - neue Planungsrichtlinien sollen helfen.

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    Wenn Hans-Dieter Eisner hört, dass es in seinem Landkreis Kronach genau 2,12 Kinderärzte pro 10.000 Einwohner unter 18 Jahren gibt, muss er lachen. Im Landkreis leben gerade mal 9.439 Kinder und Jugendliche. Einer der beiden Kinderärzte ist er selbst, der Kollege hat seine Praxis nicht weit entfernt von seiner. Beide sitzen in Kronach, der kleinen Kreisstadt.

    Der Landkreis ist laut der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) ein sogenannter eigenversorgter Bereich. Heißt, es gibt keine angrenzende große Stadt, deren Kinder- und Jugendärzte unterstützen – die Versorgung sollte aus dem Landkreis selbst kommen. Die BR24-Datenanalyse zeigt: Dieses Ziel wird, wie in vielen bayerischen Landkreisen, nicht erreicht.

    'Verhältniszahl' legt Bedarf an Ärzten fest

    In ihren Versorgungsatlanten fasst die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) jährlich zusammen, ob die Anzahl der Haus- und Fachärzte im Freistaat der sogenannten Bedarfsplanung entspricht. Der Ärztebedarf einer Region wird nach bundesweit einheitlichen Richtlinien berechnet. Am wichtigsten dabei: Die Verhältniszahlen. Sie legt fest, für wie viele Einwohner einer Region ein Arzt maximal zuständig sein sollte. Ein Hausarzt etwa sollte in Bayern nicht mehr als 1.609 Patienten versorgen müssen. Ein Kinderarzt in einer eigenversorgten Region wie Kronach nicht mehr als 2.862 Kinder und Jugendliche. Daraus ergibt sich, wie viele volle Arztstellen pro Fachgruppe in einer Region gebraucht werden. Der Versorgungsgrad gibt an, wieviel Prozent davon tatsächlich vorhanden sind.

    Mehr zu den Daten, der Bedarfsplanung und den Planungsbereichen unten.

    Die Hälfte der Kreise hat zu wenig Kinderärzte

    Der Versorgungsgrad im Landkreis Kronach liegt für die Kinder-und Jugendärzte bei gerade einmal 60,4 Prozent. Das heißt, es fehlt dort also mehr als ein Drittel der Mediziner, die es laut Bedarfsplanung geben sollte. Kronach bildet damit das Schlusslicht in Bayern, hinter den Landkreisen Cham und Regensburg. Mit Fachärzten unterversorgt ist eine Region laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) allerdings erst ab 50 Prozent oder weniger - bei den Hausärzten bereits ab 75 Prozent. Von einer drohenden Unterversorgung kann gesprochen werden, sobald der Versorgungsgrad unter 100 Prozent fällt.

    Die folgende interaktive Karte zeigt, dass das für die Kinder- und Jugendärzten in gut der Hälfte der bayerischen Regionen zutrifft– entdecken Sie, wie es in Ihrem Landkreis aussieht:

    Auch wenn noch 10 Prozentpunkte bis zur tatsächlichen Unterversorgung fehlen – Hans-Dieter Eisner spürt die Anspannung. Weit von der Vorgabe der Bedarfsplanung entfernt, entfallen auf ihn und seinen Kollegen in Kronach rein rechnerisch jeweils 4.719 junge Patienten.

    Ärzte verhängen Aufnahmestopp

    "Vor ein paar Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, einen Aufnahmestopp zu haben", sagt der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Heute aber muss er so die Aufnahme neuer Patienten begrenzen: Er nimmt keine Kinder mehr an, die von einem anderen Arzt zu ihm wechseln möchten – um weiterhin alle Neugeborenen versorgen zu können.

    Auch für die Eltern seiner Patienten sei die Situation nicht einfach, besonders im nördlichen, eher ländlichen Teil des Landkreises. Früher habe es noch eine Kollegin in Steinbach am Wald gegeben. Seit sie ihre Praxis geschlossen habe, müssten die Einwohner dort nach Kronach fahren oder im angrenzenden Bundesland zum Kinderarzt gehen. "Ich habe mir schon oft überlegt, diese Räume als Zweitpraxis anzumieten, aber ich habe ja so schon zu viel zu tun", sagt Hans-Dieter Eisner. Für Familien, die es mit der Mobilität besonders schwer haben, bietet er aber schon mal Hausbesuche an.

    Veraltete Berechnung der benötigten Ärzte

    Seit Jahren steigt die Gesamtzahl der Ärzte in Bayern – das geht aus den Statistiken der KBV hervor. Dennoch herrscht in vielen Regionen wie Kronach ein Mangel. Ein Grund, den die KBV dafür nennt: Immer mehr Ärzte sind angestellt oder arbeiten in Teilzeit. Die Anzahl an Ärzten steigt demnach schneller, als die Anzahl voll umfänglicher Arztstellen.

    Aber auch in Regionen, die den Zahlen nach gut versorgt sind, erleben Menschen lange Wartezeiten und überarbeitete Ärzte. Der Grund: Die Verhältniszahlen und andere Vorgaben, auf denen die Bedarfsplanung beruht, sind veraltet und nicht ausreichend den regionalen Gegebenheiten anpassen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Psychotherapeuten. Wie die folgende Karte zeigt, gibt es nach den offiziellen Zahlen keine Unterversorgung und nur in wenigen Landkreisen eine drohende Unterversorgung:

    Dennoch gibt es zahlreiche Berichte von Patienten, die lange auf einen Therapieplatz warten müssen. Das Problem: Der Bedarf an psychotherapeutischer Betreuung ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Die Verhältniszahlen aber sind gleich geblieben, entsprechend hoch sind die Versorgungsgrade. Ab 110 Prozent und höher gilt eine Region als „überversorgt“ und wird von der KBV „gesperrt“ – neue Ärzte können sich nicht mehr oder nur noch unter Auflagen niederlassen.

    Neue Richtlinien sollen Planung und Versorgung verbessern

    Das soll sich laut KVB mit den neuen Richtlinien zur Bedarfsplanung ändern. Sie wurden im Mai 2019 bundesweit beschlossen und werden seit dem 1. Januar in Bayern angewandt. Unter anderem wurden die Verhältniszahlen gesenkt. Das bedeutet etwa 114 neue Stellen für Hausärzte, 206 für Kinderärzte und 117 für Psychotherapeuten. Außerdem werden regionale Besonderheiten wie das Alter der Ärzte stärker berücksichtigt, wenn es darum geht, eine Unterversorgung bzw. drohende Unterversorgung festzustellen und entsprechende Förderungen in die Wege zu leiten.

    "Dank der Reform können sich voraussichtlich in vielen Regionen Bayerns, insbesondere auf dem Land, Möglichkeiten ergeben, die ambulante Versorgung punktuell zu verbessern“, erklärte der Vorstand der KVB. Dennoch könne man dem Ärztenachwuchs nicht vorschreiben, wo er sich niederlassen soll. Ländliche Regionen böten nach wie vor einige Nachteile, etwa, dass Partner dort keine Arbeitsmöglichkeiten fänden. Zudem zögerten junge Medizinerinnen und Mediziner, aus einem Angestelltenverhältnis in die vermeintlich unsichere Freiberuflichkeit zu wechseln.

    Zu wenig Hausärzte im ländlichen Norden und Osten Bayerns

    Bei den Fachärzten zeigt sich dieses Dilemma speziell in den "Kreisregionen" – dort, wo in der Bedarfsplanung ein Landkreis mit einem kleinen bis mittleren Stadtkreis zusammengelegt wird. In der Kreisregion Kempten/Oberallgäu etwa gibt es 116 Prozent der geplanten Kinder-und Jugendärzte. Jedoch fällt auf, dass die meisten davon in Kempten selbst ansässig sind.

    Laut KVB ist dies für eine fachärztliche Versorgung normal. Es ergebe Sinn, "dass Fachärzte in größeren Gemeinden tätig sind, um für eine ausreichende Anzahl von Einwohnern eine gute Erreichbarkeit zu bieten." Viele Patienten seien bereit, für "besondere Spezialisten" auch teilweise weite Wege zu fahren.

    In der Kreisregion Ansbach sieht es bei den Kinderärzten ähnlich aus – die meisten Mediziner sitzen in der Stadt. Bei den Hausärzten, deren Bedarfsplanung sich nicht an Land- und Stadtkreisen, sondern an den kleinteiligeren Mittelbereichen orientiert, wird die Beobachtung bestätigt. Ansbach Süd, der Planungsbereich, der die Stadt Ansbach einschließt, hat ausreichend Hausärzte – Ansbach Nord hingegen ist der einzige Planungsbereich in Bayern, der unter 75 Prozent fällt und somit rechnerisch unterversorgt ist.

    Folgende interaktive Karte zeigt, dass besonders den ländlichen Bereichen im Norden und Osten Bayerns eine Unterversorgung droht:

    Die Versorgungsgrade werden laut KVB in nächster Zeit eher nach unten gehen. Grund ist die neue Bedarfsplanungs-Richtlinie und deren Umsetzung. Da die Verhältniszahlen abgesenkt worden sind, entstünden vorübergehende Lücken, die erst nachbesetzt werden müssten. Bereits jetzt sei klar, dass die Corona-Krise die Nachbesetzung erheblich gebremst habe.

    Über die Daten, die Bedarfsplanung und die Planungsregionen

    Die hier analysierten Daten stammen aus den Versorgungsatlanten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) und dem Bundesarztregister der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) – jeweils für das Jahr 2019. Diese versammeln Daten zu allen Ärzten, die an der Kassenärztlichen Versorgung teilnehmen. Dazu zählen sowohl Hausärzte als auch Fachärzte und Spezialisten. Betrachtet wurden unter anderem die Anzahl der Ärzte nach Anrechnung in der Bedarfsplanung, die Anzahl der Ärzte nach Personenzählung, die Einwohnerzahlen der Planungsbereiche und die Versorgungsgrade.

    Die Ärztezahl nach Anrechnung in der Bedarfsplanung berücksichtigt, zu wieviel Prozent ein Arzt an der kassenärztlichen Versorgung beteiligt ist und ob er Voll-oder Teilzeit arbeitet. Sie ist also meist geringer, als die tatsächliche Anzahl von Ärzten, die in einer Region tätig sind.

    Die Bedarfsplanung der fachärztlichen Versorgung, zu denen etwa Kinderärzte und Psychotherapeuten zählen, orientiert sich an den Land- und Stadtkreisen. Teilweise werden kleinere Stadtkreise mit angrenzenden Landkreisen zu sogenannten Kreisregionen zusammengefasst. Die Planungsbereiche der hausärztlichen Versorgung sind kleinteiliger und orientieren sich an den sogenannten Mittelbereichen. Hier sind regionale Abweichungen möglich. Stark beanspruchte oder große Mittelbereiche können unterteilt werden, um dem Versorgungsbedarf besser gerecht zu werden. Deshalb kann es auf der Übersichtskarte dazu kommen, dass ein Mittelbereiche mehrere Planungsbereiche beinhaltet.

    Die Farbskala der Karten gibt den Versorgungsgrad der Kreise und Planungsbereiche wieder. Zusätzlich wird Anzahl der Ärzte pro 10.000 oder 100.000 Einwohner angegeben. Sie wurden aus den Ärztezahlen nach Anrechnung in der Bedarfsplanung errechnet.

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