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Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung

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    Mehr Frauen in die Politik – aber wie?

    Parlamente gelten als Männerdomäne, nur jedes zehnte Rathaus in Deutschland hat eine Chefin. Stand heute. Wie können sich Frauen in der Politik besser durchsetzen? Eine BR24 Clubhouse Diskussion.

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    Von
    • Julia Kammler

    "In High Heels zum offiziellen Kindergartenbesuch? Was sagen denn da die Leute?!" Mit solchen Fragen als Frau mit einem öffentlichen Amt immer wieder konfrontiert zu werden, langweilt Dorothee Bär (CSU), Bundestagsabgeordnete und Staatsministerin für Digitalisierung, mittlerweile nur noch. "Das Aussehen, das Outfit – es passt ja nie. Und wenn das Outfit dann mal passen würde – gedeckte Farben, maximal drei Zentimeter Absätze, den Rocksaum noch fünf Zentimeter länger – dann würde eben etwas Anderes stören." Was Dorothee Bär gelernt hat auf ihrem Weg als Frau in die Bundespolitik: "Höre nur auf Ratschläge von den Menschen, die du selbst auch um Rat gefragt hättest und nicht auf die ungebetenen."

    Frauen werden oft unterschätzt und belächelt

    Das kann auch Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, bestätigen. Am Anfang ihrer politischen Karriere wurde die 35-Jährige wegen ihres zu schnellen Redens, ihrer Anglizismen und ihrer Grimassen kritisiert. Doch sie hat sich nicht verbiegen lassen. Zu Recht: Der Verband der Redenschreiber in Bayern kürte Schulze im Landtagswahlkampf 2018 zur besten Rednerin, vor Markus Söder (CSU).

    "Change the system, not the women", so Schulzes Devise. Die Gesellschaft habe ein bestimmtes Bild, wie Frauen zu sein hätten – nicht nur in der Politik. Werde Frau bei einer Rede mal lauter, gelte sie als aggressiv oder wütend. "Bei Herren steht dann in der Presse: Klar und deutlich, setzt sich durch, redet Tacheles!", sagt Schulze.

    Auf der neuen Social Media Plattform Clubhouse haben Schulze und Bär im BR24 Talk mit Besuchern eine Bestandsaufnahme zur Situation der Frauen in der Politik gemacht und darüber diskutiert, wie die Politik weiblicher werden könnte.

    Gesellschaftskultur muss sich ändern

    Dass sich Frauen meistens auf ihr Äußeres reduzieren lassen müssen, stört viele. Ein früheres SPD- und jetziges CSU-Mitglied erzählt: "Da ist man ein bisschen blonder, zieht sich gut an und schon wird man nicht mehr ernst genommen."

    Sexistische Ränkespiele seien das, meint Charlyn Meinhardt. Sie will sich für die SPD in Thüringen in den Bundestag wählen lassen. "Ich kam mal zu spät in eine Sitzung, da hieß es dann, du musstest dich sicher noch schminken". Meinhardt hat nicht mit so vielen anmaßenden Kommentaren gerechnet, als sie in der Politik angefangen hat. Seit klar ist, dass sie nach Berlin will, wird sie verstärkt auch nach der künftigen Kinderbetreuung gefragt: "Wie willst du das dann machen, mit dem Kind?!" Ihre Antwort: "Ich bin kein Bakterium, das Kind hat auch einen Vater!"

    Dass es Rabenmuttercharakter haben soll, wenn man als junge Mutter nach einem Mandat oder einer Führungsaufgabe strebt, versteht Dorothee Bär (CSU) nicht. Die 42-Jährige hat drei Kinder. "Warum werden immer die Mütter gefragt und nicht die Väter?" Und auch der Ausspruch "Du hast doch noch Zeit, um etwas zu werden!" sei fehl am Platz. "Ich habe immer gesagt, ich finde es nicht erstrebenswert, als Nachwuchshoffnung in Rente zu gehen."

    Frauenpower oder Frauenquote?

    "Ich habe lange nicht mehr mit so großer Begeisterung einem Clubhouse-Talk gelauscht", mischt sich Magdalena Rogl, Head of Digital Channels bei Microsoft, in die Diskussion ein. Frauen müssten sich gegenseitig eine Bühne geben, Räume öffnen, sich nach oben holen. "Wir alle, jeder einzelne von uns ist dafür verantwortlich, wie wir die Gesellschaft prägen, wie wir uns verhalten."

    Ulrike Scharf (CSU), Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Frauenunion Bayern, stellt klar: Frauen müssen so oft es geht, sichtbar machen, dass sie immer noch so stark unterrepräsentiert sind. Es sei noch ein langer Weg, bis sich kulturell und historisch etwas ändern werde.

    Bis dahin wäre eine Frauenquote zumindest als Krücke schon gut, findet Katharina Schulze (Grüne). Ihr dauert die gesellschaftliche Veränderung schlicht zu lange. "Ich wäre ja schon happy, wenn in den Kommunalparlamenten zur Hälfte Frauen sitzen würden", so Schulze. Es gebe immer noch Gemeinderäte, da müsse man Frauen mit der Lupe suchen.

    Dorothee Bär ist erst im Laufe der Jahre, wie sie sagt, Erfahrungsfeministin geworden. Erzogen wurden sie und ihr Bruder nämlich völlig gleichberechtigt, erzählt sie: "Wenn der eine den Abwasch machen musste, hat der andere abgetrocknet und andersrum."

    Das Argument, dass sie es schließlich auch ohne Quote in die Politik geschafft habe, lässt die CSU-Politikerin nicht gelten. "Das sieht dann immer so aus, als läge es an den Frauen selbst und nicht am System", sagt Bär.

    Julika Sandt (FDP) ist die einzige Frau in ihrer Fraktion im bayerischen Landtag. Sie ist der Ansicht, man müsse es den Parteien selbst überlassen, wie sie Frauen nach vorne bringen. Talentmanagement und pro aktives Werben wäre eine Möglichkeit.

    "Politik muss für junge Mädels sexy gemacht werden"

    Auch digitale Möglichkeiten könnten mehr Frauen in die Politik bringen, sagt Bär. "Ich muss mich dann nicht mehr entscheiden, ob ich die Kinder heute Abend ins Bett bringe, oder an der Gemeinderatssitzung teilnehme."

    Claudia Eckert, die als Parteilose in Brandenburg Wahlkampf gemacht und später selbst aktiv für eine passende Nachfolgerin gesorgt hat, meint: "Wichtig ist, dass die Frauen sich trauen. Man muss sie ja nicht old fashioned ins Boot holen, sondern könnte es zum Beispiel über Projekte aus dem Bereich Citizen Science versuchen."

    Für die stellvertretende Bundesvorsitzende der Schüler-Union Oberbayern, Gina-Marie Mojr, steht fest, dass "Politik von jungen Mädels für junge Mädels sexy und interessant gemacht werden muss." In Bayern gebe es bereits tolle Vorbilder für Frauen in der Politik, die zeigen, dass Politik beides sein kann: Super spannend und super sexy.

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