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BR-Reporter versucht sich als Hüttenwirt | BR24

© BR/Georg Bayerle

Zwei Wochen hat Georg Bayerle aus unserer Rucksackradio-Redaktion ehrenamtlich als Hüttenwirt auf der Rauhekopfhütte in Tirol gearbeitet. Auf 2.731 Metern, direkt am Gletscher und Versorgung nur per Helikopter. Ein Erfahrungsbericht.

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BR-Reporter versucht sich als Hüttenwirt

Zwei Wochen hat Georg Bayerle aus unserer Rucksackradio-Redaktion ehrenamtlich als Hüttenwirt auf der Rauhekopfhütte in Tirol gearbeitet: auf 2.731 Metern, direkt am Gletscher. Nur einmal im Jahr kommt der Helikopter vorbei. Ein Erfahrungsbericht.

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Zwei Wochen Hüttenwirt auf der Rauhekopfhütte. Fern der Zivilisation. Auf über 2.700 Metern nahe dem Gletscher. Am Ende werde ich sagen: eine Erfahrung, die fast süchtig macht. Mit am schönsten war, zu erleben, wie hilfsbereit die Gäste sind: Jeder und jede bringt sich in die Hüttengemeinschaft auf Zeit ein: zum Beispiel beim Kuchenbacken. So sitzen Edita und ihre Tochter in der Nachmittagssonne auf der kleinen hölzernen Terrasse, vor sich auf dem Tisch ein Messer und Äpfel.

"Weil ich gemütlich auf der schönsten Hütte in Österreich sitze und nichts zu tun habe. Und Karmapunkte sammeln ist immer gut. Es ist einmalig: Wo gibt es noch eine Hütte, die sich selbst bewirtschaftet? Wo ein Verein sich engagiert, kostenlos und ehrenamtlich?" Edita, Bergsteigerin

Kein leichter Aufstieg zur Rauhekopfhütte

Von dieser Hütte mit ihren 20 Lagerplätzen könnte kein Hüttenwirt leben. Also kommen alle zwei Wochen immer neue Ehrenamtliche hoch. Das Hinaufkommen allerdings ist auch für die Gäste gar nicht so ohne.

"Ich hatte am Anfang Bammel, als ich den Gletscher gesehen habe, aber als dann klar war, dass der Aufstieg relativ einfach war und es kein Loch gab, war alles gut. Am Ende haben wir unten ein paar Probleme gehabt, weil man nicht sehen konnte, wo der Einstieg ist. Da hatten wir ein paar kleine Streitgespräche." Ria, Bergsteigerin

Hier oben sieht man den Klimawandel

So kämpfen viele mit der wilden Gletscherlandschaft. Öfters habe ich Bergsteigern übers Handy den Weg beschrieben oder bin gleich abgestiegen, um sie zu führen. Unfälle hat es in den zwei Wochen glücklicherweise keine gegeben, bis auf drei Schrammen am Kopf, die sich der 1,98-Mann Thilo an den niedrigen Decken und Türstöcken zugezogen hat. Ein junger Rheinländer wurde höhenkrank und von erfahrenen Bergsteigern ins Tal begleitet.

Oben angekommen sind alle überwältigt. Allerdings erkennen die meisten an den Felsen, Moränen und dem Gletscherschutt auch, wie dramatisch sich die Landschaft durch den Klimawandel verändert. Das macht nachdenklich und demütig, denn die Landschaft hier gibt es seit Jahrmillionen.

Gletscherwasser säubern und trinken

Eine kurze Kraxelei über lockere, aufgetürmte Felsblöcke führt auf den Hausberg, den 2.990 Meter hohen Rauhekopf: Von hier schweift der Blick kilometerweit über den großen Gepatschferner. Ein Murmeltier lässt sich aus einem Meter Entfernung fotografieren. Steinböcke, Schneehühner und Gämsen sind seltene und scheue Gäste, aber wir wissen, dass sie immer da sind, auch wenn wir sie nicht sehen.

Tag und Nacht rauscht das Schmelzwasser in einem Dutzend Bäche zu Tal. Der 13-jährige Kilian ist bei der täglichen Leitungsspülung dabei und weiß, wie es geht.

"Man muss das Wasser, das vom Gletscher kommt, natürlich auch reinigen, und deswegen haben wir die Filteranlagen immer wieder auslaufen lassen, damit der ganze Schlick rausgeht und wir danach sauberes Trinkwasser haben." Kilian, 13 Jahre

Hüttengemeinschaft auf engem Raum

Abends sitzen alle gemeinsam bei Kerzenlicht in der Stube, denn die kleine Solaranlage liefert nur wenig Strom, den wir für Kühlschränke und die Küche brauchen. Da sich die 20 Plätze in der kleinen Hütte nur auf zwei Lager verteilen, blicke ich morgens regelmäßig in etwas wolkenverhangene Augen der Schnarchgeschädigten, die sich aber mit dem Kaffee und dem selbst gebackenen Brot schnell aufhellen.

Ganz automatisch rückt man hier näher zusammen und redet auch über private Dinge. Es ist eine echte Gemeinschaft, die hier gelebt wird. Als die Spülung im Damenklo ausfällt, melden sich sofort ein Wasserwirtschaftler und ein Chirurg und reparieren den Schaden.

Alle spüren auf der kleinen alten Hütte die Größe der Landschaft, die Urgewalt des Gletschers und der Dreitausender, aus denen täglich Felsstürze krachen. Und obwohl ich Tag für Tag, zwei Wochen lang in immer die gleiche Landschaft aus Fels, Eis, Himmel und Wolken geschaut habe, ist dieses Schauspiel nie langweilig geworden. Im Gegenteil: Ich bin fast süchtig danach!