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Im Interview mit dem BR-Politikmagazin Kontrovers zeigt sich Tübingens Oberbürgermeister Palmer zuversichtlich, dass der Modellversuch mit Tests Corona-Maßnahmen zu lockern funktioniert. In Bayern sollen nach Ostern acht Städte den Versuch kopieren.

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Boris Palmer: Tübinger Modell? "Das geht auch in München"

Im Interview mit dem BR-Politikmagazin Kontrovers zeigt sich Tübingens Oberbürgermeister Palmer zuversichtlich, dass der Modellversuch mit Tests Corona-Maßnahmen zu lockern funktioniert. In Bayern sollen nach Ostern acht Städte den Versuch kopieren.

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Von
  • Ralf Fischer

Plötzlich ist das kleine Tübingen in aller Munde: Ein Tagesticket gewährt begrenzt Freiheiten – essen in Restaurants, Kino-Besuche oder Einkaufen. Voraussetzung: ein negativer Corona-Schnelltest, durchgeführt in offiziellen Teststationen. "Wir haben in den ersten 14 Tagen keinen Anstieg in der Inzidenz gesehen, wir haben die Infizierten herausgefischt", erklärt der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (B‘90/Grüne) im Interview mit dem BR-Politikmagazin Kontrovers.

Seit Mitte März läuft der Test – die Genehmigung aus Stuttgart habe nur fünf Tage gebraucht. "Die Zeit war reif dafür", so Palmer. Der Andrang der Besucher sei so groß, dass seine Stadt am kommenden Samstag die Tickets für Auswärtige limitieren werde.

Acht Modellstädte sollen kontrolliert öffnen

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte im Landtag ebenfalls kontrollierte Öffnungen in acht Städten im Freistaat an. Das Gesundheitsministerium solle dafür Regionen mit Corona-Inzidenzen zwischen 100 und 150 auswählen. Nach Ostern sollen die Tests zwei Wochen laufen, hatte Söder bereits zuvor erklärt. Mehrere Städte haben ihre Bewerbung bereits für das von Söder getaufte "Tübingen plus" angekündigt. "Bekanntlich ist die Kopie die höchste Form des Lobes", sagt Tübingens Oberbürgermeister Palmer.

Palmer: München habe keine Erlaubnis bekommen

Und Palmer kann sich Kritik an der Staatsregierung nicht verkneifen: Er habe auch mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) vor drei Wochen das Konzept diskutiert: Sie seien sich einig, das ginge ebenfalls in größeren Städten. Auch in München. Man müsse den Radius für die Teststationen finden, die Tests und das Personal beschaffen.

"Es gibt ja in Bayern bisher keine Modellprojekte. Kollege Reiter hat mir gesagt, er würde schon gern eines machen, aber bekommt von der Staatsregierung keine Erlaubnis dafür. Und dass jetzt Herr Söder erklärt hat, er wolle gleich acht Städten die Erlaubnis geben, das finde ich super." Boris Palmer, Oberbürgermeister Tübingen

Tatsächlich hat Bayerns Ministerpräsident Söder am Dienstag erklärt, er halte Großstädte nicht geeignet für solche Modellprojekte.

Vom Provokateur zum Hoffnungsträger

Quer durch alle Parteien lobten Spitzenpolitiker diese Woche den Versuch in der baden-württembergischen Kleinstadt. Auch die Kanzlerin zeigte sich heute nach ihrer Entschuldigung über die kassierte Ruhetags-Entscheidung im Bundestag für solche Versuche offen.

"Ich habe auch nur Menschen getroffen, die den Kopf geschüttelt haben über die letzten Beschlüsse. Und dann zu sehen, dass das so nicht geht und man einen anderen Weg beschreiten muss. Nun auch im Bundestag zu sagen, sie findet das gut, was Tübingen macht - das spricht für sie, das spricht für unsere Bundeskanzlerin." Boris Palmer, Oberbürgermeister Tübingen

Palmer hatte in der Vergangenheit nicht an Kritik an den Corona-Maßnahmen und ihren Folgen gespart. Seine eigene Parteiführung entzog ihm die Unterstützung, als er im Mai 2020 gesagt hatte: "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären."

Nun ist seine Stadt plötzlich Avantgarde in der Pandemie-Bekämpfung. Aber, was ist, wenn sie scheitern und die Infizierten-Zahlen in Tübingen steigen? Dann würden sie abbrechen, sagt Palmer: "Für das ganze Land wäre die missliche Lage, dass wir keine funktionierende Corona-App hätten, dass wir nicht genügend Impfstoff haben und dass wir auch mit Teststrategien nicht unser Leben und unsere Freiheit zurück kämpfen können. Dann wären wir noch ein halbes Jahr in Lockdowns eingekesselt."

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Die Inzidenzen steigen, der Lockdown geht weiter. In Tübingen dagegen herrscht weitgehend Normalität - Geschäfte, Cafés und Kinos sind geöffnet. Dahinter steht ein Corona-Test-Konzept. Wie fühlt sich Corona-Freiheit an? Ein Kontrovers-Selbstversuch.

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